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ARTE TRASH - 19/02/12

Interview mit Herschell Gordon Lewis

Interview mit dem „Godfather of Gore“ Herschell Gordon Lewis beim 11. Internationalen Fantasyfilm-Festivals in Neuchâtel (NIFFF), vom 1. bis 9. Juli 2011.

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Seine ersten Schritte als Regisseur machte Herschell Gordon Lewis in der Pornofilmbranche, wo er jedoch bald von der Konkurrenz überrannt wurde. Dann schockte er alte und junge Filmliebhaber mit den unkonventionellen Horrorstreifen „Blood Feast“ (1963) und „Two Thousand Maniacs!“ (1964), blieb dem Genre ein gutes Jahrzehnt lang treu und produzierte unter anderem „The Wizard of Gore“ und „The Gore Gore Girls“ 1975). Das Besondere an Lewis‘ Filmen lag in dem augenzwinkernden Einsatz völlig neuer, blutrünstiger Spezialeffekte: Der Gore-Film (auch: „Splatter-Movie“) war geboren. Seitdem folgten zahlreiche Horror-Regisseure seinem Beispiel und versorgten die wachsende Fangemeinde mit mehr oder weniger geschmackvollen Streifen. Für die technikverwöhnten Kinogänger von heute mögen Lewis‘ Filme abgeschmackt wirken – doch mit ihrem innovativen Realismus, ihrer unverhohlenen Leidenschaft und ihrer hemmungslosen Brutalität haben sie als Pioniere eines neuen Genres längst ihren festen Platz in der Kinogeschichte. Aber ihr Urheber hat noch lange nicht das letzte Wort gesprochen!

Sie gelten nach wie vor als Ikone des Films – obwohl Sie seit 30 Jahren nicht mehr drehen…
Das stimmt. Bevor das Internet auf mich aufmerksam wurde, berührten sich meine beiden Lebenswelten kaum. Ich bin zweitberuflich im Marketing tätig, habe 32 Bücher geschrieben, Vorlesungen gehalten und Werkstätten in der ganzen Welt organisiert. Nur manchmal sagten die Leute: ‚Wissen Sie, dieser Typ hat früher mal echt schräge Filme gemacht!‘ Mit dem Internet hat sich alles verändert. Ich habe diese Lebensphase nie verleugnet und widme meinen Filmen auch eine Rubrik auf meiner professionellen Internetseite. Doch schon damals war mir klar, dass ich das Filmgeschäft, nachdem man mir die Erfindung des sogenannten ‚Splatter Movies‘ zugeschrieben hatte, irgendwann verlassen müsste. In dieser Branche bleibt nichts geheim, und die Leute dachten: ‚Der Typ hat kaum Talent, noch weniger Geld und nur unbekannte Darsteller. Sein Erfolgsrezept sind die Spezialeffekte, für die das Publikum zu zahlen bereit ist. Das kann ich besser.‘ Und alle fingen an, das Gleiche zu machen, sogar die großen Studios. Da begriff ich, dass meine Karriere vorbei war, und kehrte in meinen alten Beruf zurück, den ich nie ganz aufgegeben hatte. Und bis zu meiner „Auferstehung“, die ich allerdings nicht meiner Kreativität, sondern allein den neuen Technologien verdanke, dachte ich nie mehr an mein altes Leben. Dann kam die Videokassette, dann die DVD. Anfangs wusste ich gar nicht, wie mir geschah, und hielt die Menschen bloß für verrückt. Plötzlich lud man mich zu Veranstaltungen ein – was mir sehr gefiel – und legte mir Filmprojekte vor. Ich sage immer, Filmemachen ist wie Malaria: Auch wenn die Krankheit geheilt scheint, bleibt sie im Blut und kann jederzeit wieder ausbrechen. Jetzt ist es soweit: Mein neuer Film „The Uh-Oh! Show“ ist fertig. Und ich finde ihn toll.
Es war mir nie peinlich, Horrorfilme zu machen. Heute gehören solche Filme zum Mainstream, aber zurzeit von „Blood Feast“ behandelte man mich wie einen Verbrecher: ‚Wie kann er es wagen, er ist noch nicht mal aus Hollywood!‘ Eines Tages aber betrachtete die Hollywood-Elite meine Filme aus neuer Sicht und sagte: ‚Das wollen wir auch machen! Es kostet nicht viel und ist mit absoluter Sicherheit rentabel.“ So ist die Kinoindustrie eben. Auch wenn manche Menschen den industriellen Aspekt verdrängen und sich nicht bloß als Filmemacher, sondern als „Künstler“ sehen – das ist alles eine Frage des Egos.
Meine Art ist das nicht. Aber ich war bei Dreharbeiten dabei und habe gesehen, wie manche Regisseure und Drehbuchautoren die Vorschläge ihres Stabs konsequent ablehnten: ‚Wie könnt ihr es wagen, das ist mein Film!‘ Ich nehme Vorschläge immer gerne entgegen. Ich setze sie nicht immer um, manchmal aber schon. Damit die Leute interessante Vorschläge machen, muss man eine angenehme Arbeitsatmosphäre schaffen. Das scheint mir logisch, aber viele Produzenten und Filmemacher haben solche Angst vor den Ideen der anderen, dass sie sie einfach nicht zulassen.

