05/08/02
Initiation und Geschlechtertrennung
Die Einsetzung und Legitimation der männlichen Überlegenheit
Initiation und Geschlechtertrennung
Im Laufe ihres Lebens durchlaufen die Baruya sämtliche Etappen eines für Männer und Frauen unterschiedlichen Zyklus. Jede Phase hat ihre eigene Bezeichnung und verleiht dem Initianden einen besonderen Status.
Photo, Copyright Jean-Luc Lory
Der Lebenszyklus eines Mannes
Nach der Geburt ist der Mann ein bwaranié, ein Säugling, der von der Mutter in einem Tragnetz überall mit hin genommen und gestillt wird. Seinen Namen erhält er erst im Alter von 12 bis 15 Monaten, wenn er läuft und die ersten Zähne bekommt. Bis dahin muss die Mutter das Gesicht ihres Kindes vor ihrem Mann verbergen. Wenn der Vater zugegen ist, wird ein luftdurchlässiges Netz über das Baby gebreitet, das seine Züge verhüllt. Sobald feststeht, dass der bwaranié überleben wird, macht die Sippe des Vaters der Sippe der Mutter Geschenke. Das Kind erhält einen ersten Namen, den es bis zur Initiation trägt. Es wird zum keimalé (Junge), und wenn es sechs bzw. sieben Jahre alt ist, zum keimalenangé (wörtlich: großer Junge). Er lebt zunächst in der Welt der Frauen. Bekleidet ist er mit einem langen Lendenschurz, der den Röcken der kleinen Mädchen ähnelt. Er spielt mit seinen Schwestern, Cousinen und Nachbarinnen. Mit sechs bzw. sieben Jahren beginnen die Jungen, sich von den Mädchen abzusondern: Mit ihren Miniaturbogen ziehen sie in den Wald zum Spielen, während die Mädchen ihres Alters meist bei der Mutter bleiben, ihr im Garten zur Hand gehen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Die Trennung der Geschlechter beginnt sich abzuzeichnen.
Wenn der Junge etwa neun Jahre alt ist, holt ihn eines Abends ein Mann und schließt ihn zusammen mit den anderen gleichaltrigen Jungen in seinem Haus ein. Der Zeitpunkt der Trennung von der Welt der Frauen ist gekommen. Der Mann ist der Meister der ersten Initiationszeremonien, aus denen die Jungen als mouka hervorgehen. Seine Frau und seine heiratsfähigen Töchter kümmern sich einige Tage um die kleinen Jungen. In der Zwischenzeit haben die Männer an der höchsten Stelle des Dorfes, in der Nähe des Männerhauses, das Haus der mouka, die moukaanga, errichtet, das die Jungen einige Tage nach der plötzlichen Trennung von der Mutter betreten. Nach Abschluss der Zeremonien, die einen Monat dauern und im Zuge derer der Meister der ersten Initiation die Nasen der Jungen durchsticht, ist der mouka für drei bis vier Jahre ein yiveumbwayé. Von nun an lebt er im Männerhaus, im kwalahga. Jetzt ist er halb als Mann und halb als Frau gekleidet. Der Lendenschurz hat noch die Form eines Rockes, und unter dem großen Rindenumhang trägt er nicht den kleinen Schurz, der das Hinterteil des Mannes verbirgt: Aus seinem Schamgefühl heraus soll er die Nähe von Frauen meiden. Einige Monate lang darf er in Gegenwart der älteren Männer nicht sprechen; diese machen sich über ihn lustig, beleidigen und demütigen ihn; sie erinnern ihn daran, dass er bei den Frauen gelebt hat; ab und zu packen sie ihn und schlagen ihn mit Stöcken oder Brennnesseln. (...) Ein mouka darf weder seinen eigenen Namen noch den seiner Mitinitianden aussprechen. Der Vater des Initianden schlägt seinen Sohn nun nicht mehr, es sei denn, dieser macht sich eines groben Fehlverhaltens schuldig, begeht z. B. einen großen Diebstahl in einem Garten, oder beteiligt sich an einer (brutalen) Schlägerei, die für ein anderes Kind schlimme Folgen hat. Die Strafen werden von den Initianden des dritten und vierten Stadiums an ihm vollzogen; sie leben im Männerhaus und vertreten in gewisser Hinsicht den Jüngeren gegenüber alle Männer.
