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Christmas in Vienna 2007 - 20/12/07

Interview mit Elina Garança

© 2007 Teresa Pieschacón Raphael


ARTE sendet am 25. 12. 2007 um 19 Uhr die Christmette aus dem Wiener Konzerthaus mit Elina Garança und José Cura.

- Sie wuchsen in Riga (Lettland) auf. In sowjetischen Zeiten waren traditionelle Weihnachten ja verboten . Wie haben Sie denn als Kind gefeiert?
Wir Letten haben versucht unsere Traditionen weiterzuführen. Wir sind zäh und haben unsere Bräuche nicht vergessen und auch nicht abgelegt. Der 24. 12. war immer der wichtigste Tag. Mein Vater ist immer für ein paar Stunden verschwunden und kam dann zurück mit dem schönsten Baum, den er in der ganzen Stadt hat finden können. Mit Strohsternen, die die Sonne symbolisieren und getrockneten Blumen wurde er geschmückt. Inzwischen hatte meine Mutter auch schon das Essen gemacht, es mussten immer mindestens neun Gerichte auf dem Tisch stehen. „Wer an Weihnachten neunmal isst, soll im nächsten Jahr reich und glücklich werden“ heißt es in einem lettischen Spruch
Es gab Blutwurst, Erbsen, Bohnen, Pírági (Speckkuchen), Schweinebraten oder auch Fisch und natürlich Plätzchen. Bis heute sind für mich diese Gerüche sehr wichtig und wenn ich in Riga bin, kaufe ich mir immer diese Lebensmittel ein, damit ich in Wien, wo ich wohne, auch so feiern kann. Natürlich bringt auch mein Mann, der halb Spanier, halb Brite ist, seine Traditionen mit.
- Über welches Geschenk haben Sie sich als Kind gefreut?
Also damals war ich schon froh über ein Buch, das ich dann über die Weihnachtstage schon gelesen hatte. Auch über Schuhe oder Kleider freute ich mich. Dabei waren wir nicht in Not, aber es gab natürlich nicht sehr viel. Die Geschenke kamen natürlich unter den Baum und man musste sich diese Geschenke auch irgendwie verdienen: man musste vortanzen oder vorsprechen oder vorsingen. Egal, wichtig war, dass man etwas bot.
- Früh übt es sich für die Karriere.
(Lachen) Wenn Sie so wollen, ja.
- Über was freuen Sie sich heute?
Heute freue ich mich über Kleinigkeiten, besonders über Selbstgemachtes, etwa ein Bild oder eine Tischdecke. Dann merke ich, dass sich die Leute Mühe gegeben haben. Freuen tue ich mich aber auch über mehr Zeit.
- Die Sie wegen Ihres vollen Terminkalenders natürlich nicht mehr so haben können. Wie kamen Sie zur Musik?
Meine Eltern waren Musiker, mein Vater Chordirigent, meine Mutter Sängerin. Insofern war ich von Musik und Theater umgeben. Schriftsteller, Schauspieler und Musiker gingen bei uns ein und aus. Im Sommer allerdings war ich immer auf dem Lande bei meinen Großeltern, und hatte da mehr mit Schweinen und Kühen zu tun. Also insgesamt eine bunte und ganz lustige Kindheit.
- Ihre Mutter ist Stimmbildnerin, wann entdeckten Sie selbst, dass Sie eine Begabung haben?
Als Kind vielleicht, als ich etwa sechs Jahre alt war. Meine Mutter hat außerordentlich früh darauf geachtet, dass wir mit ihrer Welt zusammenkamen. Ich war also von Kindesbeinen im Theater, mit sechs Jahren bin ich zum ersten Mal in einem Bühnenmärchen als Prinzessin aufgetreten, habe an dem Kleid gearbeitet, später kamen dann noch Auftritte in Musicals dazu. Die Entscheidung zur Opernsängerin kam über Nacht. Ich war 17 und im letzten Jahr im Gymnasium. Meine Eltern baten mich damals zu sich und fragten mich, was ich denn mit meinem Leben machen will. Dann hatten wir lange Gespräche. Am nächsten Tag bin aufgestanden und habe beim Frühstück gesagt: „Ich werde Opernsängerin“.
- Wie haben Ihre Eltern reagiert?
Nicht unbedingt so begeistert. Meine Mutter wusste natürlich was dieser Beruf bedeutet, an welche Entbehrungen er auch gekoppelt ist. Es ist ja nicht nur der Applaus und das schöne Kleid und die Bewunderung, die man bekommt, sondern tatsächlich harte Arbeit., Disziplin, viele Dinge, die auf einem warten, an die man am Anfang gar nicht denkt. Meine Eltern wollten eigentlich viel lieber, dass ich ein Kulturattachee werde oder so etwas Ähnliches. Dennoch haben sie mich immer unterstützt und das ist so unendlich wichtig in unserem Beruf. Dafür bin ich sehr sehr dankbar.