Sie arbeiten ähnlich wie William Castle. Liegt das an ihrem Job in der Werbebranche? Die Kampagnen ihrer Filme sind oft sehr humorvoll – einmal verteilten Sie sogar Spucktüten an die Kinobesucher…
Ja, unsere Werbekampagnen waren etwas Besonderes. Manchmal baten mich andere Produzenten darum, ihre Filme zu bewerben. William Castle machte wirklich tolle Sachen, zum Beispiel den Trailer zu „The Tingler“. Einmal sprang im Kinosaal plötzlich jemand auf, das fand ich brillant. Aber Spucktüten hatte vor uns noch niemand an die Kinobesucher verteilt. Wir taten es, weil „Blood Feast“ so experimentell war, dass weder die Produzenten noch die Kinobetreiber wussten, wie das Publikum reagieren würde. Wie bedruckten die Tüten mit dem Satz: ‚Diese Tüte werden Sie vielleicht während der Vorstellung gebrauchen können.‘ Dabei übertrieben wir den vermeintlichen Schockfaktor des Films absichtlich, damit sich die Zuschauer auf etwas Schlimmeres vorbereiteten und beim echten Film dann nicht so sehr erschreckten.
Mein vor wenigen Monaten verstorbener Partner David Friedman und ich machten uns auch einen Spaß daraus, Bücher mit der Geschichte von „Blood Feast“ in den Kinos zu verteilen. Wir schleppten kofferweise Bücher mit uns herum, wie Straßenhändler – die meisten haben wir unterwegs verloren. Vor kurzem lud mich mein Freund John Waters in sein Haus nach Baltimore in den USA ein und sagte: ‚Ich zeige dir etwas, das mich einen Haufen Geld gekostet hat.‘ Und er holte eines dieser Bücher hervor, die heute als Rarität gelten. Diese kleinen Show-Tricks haben also große Wirkung. Um eine Kamera zu bedienen, braucht man kein besonderes Talent. Die Frau hinter uns könnte zum Beispiel unsere Unterhaltung filmen, mit Schuss-Gegenschuss-Verfahren und mehreren Einstellungen, wenn sie richtig perfektionistisch ist. Und ist sie deswegen eine Filmemacherin? Ja! Jeder kann Filme machen! Aber um dann Menschen auf sein Werk aufmerksam zu machen, die noch nie von einem gehört haben und nicht wissen, wie genial man ist – dazu braucht man Talent.
Das ist das Entscheidende im Kinogeschäft. Wenn ich einen Film mit Brad Pitt oder Johnny Depp drehe, will ihn natürlich jeder sehen. Doch der Darsteller, der in „Blood Feast 2“ Fuad Ramses spielt, nennt sich JP Delahoussaye. Wer sagt schon: ‚Ach, ich will unbedingt den neuen Fim mit JP Delahoussaye sehen‘? Hier muss eine gute Werbekampagne den Starfaktor ersetzen.

Früher unterrichteten Sie englische Literatur an der Universität. Wie beurteilen sie das Horrorgenre aus wissenschaftlicher Sicht?
Byron, Shelley und Keats waren die bedeutendsten englischen Dichter des frühen 19. Jahrhunderts. Doch alles, was von dieser literarischen Epoche übrig blieb, ist Mary Shelleys „Frankenstein“. Die Geschichte geht mit der Kunst nicht sehr sanft um – nur „Frankenstein“ hat überlebt, alles andere hat man vergessen. Das habe ich in meiner Zeit als Literaturdozent immer wieder erfahren müssen, obwohl meine Studenten durchaus nicht ungebildet waren. Mein Fachgebiet war das viktorianische Zeitalter, eine Hochzeit der Literatur…
Königin Viktoria kam 1837 an die Macht und starb 1901. Obwohl Byron, Shelley und Keats sehr jung starben, haben sie die englische Literatur unheimlich vorangebracht. Trotzdem erinnert man sich kaum an sie. Es zählt nur, was bleibt. Vielleicht kann man „Blood Feast“ sogar mit Mary Shelleys „Frankenstein“ vergleichen, denn von all den Horrorfilmen, die in den sechziger Jahren gedreht wurden, können die meisten Menschen nur eine Handvoll auswendig aufzählen. Fragt man sie aber nach dem ersten Splatter-Film, antworten sie sofort: ‚Blood Feast’! Da habe ich Glück gehabt. Ich sollte mich über diese Art der Anerkennung freuen.

Gibt es im Kino noch Dinge, die Sie schockieren?
Ja, aber mein Geschmack ist nicht maßgeblich. Ich sehe nicht gerne dabei zu, wenn Kinder gequält werden, Menschen sich verzweifelt wehren oder untergehen. Filme müssen unterhaltsam sein. Aristoteles, der die Grundsätze der Poetik sehr schön beschrieben hat, spricht von Katharsis – heute scheint es eher, als wolle man immer noch einen draufsetzen, um den Zuschauer völlig fertig zu machen.

Welcher Ihrer Filme sollte bei ARTE-Trash laufen?
Dafür wäre „Two Thousand Maniacs!“ geeignet. Man kann ihn mit der ganzen Familie anschauen, ohne befürchten zu müssen, dass die Kinder 35 Jahre später zu Massenmördern werden und es auf diesen Film zurückführen. Es gibt schon zu viele Anschuldigungen dieser Art.

Vielen Dank an Herschell Gordon Lewis und die Festival-Organisatoren.
Das Interview führte Jenny Ulrich am 3. Juli 2011.




„Two Thousand Maniacs!“ (Herschell Gordon Lewis singt selbst.)



« The Uh-Oh ! Show »



Der Dokumentarfilm über Hershell Gordon Lewis


Erstellt: 17-01-12
Letzte Änderung: 19-02-12