Wenn die Jungen 12 Jahre alt sind, werden die
yiveumbwayé durch die Initiationszeremonien der
tchouwanié und der
kalavé, die gerade das dritte und vierte Stadium durchlaufen, zu
kawetnié. Nach mehreren Ritualen, die Tag und Nacht im Wald und in der Nähe des Männerhauses stattfinden, legen die
yiveumbwayé an einem geheimen Ort im Wald ihre weiblichen Lendenschurze und alten Umhänge ab; diese werden von den Verantwortlichen des zweiten Abschnitts der Initiation ganz hoch oben an einen riesigen Baum gehängt, wo sie so lange bleiben, bis sie verrottet sind. Bevor der Meister dieses Rituals ihre Kleidung aufhängt, bittet er den Geist des Baumes um Schutz, nimmt etwas vom Saft und von der Rinde und legt diese auf das einzige Haarbüschel auf dem ansonsten kahl geschorenen Kopf der Jungen, dahin, wo nach dem Glauben der Baruya der Geist des Menschen sitzt. Anschließend dürfen die Jungen zum ersten Mal in ihrem Leben Männerkleidung anlegen und werden mit Federn und anderen Symbolen ihres Ranges geschmückt.
Mit etwa 15 Jahren werden die
kawetnié zu
tchouwané. Die Zeremonien dauern fast fünf Wochen und sind neben denen, bei denen der Bruch der mouka mit der Welt der Frauen vollzogen wird, die wichtigsten im gesamten Initiationszyklus der Baruya. Aus diesem Anlass errichten die
apmwénangalo, die reifen Männer, die großen Männer, die mehrere Kinder haben, von denen die Ältesten bereits initiiert sind, ein riesiges

Zeremonienhaus, die tsimia. Dort finden mehrere Wochen lang Rituale statt, an denen mehrere hundert Männer teilnehmen. Die neuen
tchouwanié und
kalavé übernachten dort.
Für die Baruya symbolisiert das Zeremonienhaus den Körper ihres Stammes. Das Strohdach ist die Haut dieses Körpers; die Pfeiler zur Abstützung des Daches symbolisieren seine Knochen, das Skelett. Der Pfeiler in der Mitte, der das Gebäude stützt, wird „Großvater“ genannt; und sobald man ihn aufgestellt hat, wirft man ein lebendes Opossum von ganz oben herab, das durch den Aufprall auf dem Boden getötet wird. Dann reicht man es dem ältesten Mann des Tales. Damit wird deutlich gemacht und gleichzeitig kompensiert, dass dieser alte Mann vor der nächsten Initiation, drei Jahre später, sterben wird.
Jeder Pfahl der
tsimia stellt einen neuen Initianden dar, und der große Mann, der ihn errichtet, murmelt in dem Moment, in dem er ihn in den Boden rammt, den Namen des jeweiligen Jungen. Alle Pfähle werden gleichzeitig – in derselben Sekunde - errichtet, von Dutzenden von Männern, die, eng beieinander stehend, einen Kreis in Form der tsimia bilden. Unter diesen Männern, die nach Dörfern gruppiert stehen, sind alle Sippen und Clans vertreten. Die
tsimia erscheint somit als Haus der Männer aller Dörfer und Sippen zugleich und erhebt sich damit über alle Unterschiede, die sich aus Verwandtschaftsbeziehungen und Wohnsitzverhältnissen ergeben. In diesem Sinne ist die tsimia, wie die Baruya sagen, der (symbolische) „Körper“ ihres Stammes und gleichzeitig der materialisierte Ausdruck ihrer Einheit gegen die Feinde und ihrer Solidarität gegen die Frauen. An dem Tag, an dem der Bau der tsimia vollendet wird, kurz bevor Hunderte von Frauen, nach Dörfern gruppiert, Strohballen bringen, mit denen das Dach gedeckt werden soll, geleiten die Männer die zukünftigen
tchouwanié und kalavé heimlich in das Gebäude. Die Initianden tragen einen Stock oder eine Klapper bei sich, um damit Lärm zu machen.Die Frauen werden von Schamanen angeführt und umringt, sie beginnen nun, um das Gebäude herum zu laufen; dabei werfen sie die Strohballen schreiend hoch zu den verheirateten Männern auf dem Dach. Plötzlich, auf ein verstecktes Zeichen der Männer hin, machen die im Inneren versteckten Initianden einen unglaublichen Lärm. Die jungen Mädchen und Kinder werden davon völlig überrascht und schreien vor Angst. Die verheirateten Frauen wissen Bescheid, doch den Jüngeren sagen sie, dass Geister in das Gebäude eingedrungen sind

und mit den Initianden kommunizieren. Am Abend entzünden Vertreter der beiden Clans der Nunguyé und der Andavakia, in der nun aufgebauten tsimia das neue Feuer, das während sämtlicher Zeremonien brennen wird. Dazu schlagen sie Feuersteine gegeneinander; zumindest wurde das in der Vergangenheit so praktiziert, denn die rituellen Steine gibt es heute nicht mehr; sie wurden bei einem Brand vernichtet. Das Feuer war damals auf Befehl eines jungen australischen Offiziers in dem Dorf gelegt worden, in dem sämtliche Steine aufbewahrt wurden, um die Baruya dafür zu bestrafen, dass sie zu den Waffen gegriffen hatten, um den Selbstmord einer ihrer Schwestern, die in ein anderes Dorf geheiratet hatte, zu rächen.
