Schriftgröße: + -
Home > Maestro > Künstler A-K > Argerich, Martha

01/10/13

Interview-Porträt der Pianistin Martha Argerich

von Teresa Pieschacón


Im Rahmen des Robert Schumann Schwerpunkts spielt Martha Argerich das Klavierkonzert a-moll, op.54

  • MAESTRO: Sonntag, 30. Juli 2006, um 19 Uhr


Mitte der sechziger Jahre trat eine Pianistin aus Argentinien in Europa in Erscheinung, die alles bisher Dagewesene aus den Angeln zu heben schien. Publikum und Kritiker waren überwältigt von ihrer Schönheit, der schwarzen Haarpracht, den sehnsüchtigen Blick und ihrem Spiel, das hemmungslos, entfesselt, weitherzig, voller Leben und dabei technisch so brillant und souverän war. Sofort war von der „jungen Wilden“, der „Königin der Löwen“, der „Tigerin der Tasten“ die Rede. Ein Kritiker sagte nach einem Konzert im Amsterdamer Concertgebouw 1978, in dem sie unter anderen Werke von Robert Schumann vortrug:
„Wenn die Argerich Schumann spielt, spürt man die moderne Zerrissenheit des Romantikers“. Vielleicht auch ihre eigene?
Gut zweieinhalb Jahrzehnte später die Begegnung mit dem Menschen Marta Argerich. Dunkel gekleidet mit bleichen Zügen schleicht sie um die Gäste im Restaurant herum, lässt sich fast unbemerkt nieder. Aufmerksam verfolgen ihre schwarzen umschatteten Augen das Geschehen, fixieren misstrauisch jedes unbekannte Gesicht, während sie mit ihrem schwarzen, schulterlangen Haar spielt. Der „Auftritt“ scheint ihr nicht wichtig, nicht in Kleidung, Körperbewegung, Mimik und Gestik. Und doch wendet man sich ihr unwillkürlich zu; betrachtet, merkwürdig berührt, dieses ungeschminkte Gesicht. Es ist, als wüsste dieses Gesicht eine lange, aus Lust und Schmerz gewobene Geschichte zu erzählen.

Gulda über Argerich: "Ein Wunderkind"
Eine Geschichte, die in Buenos Aires ihren Anfang nahm und der in Wien, Brüssel, Genf, New York und Los Angeles und vielen anderen Städten etliche sehr bewegte Kapitel hinzufügt wurden. Das frühe Entwurzeltwerden und der frühe Ruhm brachten Martha Argerichs Seelenleben keine Harmonie. Der Pianist Friedrich Gulda, zu Lebzeiten nicht gerade der Inbegriff von Frieden und Eintracht, sagte über sie: „Sie spinnt. Sie ist sehr sprunghaft, also nicht zuverlässig. Sie ist auch ein bisschen gefürchtet, weil sie oft absagt, sie ist eine Wilde, eine Verrückte, nicht leicht zu behandeln und immer ein Risikofaktor.“
Kennen gelernt hatte Gulda sie als junges Mädchen in den fünfziger Jahren, auf einer seiner zahlreichen Südamerikatourneen, als eine jener „lästigen Mütter“ mit „Wunderkind“ vor ihm stand und nach einem Empfehlungsschreiben für ihre Tochter drängte. Die Dame ließ sich nicht abwimmeln; bald darauf tauchten Mama Argerich und Kind in Wien auf und Gulda nahm sich der zwölfjährigen Martha an - und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Die war tatsächlich ein Wunderkind“, erinnert sich Gulda in seiner Autobiografie „Mein ganzes Leben ist ein Skandal“. Und weiter: „Es war ein ganz seltsamer Unterricht, weil das Mädel ja alles konnte, das war ja das Irrsinnige - mit zwölf -, ich hab’ nicht gewusst, was ich ihr beibringen soll.“ Er machte sie mit der Wiener Klassik bekannt, mit Schubert und Brahms, und dies alles unentgeltlich. „Beim größten Talent, das mir je untergekommen ist, da Geld zu verlangen, ich hätte es nicht fertig gebracht.“
Gulda war Martha Argerich nicht nur Lehrer, er wurde auch zu einer Art Vaterfigur. Gulda: „Sie erzählt mir alles. Sie ist da ganz offen. Sie war eine Zeit lang mit einem Schweizer Dirigenten verheiratet, das war ihr zweiter Mann, vom ersten weiß man nichts. ... Und dann hatte sie eine Reihe von Pianistenfreunden, denen sie auch erotisch verbunden ist. ... Ich weiß genau, wann sie glücklich ist, wann unglücklich.“

