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11/07/08

Interview mit Filmautor und Regisseur Julian Benedikt

Autor des Dokumentarfilms "Play Your Own Thing - Auf den Spuren des Jazz in Europa" (auf ARTE am 30. 6. 2008)


"Play Your Own Thing!" erzählt die spannende Geschichte des Jazz in Europa. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden die synkopierten Rhythmen des Jazz durch die GIs den Weg in die Alte Welt. Aus der Bewunderung für die meist farbigen Musiker erwuchs bald der Wunsch, den Vorbildern etwas Eigenes entgegenzusetzen: von Italien bis in den hohen Norden entstanden eigene Spielarten dieser Musik.
Der Film von Julian Benedikt befragt Musiker, Musen und Mäzene; reichhaltige Konzertausschnitte und einmaliges Archivmaterial vervollständigen das vielfarbige Zeit- und Musikporträt, das auch ein erstaunliches Kapitel gesamtdeutscher Jazz-Nachkriegsgeschichte offenbart. Der Film lief bereits erfolgreich in den europäischen Kinos, ARTE zeigt die kürzere TV-Fassung.

Julian Benedikt, in Ihrem Film „Play your own thing“ zeichnen Sie den Weg des europäischen Jazz zur Eigenständigkeit gegenüber den US-amerikanischen Vorbildern nach. Warum war das zunächst ein schwieriger und langer Weg?
Das ist ja immer schwierig wenn man sich eine bestehende Kunstform aneignet, und in diesem Fall ist der Jazz doch etwas uramerikanisches, fast wie Baseball, er ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur. Es gab und gibt im Jazz großartige Musiker, die am Anfang alle aus Nordamerika kamen, da war es für europäische Musiker nicht einfach, zu sagen, wir spielen jetzt unseren eigenen Jazz. Ich glaube, das war am Anfang auch gar nicht so geplant von den europäischen Jazzmusikern. Es gab eigentlich außer Django Reinhardt nur wenige die überhaupt als Europäer wahrgenommen wurden, schließlich spielten nach dem Zweiten Weltkrieg in den Klubs hauptsächlich Amerikaner, die hier stationiert waren.
Da ist erst mal die Begeisterung überhaupt für diese Musik entstanden und gewachsen, und dann hat man, wie man das immer macht, erst mal nur kopiert. Man hat sich die Platten besorgt und hat die Stücke nachgespielt, die vom anderen Kontinent rüber kamen.
Und dann gab es in den sechziger Jahren die ersten Musiker in Deutschland, England, Frankreich, Italien, die sagten, genug kopiert, jetzt spielen wir unser eigenes Ding, um Ihren Filmtitel zu zitieren?
Ja, und für diese Pioniere und die Musiker, die wirklich dafür verantwortlich waren, dass der europäische Jazz eine Eigenständigkeit bekam, habe ich mich interessiert. Ihnen wollte ich mit diesem Film ein kleines Denkmal setzen, wie sie das meiner Meinung nach auch verdient haben.
Jazz wird heute meist als afro-amerikanische Musik beschrieben, entstanden aus der Vermischung multi-ethischer und multi-kultureller Elemente. Können europäische Jazzmusiker sich überhaupt von dieser dominierenden Tradition emanzipieren und einen eigenen Stil kreieren?
Das ist kompliziert, aber dafür muss man auch sehen, wo der Jazz überhaupt herkommt. Und die wichtigste Geburtsstätte des Jazz ist New Orleans und die dortige Musik der Schwarzen, geprägt vom Blues und den Traditionnels. Es gab aber natürlich in New Orleans auch schon sehr viele Europäer, und, das ist mir selbst bei der Arbeit an diesem Film klar geworden, sehr viele europäische Einflüsse.
Die sinfonischen, klassischen Einflüsse waren da, man kann auch über die Instrumente sprechen, die durch die Europäer überhaupt nach New Orleans gekommen sind, und das sind natürlich die vielen verschiedenen Nationalitäten, die die Kreativität und Besonderheit dieses Schmelztiegels um die vorletzte Jahrhundertwende ausmachten. Man denke nur an den stilbildenden, einflussreichen Trompeter Bix Beiderbecke, der aus Niedersachsen stammte. Das sind alles Einflüsse, die von Anfang an mit in diese Musik eingeflossen sind. Die Europäer haben durch ihre eigene Kultur und ihre regionalen Einfärbungen diese Musik extrem bereichert - das war manchmal amerikanisch aber es war manchmal eben auch schon sehr europäisch.
