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Klimawandel oder Nach uns die Sintflut?

Der Klimawandel gilt als die globale Herausforderung der Gegenwart.

> Interview: " Weniger ist mehr"

Klimawandel oder Nach uns die Sintflut?

Der Klimawandel gilt als die globale Herausforderung der Gegenwart.

Klimawandel oder Nach uns die Sintflut?

18/07/12

Interview: " Weniger ist mehr"

Warum wollen wir den Klimawandel in unserem Alltag nicht wahrhaben? Warum handeln wir wider besseren Wissens? Fragen an den Umweltpsychologen Andreas Ernst zu Paradoxien und Motiven des menschlichen Klimaverhaltens

Selbst dort, wo Menschen von den Folgen des Klimawandels unmittelbar bedroht sind – sei es in der kanadischen Hudson Bay oder auf den Cap Verden – herrscht die Tendenz vor, die wirklichen Gründe nicht wahrhaben zu wollen und zu verdrängen. Warum?
Die Menschen, die mehr oder weniger betroffen sind, stecken zu erst einmal in ihrem Alltag. Das Leben hat eine eigene Dynamik, da ist zunächst für Klimawandel kein Platz.

Aber wenn die Fische auf den Cap Verden ausbleiben, weil das Wasser zu warm wird, erfahren die Menschen vor Ort den Klimawandel doch hautnah
Ja, aber Menschen legen sich auch immer Erklärungen und Strategien zurecht, wie z.B. die Vorstellung, man müsse sieben harte Jahre überstehen und dann wird es schon wieder. Theoretisch wissen wir, dass es einen strukturellen Wandel des Klimasystems gibt, aber das zu „verdauen“ und in das tägliche Leben einzubauen, ist die Herausforderung.

Klimawandel ist etwas, das sehr schwer zu verstehen ist und das selbst die Wissenschaft erst anfängt zu verstehen. Wir werden eine für die Zivilisation der Menschheit einzigartige Wandlung durchmachen, die alle Bereiche des Lebens umfasst – an manchen Orten der Erde früher als an anderen. Weil das Ganze so ungeheuer kompliziert ist und in die Zukunft weist, weil man nicht erfolgreiche Anpassungsbeispiele hat, ist es extrem schwierig, diese Vorgänge so herunter zu brechen, dass sie nachvollziehbar sind.

Ist Klimaschutz auch deshalb so schwer durchsetzbar, weil der Mensch nicht in der Lage ist über die eigene Lebensspanne hinaus zu denken und zu handeln?
Also denken kann man das sicher. Die Frage ist nur: Ist das in der Phantasie eine Extrapolation bzw. Abschätzung, dessen was man kennt oder kommt in 30/40 Jahren wirklich etwas, das wir in dieser Form noch nicht kannten. Letzeres gedanklich vorwegzunehmen ist schwer und der Transfer von einem Computermodell in konkrete Handlung, d.h. Veränderung unserer jetzigen Lebensweise ist ein sehr weiter Weg.

Aber in früheren Jahrhunderten gab es doch auch Gemeinschaftsprojekte, die erst in den nächsten Generationen Früchte trugen, z.B. die Deiche in Holland. Ist es möglicherweise ein modernes Phänomen, dass man nicht über die eigene Lebensspanne hinausdenkt oder liegt es an der Komplexität des Problems Klimawandel?
Die Deiche in Holland – das ist eine schöne soziale Institution, die aber aus der Not geboren war. Da war mindestens in jeder Generation eine verheerende Flutkatastrophe, oft sogar mehrere – d.h. es war ganz klar, was zu tun war, um die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung zu vermeiden. In Holland war es leichter, weil man sich auf Vergangenes beziehen konnte. Da gab es einen Erfahrungsschatz, auf dem man aufbauen konnte.
Uns stellt sich die Frage: warten wir auf die Katastrophe oder können wir uns durch Vorwegnahme anpassen, was natürlich die reifere Reaktion wäre.

Was sind für Sie Lösungsansätze, die eine wirkliche Veränderung im Umweltverhalten auslösen?
Das Ganze hat zwei Seiten. Da ist zum einen der Klimaschutz, im wesentlichen also Reduktion des CO2 Ausstoßes durch technische Lösungen, sprich Energieverbrauchsminimierung, und zum anderen eine notwendige Klimaanpassung. In Küstenregionen passiert da schon jetzt einiges.
All das wird auch einen Wandel im Lebensstil nötig machen. Um das zu realisieren, brauchen wir Vorbilder, Menschen die es uns vorleben. Im Moment gibt es sehr viel Experimentierfreude – gerade im Wohn- und Mobilitätsbereich tut sich jede Menge: weg vom Besitzdenken wie „Jeder hat sein eigenes Auto“ hin zu einer nachhaltigen Einstellung „das angemessene Fahrzeug für die angemessene Strecke“. Ich könnte mir denken, dass das einen Kulturwandel in Richtung Klimaschutz mit sich bringt, ohne dass man viel über Klima redet.

Gibt es nicht immer noch zu viele, die Umwelt- und Klimaschutz nach wie vor zu stark mit Verzicht auf Wohlstand gleichsetzen?
Das ist schon richtig, aber es gibt eine zunehmende Bewegung, die das Ganze auf den Kopf stellt und sich dabei die Verzweiflung der Leute, die an dem hohen Tempo und dem Leistungsdruck in den industrialisierten Ländern leiden, zu Nutze macht. Eine Bewegung, die fragt, was gewinnen wir mit einem nachhaltigen Leben und da gibt es eine Menge zu erzählen, wenn man auf Entschleunigung und „Weniger ist mehr“ setzt.

Das Interview führte Angelika Schindler, Juli 2012

Prof. Dr. Andreas Ernst ist Direktor des Center for Environmental Systems Research (CESR) an der Universität Kassel

Erstellt: 12-07-12
Letzte Änderung: 18-07-12