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Borgen, Gefährliche Seilschaften

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Borgen, Gefährliche Seilschaften

11/07/13

Interview mit Drehbuchautor Adam Price

Mit der Kochsendung "Spise med Price", die er seit 2008 mit seinem Bruder leitet, wurde er in Dänemark berühmt. Darüber hinaus ist Adam Price auch Autor von Serien wie "Anna Pihl" oder "Nicolaj und Julie", und im Jahr 2010 schrieb er Borgen, die Geschichte einer Frau an der Macht, die er mit nordischem Esprit erzählt.
 

  • Wie kam Ihnen die Idee zu einer Fernsehserie über eine Premierministerin?
Mit Borgen wollte ich mich unter anderem mit der Vorstellung auseinandersetzen, dass sich eine Frau immer mehr um das Familienleben sorgt als ein Mann. Ich habe mir überlegt, dass es schmerzlicher– und damit auch dramatischer – wäre, eine Frau zu sehen, die gezwungen ist, ständig Entscheidungen zu treffen: Lasse ich meine Familie heute Abend allein? Gebe ich meine politischen Ambitionen auf?

Das ist das zentrale Thema der Serie und noch wichtiger als der ganze politische Zusammenhang, denn darauf beruht die Dramaturgie der Figur. Im Grunde handelt es sich dabei um eines der großen Probleme unserer modernen Zeit: Wie bringen wir Privatleben und Beruf in Einklang? Auch für mich persönlich ist dies eine Herausforderung ...



Adam Price © DR Presse, Agnete Schlichtkrul

  • Zwei der drei Hauptfiguren sind starke und mächtige Frauen: Birgitte im Bereich der Politik, Katerine im Journalismus. Haben Sie Borgen als feministisches Manifest konzipiert?

Ich weiß nicht, ob eine Frau politisch anders handelt als ein Mann, aber ich glaube, dass sie anders über ihr politisches Handeln sprechen muss. Ein Beispiel: Unser ehemaliger Premierminister sagte einmal in einem Interview „Solange meine Frau und meine Kinder mich einmal in der Woche sehen, ist alles in Ordnung.“ Eine Frau könnte so etwas niemals in der Öffentlichkeit sagen, ohne als schlechte Mutter und schlechte Ehefrau hingestellt zu werden.

Die ganze Serie beruht auf der Idee zu zeigen, dass es auf jede Entscheidung, die man jeden Tag, jede Minute trifft, ankommt. Birgitte ist eine ehrgeizige Frau, die sich von der Fülle der auf sie wartenden Arbeit positiv herausgefordert fühlt und die dafür schließlich die Menschen, die sie liebt, fallen lässt. An einer Stelle spricht Birgitte von der „Qualität“ der Zeit, die sie mit ihren Kindern verbringt. Aber das ist völlig absurd, denn man kann seinen Kindern nicht weismachen, bei ihnen zu sein, wenn man es nicht wirklich ist.

 

  • Borgenwird häufig mit Aaron Sorkins amerikanischer Politserie "The West Wing" Im Zentrum der Macht aus dem Jahr 1999 verglichen. Was meinen Sie dazu?

Wir haben uns niemals gesagt: „Diese Serie ist klasse, die wollen wir auf die Verhältnisse in Dänemark übertragen“. Wir lassen uns einfach von dem inspirieren, was gut geschrieben, originell oder anders, wie Mad Men, The Wire, Treme oder The West Wing. Außerdem ist unsere Serie ganz anders aufgebaut als The West Wing, in der es um ein Team und seine Arbeit geht. Borgen ist eine Serie über die drei Säulen der Demokratie: Politik, Zivilsphäre und Medien. Wir haben versucht, das Wechselspiel zwischen diesen drei Säulen zu beschreiben, indem wir je eine der drei Hauptfiguren als Symbol für sie eingesetzt haben.

 

  • Sprechen wir doch von den Interaktionen zwischen den Medien und der Politik, einem Thema, das Ihnen offenbar sehr am Herzen liegt ...

Ja, sicher. Der vorvorletzte dänische Premierminister hat die politische Kommunikation zur Profession gemacht. Während seiner „Herrschaft“ haben die Spindoktoren (Kommunikationsberater, Anm. d. Red.) eine zentrale Rolle in der politischen Debatte eingenommen. Inzwischen sind die Bürger darüber beunruhigt, wie groß ihr Einfluss ist. Dieses Thema liegt ganz auf der Linie der derzeitigen dänischen Politik, und für uns ist es natürlich ein ausgezeichneter Impulsgeber für die dramatische Gestaltung.