Sich selbst aushalten
Martha Argerich überlässt sich dem Fluss des Lebens, ohne zu planen, ohne zu steuern. Sie kommt und geht, wirkt nervös, gehetzt. Journalisten in ihrer Nähe versetzen sie in Unruhe, ja treiben sie in die Flucht. Sie fürchtet deren Fragen, etwa nach musikspezifischen Details ihrer Interpretationen oder nach den Musikern, mit denen sie gearbeitet hat. Persönliche Fragen wehrt sie ohnehin ab. Jeden Versuch, mit ihr ins Gespräch zu kommen, bricht sie unvermittelt ab, selbstisch wie ein Kind, das sich nicht um Konventionen schert. In einem Moment gelingt es mir endlich, ihr auf Spanisch, der Sprache ihrer Kindheit, einige Auskünfte abzutrotzen, doch meine Hoffnung, nun entspinne sich ein vertrauliches Gespräch, wurde nicht erfüllt, denn so abrupt, wie sie sich mir zuwendete, wendet sie sich auch wieder ab und kehrt in ihr Fantasiereservat zurück. Und doch scheint sich Martha Argerich mit ihrem ungebärdigen Wesen nicht abzufinden, womöglich ahnend, dass es das Schwerste im Leben ist, sich selbst auszuhalten.
Manchmal meint man, an ihr die verzweifelte Anstrengung wahrzunehmen, ein so liebenswerter Mensch zu werden, dass niemand sie mehr verlässt. Viele Versuche hat sie unternommen, ihre Unruhe zu domestizieren und sie in eine feste Lebensform zu bannen. Zugleich hat sie manches angestellt, um wieder aus der gerade gefundenen Fassung zu geraten - wie ein verwahrlostes Kind, das sich waghalsig in allerlei Abenteuer stürzt. Etliche Verbindungen gingen darüber in die Brüche, in dreien von ihnen gebar sie drei Töchter, die in New York und Genf leben. Dass viele ihrer Weggefährten mit ihrem hektischen Leben auf einer Drehbühne nicht Schritt halten konnten und es vorzogen, sie als Musikerin auf dem Podium zu verehren, als mit ihr ein Leben zu teilen, hat sie oft genug leidvoll erlebt.
Dabei strahlt sie mit ihrer weiblichen Figur etwas mütterlich Erdgebundenes aus. Und wenn sie sich zu später Stunde im Restaurant ihre Füße von ihrem Manager massieren lässt, dann wirkt das wie ein Akt der Hingabe. Doch jener, der glaubte, er sei ihr nahe gekommen, der täuscht sich. Scheu senkt sie den Blick wie ein kleines Mädchen und verbirgt ihr Gesicht hinter dunklen Strähnen.

Die glücklichen Momente
Sergiu Celibidache hatte sie einst gewarnt, sie möge nicht Sklave der eigenen Verwirrung sein. Doch sie konnte seinem Rat nicht folgen. Die destruktiven Kräfte, die in ihr walten, waren zuweilen mächtiger; vielleicht auch das Verlangen, das Leben in all seinen Richtungen zu erfahren. „Andere versuchen eine Karriere aufzubauen, sie ihre zu zerstören“, sagt ein enger Vertrauter.
In heutigen Zeiten sportlicher Professionalität dürfte es wohl nur wenige Künstler geben, bei denen die Qualität ihrer Interpretation so eng von ihrer seelischen Verfassung abhängt. Wenn Martha Argerich irgendetwas quält, dann scheinen ihr die Finger davonzulaufen. Dann bekommt ihr Spiel etwas Mechanisches, Apathisches und Unerfülltes, das im Wissen um ihre Möglichkeiten umso mehr enttäuscht. Dann kann es passieren, dass sie im rasanten Sturmangriff über das Werk hinwegrollt und nichts als virtuose Leere hinterlässt. Eine Leere, die sie selbst wohl am meisten schmerzt.
Doch es gibt auch die Momente, in denen es ihr gelingt, ganz zu sich selbst zu kommen, Momente, in denen sie rein und entschlossen und gelöst musiziert. Glückliche Augenblicke, von denen ihre Bewunderer hemmungslos schwärmen - berauscht von Argerichs Glut, Enthusiasmus und ungezügelter Kraft. Aber dann kommen sie wieder, die Zeiten, in denen sie nicht bereit scheint, all das zu geben, was sie künstlerisch besitzt. Dabei schien es, als könne nur das Klavierspiel ihr etwas Halt geben und sie vor dem inneren Chaos schützen. Dass Kunst indes nicht nur Berufung, sondern auch Beruf ist, wollte sie nie wahrhaben. „Ich liebe es sehr, Klavier zu spielen, aber ich bin ungern eine Pianistin.“
Als sie noch in Genf lebte, war sie öfters bei Arthur Rubinstein zu Gast. Einmal, beim Dinner, nach einem ihrer wunderbaren Konzerte in Luzern, sagte er: „Martha! Warum hast du den letzten Satz der Chopin-Sonate so schnell gespielt? Wie konntest du ihn nur so spielen?“ – „Ich weiß! Ich weiß!“, antwortete sie, „aber ich kann nicht anders!“

Text : Teresa Pieschacón Raphael



Erstellt: 19-07-06
Letzte Änderung: 01-10-13