- Sie sind ja mittlerweile zu einem regelrechten Star avanciert. Haben Sie je das Gefühl der Prinzessin wieder gehabt?
(Lautes Lachen) Ja natürlich ist man dann eine Prinzessin, wenn man auf die Bühne geht und sich in einen anderen Charakter verwandeln darf! Natürlich ist es schön, wenn am Ende der Vorstellung jeder zu einem kommt und einen beglückwünscht. Dann fühlt man sich schon wie eine Prinzessin. Aber ich habe erfahren, dass dies auch eine Scheinwelt ist. Wichtig ist einfach die Beziehung zum Publikum. Der wirkliche „Prinzessinen-Moment“ kommt für mich, wenn ich eine Art Stille zwischen dem Publikum und mir spüre, wenn ich merke, jetzt lauschen sie ganz aufmerksam meinem Gesang zu. Dann fühle ich mich wirklich wie eine Prinzessin. Wenn dies klappt, ist dies ein gewaltiger Moment!
- Ihre Gesichtszüge strahlen Kontrolle, Intellekt und einen starken Wille aus. Gibt es eine Parallele zwischen dem eigenen Charakter und der Klangfarbe der Stimme?
Eine wirklich gute Frage. Ich kann das selber natürlich nicht beurteilen, wir hören natürlich die Stimme in uns ganz anders als andere sie hören. Über meine Ausstrahlung habe ich eigentlich nie nachgedacht. Für mich sind technisches Können, Disziplin und Kontrolle wichtige Dinge für die Interpretation und eine Sängerlaufbahn. Vieles muss erarbeitet werden; die Stimme darf nicht überstrapaziert werden, denn sie ist mein einziges Kapital. Mit der Erfahrung gelingt es einem immer besser, die Stimme, den Ausdruck unter Kontrolle zu halten. Denn nicht immer ist ein weinender Schauspieler auch einer, der das Publikum zum Weinen bringt. Das habe ich von älteren Schauspieler gelernt. Es geht ja nicht darum, dass die Leute mit mir persönlich mitleiden, sondern mit meiner Figur. Und die muss ich spielen und das kann ich nur, wenn ich die Kontrolle über meine eigenen Gefühle habe. Ich kann mich auch nicht von Stimmungen hinreißen lassen. Das würde mich früher oder später verbrennen , denn dann habe ich irgendwann vielleicht keine Stimme mehr bzw. kann andere Rollen nicht mehr singen. Natürlich gibt es den besseren Komiker oder Dramatiker, da liegt auch das Talent unterschiedlich verteilt.
- Wie schwer fällt es Ihnen „Nein“ zu sagen?
Angebote kommen ja ständig, aber man muss sich darüber im klaren sein, was man kann, welche Grenzen man hat und wie viel man der eigenen Stimme auch zumuten kann.
- Beraten Sie sich dann mit Ihrer Mutter?
Ja auch. Schließlich unterrichtet sie Opernsänger, aber am Ende weiß eigentlich nur ich, was für mich am besten ist. Ab und zu arbeite ich mit ihr oder rufe sie an, wenn ich eine Frage habe. Aber es kommt auch vor, dass sie sagt: ‚Ich glaube Du solltest das nicht machen’. Das aber hindert mich nicht immer daran, es nicht zu machen! Denn man muss auch eigene Fehler machen können, sonst kommt man nicht weiter. Ich habe ein gutes Managment, dem ich auch vertraue. Jasager hat man ja immer mehr in dieser Karriere und es ist sehr wichtig, dass man einen kleinen vertrauten Kreis hat. Die Entscheidungen, die ich meist aus dem Bauch getroffen habe, waren meist die besten.
- Vor kurzen standen Sie in Ihrer Heimatstadt Riga als Carmen auf der Bühne.
Ich hatte ja nie so oft auf dieser Bühne gestanden, eigentlich nur damals, als ich meine Abschlussdiplom machte. Insofern war es mehr ein Haus, in dem ich zu Gast war. Schön war, dass viele Bekannte und einstige Studienkollegen kamen, die ich lange nicht gesehen hatte. Ich war gerührt und habe mich wie zuhause gefühlt.

Interview: © 2007 Teresa Pieschacón Raphael

Erstellt: 20-12-07
Letzte Änderung: 20-12-07