Wer die Fernsehnachrichten sieht, weiß nichts von eventuellen Mauscheleien zwischen Journalisten und Spindoktoren. Unsere Idee war es, den Vorhang zu lüften und zu sagen: Schaut euch das an!

Im weiteren Sinne finde ich die politische Arena faszinierend: Dort gibt es Menschliches und Gefühle, und das liefert mir als Autor immer neuen Stoff.

 

  • Sie schreiben derzeit an Staffel 3 von Borgen. Wie arbeiten Sie mit den anderen Drehbuchautoren zusammen?

Wir sind drei Autoren. Im Vergleich zu den USA ist das recht wenig. Dort gibt es manchmal zehn bis fünfzehn Autoren für eine Serie. Unsere Teamarbeit funktioniert sehr gut. Wir arbeiten immer an zwei Folgen gleichzeitig und denken uns so gemeinsam die Geschichte aus. Innerhalb von zwei Wochen legen wir die Handlung einer Folge fest. Danach haben wir eine Woche für das Treatment, dann drei Wochen für die erste Fassung der Fortsetzung der Folge. Für die Überarbeitung benötigen wir weitere zwei Wochen. Und zum Schluss nehme ich mir alles nochmals vor und schreibe die dritte, vierte, bis hin zur fünften Fassung der Folge allein. Ich glaube, unser Schreib- und Überarbeitungsverfahren ist eines der längsten der Geschichte der Serien.

Normalerweise behandelt jede Folge ein politisches Ereignis, das den Hauptstrang der Handlung darstellt. Dabei kann es sich um einen Skandal handeln, der in der Boulevardpresse aufgedeckt wurde, um einen Minister auf der Anklagebank … Die Handlungen denken wir uns anhand von politischen Tatsachen aus. Wir vermischen sie alle und schreiben unser Skript so, dass sich unser Ausgehen von realen Begebenheiten unmöglich erkennen lässt.

 

  • Stichwort Realität. Letztes Jahr im September haben die Dänen die Führung des Landes zum ersten Mal einer Frau anvertraut, Helle Thorning-Schmidt. Glauben Sie, dass die Serie Borgen, die in Dänemark sehr hohe Einschaltquoten verzeichnet, die Wähler auf diese Idee bringen konnte?

Helle Thorning-Schmidt war seit 2005 Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei, einer der beiden großen Parteien Dänemarks. Ihre Chancen als Anwärterin für das Amt des Premierministers standen also gut. Auch waren in unseren Nachbarländern Norwegen und Island bereits Frauen an der Regierung. Die Dänen waren also schon bereit. Und folglich ist es schwierig, zu sagen, ob die Serie etwas damit zu tun hatte.

Jedenfalls hatten wir vor Kurzem die Gelegenheit, am politischen Leben unseres Landes teilzuhaben, und zwar anlässlich eines Skandals, in den verschiedene Spindoktoren involviert waren. Es kam zu einer großen Debatte über den Einfluss und den Platz der Spindoktoren an der Seite unserer Entscheidungsträger, und dies entspricht genau dem, was wir mit unserer Serie zu erhellen versuchen.

 

  • Es ist naheliegend, die beiden dänischen Serien Borgen und The Killing miteinander in Verbindung zu bringen: Beide konnten einen nie dagewesenen internationalen Erfolg erzielen, und in beiden spielen teilweise dieselben Darsteller mit, darunter Søren Malling und Mikael Birkkjær. Hat Sie The Killing unmittelbar inspiriert?

The Killing ist außerordentlich gut geschrieben. Es ist jedoch in erster Linie eine Krimiserie, die sich der Politik bedient, aber von einem Verbrechen handelt. Borgen dagegen handelt von der Politik als solcher. The Killing hat mich mehr in Sachen Form und Qualitätsanspruch inspiriert. Ich kenne Søren Sveistrup, den Autor der Serie, seit 15 Jahren, und seine Arbeit hat mich angeregt, etwas Gleichwertiges zu machen, aber eben nach meiner Façon.

 

  • Was haben die beiden Heldinnen, Sarah Lund und Birgitte Nyborg, Ihrer Ansicht nach gemeinsam?