Auch innerhalb des europäischen Jazz gibt es wiederum unterschiedliche Stile und Entwicklungslinien:besonders die skandinavische, englische, deutsche, französische oder italienische Szene sind hier zu nennen, wo jeweils eigene Akzente gesetzt werden, in den letzten Jahren zunehmend auch durch den Jazz der ehemaligen Ostblockstaaten. Wann und wo begann denn der europäische Jazz sich zu lösen und die Vorbilder hinter sich zu lassen?
Ich denke, wirklich gelöst hat er sich durch den Free Jazz, bzw. durch die freie Improvisation. Das hat auch damit zu tun, dass erst mal das Bestehende komplett aufgelöst wurde. Es wurde gar nicht mehr hinterfragt, sondern frei aufgespielt, erst durch die komplette Abnabelung von den Tradition konnte eine eigene europäische Jazzmusik entstehen. Dann kamen die Skandinavier, von denen Sie gesprochen haben, die Italiener, die Polen usw. Wobei man sagen muss, dass es gerade im ehemaligen Ostblock schon sehr früh eine eigenständige Szene gegeben hat, die zu einer eigenen Form fand.
Lassen sich die Unterschiede denn beschreiben, gibt es jenseits der Hautfarbe und des sozio-kulturellen Hintergrunds auch eine musikalische Eigenständigkeit des europäischen Jazz?
Mit Sicherheit, aber ich würde das gar nicht so einander gegenüber stellen und vergleichen wollen, denn für mich war das Thema des Films eben „Spiel Dein eigenes Ding“. Ich wollte herausfinden was es bedeutet, wenn jemand seine eigene Stimme entwickelt, und woher sie kommt.
Ich denke, dass hat gar nicht so viel mit Europa oder Amerika zu tun, sondern mehr mit diesem Prozess, den die europäischen Musiker – und nicht nur die Musiker – durchlaufen haben.
Ich habe also versucht, die Geschichte des europäisches Jazz zu thematisieren und zu erklären, was es bedarf, wenn man wirklich eine eigene Handschrift entwickeln will, und das ist eine ganz universelle Frage, die sich jeder Musiker stellen muss. Das ist für mich der Hauptkern des Film und das Thema, das mich von Anfang an interessiert hat.
Es klingt fast wie eine ironische Fußnote, dass viele der größten amerikanischen Jazzmusiker in den europäischen Metropolen ihren Durchbruch hatten und dort mehr Anerkennung fanden als in den USA. Gibt es heute ein gleichberechtigtes Nebeneinander zwischen amerikanischer und europäischer Jazzmusik?
Ja, mit einem kleinen Vorbehalt. Die amerikanischen Jazzmusiker können ohne die Europäer kaum überlegen, sie sind sehr froh, in Europa spielen zu können. Und das ist tatsächlich schon seit den fünfziger und sechziger Jahren so, als die ersten afro-amerikanischen Musiker nach Kopenhagen kamen, nach London oder Paris oder Zürich. Für die war es ein absolutes Novum, eine Woche lang in einem Klub spielen zu können und z. B. auch für die Proben bezahlt zu werden. Da gab und gibt es in Europa Selbstverständlichkeiten, die die Musiker sehr zu schätzen wissen.
Ich würde sagen, wenn man heute einen europäischen Jazzmusiker auf einem großen Festival sieht, dann steht er gleichwertig neben den großen Amerikanern. Wobei für mich die stilbildenden Trends und Interpreten im Jazz derzeit sowieso mehr aus Europa kommen, und ich wollte mit dem Film natürlich auch zeigen, wie vielfältig und abwechslungsreich der zeitgenössische Jazz ist, und dass er auch aus europäischen Ländern kam und kommt, von denen man das nicht unbedingt erwartet, beispielsweise gab es in der ehemaligen DDR eine sehr lebendige und kreative Jazzszene.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE / Juni 2008)

Erstellt: 11-07-08
Letzte Änderung: 11-07-08