- ARTE: „Darwins Alptraum“ beschreibt eine fatale Schieflage, für die es, wie Sie selbst sagen, theoretisch eine Lösung gäbe. Sie wollen aber keine liefern. Man könnte Ihnen vorwerfen, Sie machten es sich einfach …
Hubert Sauper: Mein Film behandelt das komplexe Thema Globalisierung, das sechseinhalb Milliarden Menschen betrifft. Da kann ich nicht sagen: Ich erkenne das Problem und schicke die Lösung gleich mit. Es gibt nicht eine, sondern viele Lösungen – vorausgesetzt, dass viele Köpfe die Fragen unserer Zeit ernst nehmen und nach Antworten suchen. Ich bin weder Politiker noch Prophet, ich kann mit einem Film Debatten provozieren, auf die öffentliche Meinung einwirken, mein Publikum fordern, aber ich als Filmemacher will nicht dastehen und sagen: „Bitte schickt keine Bomben, schickt lieber Carepakete“.
- ARTE: Schon beim Kinostart in Deutschland im März 2005 gab es Kritiker, die Ihnen Übertreibung und Suggestion vorwarfen. Nun flammte in Frankreich kurz vor der Oscar-Verleihung eine neue Debatte auf. Sie wurden beschuldigt, Tatsachen verfälscht zu haben und Beweise schuldig zu bleiben, zum Beispiel für die Waffenexporte in afrikanische Bürgerkriegsländer, die Sie in Ihrem Film an-
sprechen ...
Hubert Sauper: Es geht mir gar nicht darum, etwas zu beweisen. Weil es nicht meine Aufgabe ist, Beweise zu erbringen. Ich bin Filmemacher und ich will mit meinem Medium Zusammenhänge darstellen. Ich habe mit „Darwins Alptraum“ einen sehr persönlichen Kinofilm gemacht, keine investigative Fernsehreportage über Fische und Waffenschmuggel. Ich zeige, was ich für fair und richtig halte. Extreme Armut, Krankheiten, Hungersnot und auch Waffentransporte nach Afrika sind Tatsachen. Aber einige Leute ertragen es nicht, von Dingen zu hören, die schief laufen in der Welt. Sie gehen lieber in Disneyland spazieren. Und wenn man ihnen schlechte Nachrichten überbringt, zeigen sie diesen mittelalterlichen Reflex, den Boten für die Botschaft töten zu wollen.
- ARTE: Die „schlechten Nachrichten“, von denen Sie sprechen, stehen in Zusammenhang mit der globalisierten Wirtschaft. Sind Sie Globalisierungskritiker?
Hubert Sauper: Das wäre eine zu einfache Definition. Die Globalisierung ist eine Tatsache, mit der wir leben, sie birgt auch unheimliche Chancen. Aber den weltumfassenden, freien Kapitalismus, der riesige Kredite oft unreflektiert in arme Länder schickt, ohne die komplexen Konsequenzen, die diese Kredite für die Menschen dort haben, wirklich begreifen zu wollen, den halte ich für sehr gefährlich. Mit der Meinung bin ich nicht allein. Und einige dieser Gefahren kann ich vielleicht mit meiner Kunstform Kino begreifbar, erlebbar machen. Vielleicht spannt mein Film für einige den Bogen zwischen dem, was man schon lange „weiß“, und dem, was man politisches Bewusstsein nennt. Vielleicht kann er eine Brücke sein zwischen Wissen und Begreifen.
- ARTE: Ihr Film zeigt, wie gerade die Menschen, denen es am schlechtesten geht, den Teufelskreis in Bewegung halten, da sie auf ihn angewiesen sind …
Hubert Sauper: Das System lässt sich nicht über Nacht verändern, aber es ist veränderbar. Natürlich freut sich jeder Bauer über ein paar Dollar, die er in der Fischindustrie verdienen kann, aber dieser Bauer wird seine Felder fernab des Sees nicht mehr bestellen, weil er jetzt in einem Arbeitslager für Fischer lebt. Seine Felder verkommen und seine allein stehende Frau und Kinder stürzen in unerträgliche Armut. In Tansania sind zurzeit dreieinhalb Millionen Menschen von einer schweren Hungersnot betroffen. Ohne humanitäre Hilfe könnten viele nicht mehr überleben. Sie sind nicht nur unterernährt, weil die Ressourcen wie Fischfilets oder Früchte exportiert werden, sondern vor allem weil die globalisierte Industrie die lokalen Strukturen zerstört hat.
- ARTE: Sie haben vier Jahre Ihres Lebens mit „Darwins Alptraum“ verbracht, haben Freunde gewonnen und, teils durch Tod, wieder verloren. Sie haben erfahren, dass gute Bekannte direkt an dem Desaster beteiligt sind. Wie geht man mit solchen Erlebnissen um?
Hubert Sauper: Vieles ist schwer zu ertragen. Aber Ungerechtigkeiten gibt es, seitdem es Menschen gibt. Mit meinem Zorn kann ich deswegen leben, weil ich weiß, dass ich damit nicht allein bin. Das Privileg meines Berufes ist, dass ich meine Erfahrungen mit Millionen von Menschen teilen kann.
- ARTE: Ihr Film hat das Rennen um den Oscar gegen Luc Jacquets „Reise der Pinguine“ verloren. Enttäuscht?
Hubert Sauper: In politischer Hinsicht bin ich schon ein bisschen enttäuscht, weil ich mir von einem Gewinn eine größere Verbreitung des Films erhofft hatte. Aber da die Endausscheidung nicht wie die Nominierung von Dokumentarfilmschaffenden, sondern von einer Hollywood-Jury – früheren Schauspielerinnen, Produzentinnen und so weiter – getroffen wird, überrascht mich das Ergebnis nicht. Nette Pinguine passen eben doch besser nach Hollywood als Fischgräten.
Das Gespräch führte Maike van Schwamen für das ARTE Magazin Anfang März 2006.






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