Schriftgröße: + -
Home > Kultur > Kultur Digital > transmediale.05 > Interview mit Andreas Broeckmann

Kultur Digital

Transmediale Sk-interfaces Ars EMAF 2009 teil 3 teil 2 teil 1 Transmediale Article Ars electronica Tuned City Sonar Màtica oder das grosse Staunen (...)

Kultur Digital

09/02/06

Interview mit Andreas Broeckmann

 

Jens Hauser: Die transmediale 2006 vergrössert sich, geht eine Art 'Bündnis' mit der renommierten Akademie der Künste ein… und distanziert sich gleichzeitig vom bislang doch so modischen Terminus "Medienkunst". Warum?
Andreas Broeckmann: Auch wenn die Kooperation mit der Akademie der Künste keinen direkten Einfluss auf die Programmarbeit der transmediale.06 gehabt hat, dann bringt der Kontext dort natürlich schon eine erneute Befragung des Standpunkts mit sich, den die transmediale im kulturellen Umfeld Berlins und Deutschlands spielen kann und will. Gerade die Ausstellung 'Smile Machines', die wir im Rahmen des Festivals eröffnen, macht deutlich, dass es eine Kontinuität künstlerischer Praxis gibt, die von Fluxus und den Video-Experimenten der 1960er Jahre, über die interaktive Kunst der 1990er, bis zu den hybriden aktivistischen und performativen Ansätzen der neueren Netzkunst. Wir knüpfen hier also durchaus an eine Tradition an, in der nicht zuletzt die Akademie am Hanseatenweg in den 1970er Jahren selber eine wichtige Rolle gespielt hat. Der Begriff 'Medienkunst' ist dabei in den letzten Jahren immer wieder als zu ungenau kritisiert worden, denn selbstverständlich ist alle Kunst irgendwie 'medial'. Hinzu kommt, dass die Verwendung von elektronischen und digitalen Medien eine Zeit lang als Unterscheidungskriterium für eine bestimmte künstlerische Praxis nützlich gewesen ist. Das Nischendasein dieser Sparte, der oftmals zurecht ihr Technik-Fetischismus vorgeworfen wurde, sollte man jetzt aufgeben, und wir hoffen, dass wir mit der Umbenennung der transmediale von 'Medienkunstfestival' in 'Festival für Kunst und digitale Kultur' einen wichtigen Impuls geben können.


JH: Was jene Kunst auszeichnet, die sich an den aktuellen Technologien und Medien reibt, ist weniger ein distanziert-symbolisches Beobachten, als ein Sich-Einmischen ins soziale Spannungsfeld der Technologien – wie reagiert der Kongress "Reality Addics" darauf?
AB: Wir haben eine Reihe von Themen gesetzt, die das Konfliktfeld zwischen medial erzeugten oder vermittelten Welten auf der einen Seite, und der rauhen Wirklichkeit mit ihren Zufällen, mit ihrer Unordnung und ihren Regellosigkeiten auf der anderen Seite thematisieren. Es wird um die Möglichkeiten politischen Handelns durch Kunst gehen, und um die Thematisierung ethischer Grenzen im Umgang mit neuen Technologien. Wir werden einen kritischen Blick auf die 'Media Addicts', die modernen Medien-Junkies in all ihren Erscheinungsformen richten, und uns mit dem kreativen Potenzial von Fehlern in Kunst und Wissenschaft befassen.