Die Männer vollziehen die Geste ihres übernatürlichen Vaters, der Sonne, der Quelle von Wärme und Leben, wenn sie das Feuer mit den Kieselsteinen entzünden. Denn ein Baruya-Mythos besagt, dass die Geschlechtsorgane der Männer und Frauen vor sehr langer Zeit nicht durchbohrt, sondern gleichsam eingemauert waren. Die Sonne setzte diesem Zustand ein Ende, indem sie einen Kieselstein in ein Feuer warf. Der Stein wurde heiß und zersprang; die Splitter durchbohrten den Penis des Mannes, die Vagina der Frau sowie ihrer beider After. Seitdem können Männer und Frauen Geschlechtsverkehr haben und sich fortpflanzen.
Der feierlichste Augenblick dieser Zeremonien ist erreicht, wenn der Meister der Rituale dieses Abschnitts, ein Baruya aus dem Clan der Baruya – des Clans, der dem Stamm seinen Namen gab -, den Initianden die Symbole der männlichen Herrschaft auf den Kopf legt, und zwar einen Rakenvogelschnabel auf einem Binsenkranz. Von diesem gehen zwei scharfe Schweinehauer aus, die den Initianden in die Stirn gebohrt werden. Sie kehren, wunderbar geschmückt und bemalt, in das Zeremonienhaus zurück, nachdem sie sich in einer Prozession den zahlreich am Wegesrand versammelten Frauen des Stammes gezeigt haben. Nun müssen sie die ganze Nacht über, bis zum Morgengrauen, den Schmerz dieser in ihre Stirn gedrückten Zahnspitzen ertragen, indem sie unermüdlich, erschöpft von Müdigkeit und Hunger, um den Mittelpfeiler der
tsimia herum laufen. Schließlich offenbart man ihnen, dass der Rakenvogelschnabel ihren Penis und der gezahnte Binsenkranz die weibliche Vagina darstellt. Gleichzeitig erfahren sie, dass ihr neuer Name,
tchouwanié, eine der geheimen, den Frauen unbekannten Bezeichnungen für die Vagina ist. In dem Augenblick, in dem sie reglos und schweigend die Insignien entgegen nehmen und von ihren Paten und Verwandten eingekleidet werden, setzt der Meister dieser Zeremonie zu einer langen Rede an. Er erklärt ihnen, dass sie nun Männer sind und die Älteren für sie bald eine Frau suchen werden, doch dass dies eine schwere Aufgabe sei, wenn die Väter der heiratsfähigen Mädchen erführen, dass der junge Mann ein Faulpelz oder ein Dieb sei. Er weist sie darauf hin, dass sie als verheiratete Männer den Wald roden und Gärten anlegen müssen, um ihre Familie zu ernähren; dass sie die volle Verantwortung tragen für ihre Ehefrauen, ihre Kinder sowie für alle Blutsverwandten und angeheirateten Familienmitglieder.Doch in erster Linie müssten sie von nun an bereit sein, bis zum Tod für die Baruya und ihr Gebiet zu kämpfen. Im Gegensatz zu den
kawetnié dürfen die
tchouwanié im Kreis der Frauen kämpfen, während sie früher, als jüngere Männer, im Hintergrund weitab der Kampfhandlungen bleiben mussten.
Der Meister der Zeremonie, der diese öffentliche Rede hält, ist der Angesehenste von ihnen. Er gehört zum Clan der Baruya, dem Clan, der für den gesamten Stamm das darstellt, was der Mittelpfeiler für das Zeremonienhaus ist. Es versteht sich von selbst, dass diese Zeremonie und die damit verbundenen Reden auf einem Berg, weitab von den Augen und Ohren der Frauen, stattfinden. Erst danach kehren die neu Initiierten, geschmückt mit den Insignien und ihrem symbolischen Kopfschmuck, langsam zur
tsimia zurück und zeigen sich den zahlreichen staunenden Frauen und Kindern am Wegesrand.