Beide, sowohl Sarah Lund als auch Birgitte Nyborg, sind starke Frauen, die völlig in ihrer Arbeit aufgehen. Ich finde allerdings nicht, dass sie sich sehr ähnlich sind. Sarah Lund ist schweigsam, nach innen gekehrt, und daher eine sehr düstere Figur. Birgitte Nyborg dagegen ist redegewandt und ständig mit den Leuten in ihrer Umgebung im Gespräch. Deshalb ist sie wahrscheinlich eine viel ausgewogenere Persönlichkeit als Sarah Lund. Mein Freund Søren mag andere Gründe gehabt haben, eine weibliche Figur in seiner Geschichte einzusetzen, aber ich halte es nach wie vor für weitaus interessanter, zu zeigen, wie viel schmerzlicher es für eine Frau ist, sei es Sarah Lund oder Birgitte Nyborg, wenn sie Entscheidungen treffen muss.

 

  • Borgenbehandelt verschiedene politische Themen aus einer spezifisch dänischen Sichtweise: die Autonomie der ehemaligen Kolonien, die Immigrationspolitik, den Schulterschluss mit den USA. Wie kommt es, dass eine „Lokalserie“ weltweit derart erfolgreich ist?

Borgen handelt zwar von der dänischen Gesellschaft, doch vieles darin ist auch allgemeingültig. Die angesprochenen Probleme können jede westliche Demokratie betreffen. Was aber nicht wirklich beabsichtigt war: Als wir das Projekt schrieben, beabsichtigten wir zunächst nicht, es ins Ausland zu verkaufen. Bisher hatte keine Serie die dänische Politik zum Gegenstand. Ich habe also überlegt, welche Form ebenso spannend sein könnte wie eine Krimiserie – ein sehr beliebtes Genre in Dänemark – und zwar unter Verwendung derselben dramaturgischen Mittel, aber ohne die dunkle Seite, ohne Tote oder Schießereien. Das war nicht gerade einfach, aber das Ergebnis ist, glaube ich, nicht schlecht.

 Plötzlich stieß das Thema auf internationale Resonanz: Die Serie wurde nicht nur in alle skandinavischen Länder verkauft, sondern auch nach Westeuropa, Großbritannien, in die USA, nach Brasilien und Australien, und weitere Verhandlungen sind noch im Gange. So haben wir mit NBC eine Vereinbarung über eine mögliche Neuverfilmung von Borgen getroffen, im Sinne einer Adaptation an die Gegebenheiten der amerikanischen Politik. Das Verfahren ist zwar noch lange nicht abgeschlossen – denn die Serie muss zuerst unter 60 oder 70 Projekten ausgewählt werden, bevor sie hoffentlich auf den Fernsehschirmen erscheint – doch allein die Tatsache, dass unsere Serien auf den englischsprachigen Markt kommen, ist in der Tat eine Neuheit.

  • Können Sie uns zum Schluss noch ein paar Worte zur zweiten Staffel sagen, die Ende des Jahres auf ARTE ausgestrahlt wird?

Im Mittelpunkt der zweiten Staffel von Borgen steht wieder das Dilemma zwischen Beruf und Privatleben: Besonders davon betroffen ist Birgittes Familienleben, zumal sie Angriffen der Presse hinsichtlich der Vereinbarkeit ihres Amtes und ihres Familienlebens ausgesetzt ist. Auch wird eine neue Phase von Birgittes Amtszeit zu sehen sein: Der Reiz des Neuen ist vorbei, und jetzt gilt es, die tägliche Arbeit, die Routine einer Premierministerin zu bewältigen. Gleichzeitig muss sie lernen, mit einem Phantom umzugehen, das ihr bis dahin fremd war: der Einsamkeit.

 

Das Gespräch führte Oriane Hurard


BORGEN 2010
Bande son originale de la série "Borgen" signée Halfdan E.

>> Fipa d'Or Grand Prix de la meilleure bande son originale.

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BORGEN
Eine Serie von Adam Price
Mit: Sidse Babett Knudsen, Michael Birrkjær, Pilou Asbæk, Brigitte Hjort Sørensen
Produktion: Danish Broadcasting Corporation - (Dänemark, 2010, 10x60 min)

Propos recueillis par Oriane Hurard

Erstellt: Tue Jan 31 00:00:00 CET 2012
Letzte Änderung: Thu Jul 11 16:01:15 CEST 2013