JH: Wo liegen die Chancen einer solchen "Reality-Kunst", die unserer dominanten Techno-Faszination einen mit den gleichen Mittel agierenden "Hof-Narr" gegenüberstellt?
AB: Es geht uns nicht nur um eine in Humor gekleidete Kritik an technologischen Paradigmen. Wir wollen vor allem auch zeigen, dass es Künstlerinnen und Künstler gibt, die sich auf eine Weise mit der Wirklichkeit auseinandersetzen, die gerade nicht von der ökonomischen und der funktionalistischen Logik der technologischen Industrie ausgehen. Die Realitätskonzepte der Medienkunst sind in den 1990er Jahren sehr stark von einem unbedingten Glauben an die Technologie als Weltverbesserungs-Maschine bestimmt gewesen. Diesem Glauben begegnen heute immer mehr Leute mit Unverständnis angesichts der tatsächlichen Auswirkungen der Medientechnologien auf unser Leben. Diese Auswirkungen sind keineswegs nur negativ, aber man muss sie wesentlich differenzierter betrachten, als das vor einigen Jahren noch üblich war in dieser Szene.
JH: Bei Medienkunstfestivals wie der transmediale hört man unter Nicht-Insidern stets die Frage "…und was ist daran Kunst?" Welche Konstanten im Kunstbegriff lassen sich heute absehen, da viele "Neue Medien" ja inzwischen schon recht alt sind?
AB: Tatsächlich ist bei vielen medienkünstlerischen Arbeiten der letzten 20 Jahre die künstlerische Qualität oftmals verstellt worden durch eine vordergründige Faszination durch eine besonders pfiffige Anwendung technischer Errungenschaften. Gerade bei den Festivals stand oft das Technologische im Vordergrund, nicht die Kunst. Diese Tendenz wird in den letzten Jahren deutlich korrigiert – nicht zuletzt dadurch, dass die Geschwindigkeit technologischer Innovation abgenommen hat, und die Künstler nicht mehr, wie noch vor zehn Jahren, von einer Neuerung in die nächste gestolpert sind. Stattdessen wird heute wieder eher aus genuin künstlerischer Perspektive gedacht und werden die entsprechenden Medien nicht wegen ihrer Neuheit, sondern wegen ihrer ästhetischen Adäquatheit zur Anwendung gebracht. Und dadurch wird es auch wieder leichter, die Kunst, die her geschaffen und präsentiert wird, als soche zu erkennen und zu vermitteln.


JH: Die transmediale hat stets Wert darauf gelegt, auch nicht-europäsche Medienkunst zu zeigen. Inwieweit unterscheidet sich jene Kunst aus boomenden Zentren, wie zum Beispiel aus China, vom westlichen Selbstverständnis?
AB: Es fällt mir sehr schwer, hierauf eine Antwort zu geben, denn man hat ja im Moment vor allem ein überwältigendes Gefühl der Ignoranz gegenüber all den Entwicklungen, die sich in verschiedensten Teilen der Welt im Bereich der Gegenwartskunst abspielen. Was ich nach der Sichtung der Einreichungen zu unserem Wettbewerb sagen kann, ist dass junge Künstler auf der ganzen Welt versuchen, sich mit ihrer Gegenwart auseinander zu setzen, und sie tun dies heute sehr häufig in dem deutlichen Bewusstsein für den globalen Kontext, in dem sie leben. Überall scheinen sich die individuellen gestalterischen Entscheidungen teils an traditionellen und lokalen Themen und Motiven zu orientieren, und teils an den Bildern und Stimmungen einer postmodernen Globalkultur. Einen Trend kann ich nicht sehen, nur zahlreiche, teilweise widersprüchliche Bewegungen.
JH: Warum hat Kunst im Spannungsfeld von Kultur und (digitalen) Technologien immer noch so grosse Probleme, im traditionellen Kunst- und Museumsbetrieb Platz zu finden?
AB: Ich kann der Hypothese, die dieser Frage zugrunde liegt, nicht unbedingt zustimmen. Im Vergleich zu vor 10 oder 15 Jahren ist die Aufnahme medienkünstlerischer Arbeiten – und ich spreche dabei nicht nur von Videos, sondern auch von Software-Arbeiten und Maschinen-Installationen – in Ausstellungen, Galerie-Programme und Messen ungleich selbstverständlicher geworden. Die verschiedenen Systeme sind wesentlich durchlässiger, poröser geworden, und zahlreiche Künstler profitieren davon durch Aufträge und Verkäufe. Meine etwas ketzerische Vermutung ist, dass die imaginäre Mauer zwischen 'Gegenwartskunst' und 'Medienkunst' inzwischen vor allem von denjenigen Leuten gepflegt wird, deren Karrieren im Bereich der Medienkunst liegen und die in dieses Distinktionsmerkmal investiert haben. Was passiert mit einem 'Kurator für neue Medien', wenn es auf einmal keine 'Medienkunst' mehr gibt?
....................................................
Kultur Digital
Festival
Jens Hauser
transmediale.06
Februar 2006
....................................................

Erstellt: 02-02-06
Letzte Änderung: 09-02-06