Nun beginnt die Zeit, in der die Eltern des
tchouwanié für ihren Sohn eine Frau suchen müssen, wenn sie dies nicht bereits getan haben. Eines Tages erfährt der junge Mann, dass er ein bestimmtes Mädchen heiraten wird, die kleine Schwester eines Mitinitianden, dem er im Gegenzug eine seiner eigenen jüngeren Schwestern oder Cousinen abtreten muss. Von nun an hilft er seinem künftigen Schwiegervater beim Anlegen von Gärten, während sein künftiger Schwager seinem Vater zur Hand geht. Seine Schwester hilft der künftigen Schwiegermutter und seine zukünftige Frau besucht seine Mutter. Doch der junge Mann selbst darf seine Verlobte vor der Hochzeit, die erst mehrere Jahre später stattfinden wird, nicht treffen (...).
Kalavé ist der Name einer weißen Papageienart; die Männer tragen eine
kalavé-Feder in der Mitte ihres Kopfschmucks. Es ist Aufgabe der
kalavé, bei den Zeremonien das Banner ihres Dorfes zu tragen, die Initianden des ersten und zweiten Teilabschnitts mit Brennnesseln zu schlagen und einzureiben und ihre Ausbildung ständig zu überwachen.
Eines Tages wird dem
kalavé mitgeteilt, dass das erste Menstruationsblut seiner Verlobten geflossen ist und sie in den unteren Teil des Dorfes gegangen ist, in den Bereich, der den Frauen vorbehalten ist, um ganz alleine, in einer Hütte aus Laub, ohne zu essen oder zu trinken, auf den Beginn ihrer Initiation zu warten.
Nach Überzeugung der Baruya strömt das erste Menstruationsblut aus dem Bauch der Frau, wenn der Mond, der Bruder der Sonne (manche Mythen besagen, dass der Mond die Frau der Sonne ist) ihr Geschlecht ein zweites Mal durchbohrt. Für die beiden jungen Leute ist nun der Zeitpunkt der tchangitnia-Zeremonie (von tsala: Salz und gitnia: kauen), der Pubertätszeremonie, gekommen: Sie begegnen sich dabei nicht, denn der junge Mann wird im Männerhaus des Dorfes mit Männern initiiert, deren Verlobte bereits geschlechtsreif sind, die junge Frau in Gegenwart fast aller Frauen der umliegenden Dörfer.
Die Verlobte nimmt an einer kollektiven Initiationszeremonie teil, die von allen Frauen des Stammes zelebriert wird: Es ist eine Zeremonie, die ohne Meister der Rituale und ohne heilige Gegenstände stattfindet.
Der junge Mann seinerseits wartet auf die Nacht, in der die Initiationszeremonie seiner Verlobten beginnt. Einige Tage lang darf er kein Zuckerrohr essen, nichts trinken und keine Betelnüsse kauen.Diese Verbote werden ihm von seinem Vater auferlegt. Im ersten Morgengrauen, nach der Nacht der Frauenrituale, deren Lieder und Tänze aus der Ferne zu ihm herübergeklungen sind, kurz bevor das junge Mädchen zu rituellen Intimwaschungen zum Fluss geführt wird, läuft der junge Mann, der in der Zwischenzeit neu eingekleidet worden ist, in den Wald; zusammen mit einigen Mitinitianden und Verantwortlichen dieser Zeremonie, die zu den Boulimmambakia gehören, klettert er auf den Berg. Sie laufen sehr weit und klettern hoch hinauf, bis zum Fuße eines riesigen, geraden Baumes, dessen dickflüssiger Saft an Sperma erinnert. Die Boulimmambakia bestreichen den Bauch des Initianden mit diesem Saft und sprechen heimlich eine Zauberformel, die das Sperma des jungen Mannes stärken und gleichzeitig die Vagina des Mädchens verschließen soll, damit das Sperma in ihr bleibt und nicht verloren geht, so dass sie schnell schwanger wird. Anschließend wird ein magisches Ritual anhand einer Pflanze mit vielen Wurzeln vollzogen, die man so gut wie nicht ausreißen kann, damit das junge Mädchen sich nicht von ihrem Verlobten abwendet und sich so vielleicht der eingegangenen Verpflichtung entzieht.
Später beten die Männer am Fuße eines anderen Baumes zur Sonne, die Arme zu seinem Wipfel hin ausgestreckt; sie schnalzen mit den Fingern, um die Sonne zu grüßen und stoßen melodische Pfeiftöne aus, damit ihr Atem mit dem Wind eins wird und hoch in den Himmel steigt. Dann ruft der Verlobte den Initiationsnamen, den seine Zukünftige gerade angenommen hat, und verkündet: „Du X, ich bin jetzt Dein älterer Bruder. Du gehörst nicht mehr deinem Vater, sondern mir.“
Dieses Ritual ist streng geheim. Die jungen Männer erfahren erst davon, wenn ihre Verlobte in die Pubertät kommt. Die Frauen kennen es nicht. Den neuen Namen der Frau, den der junge Mann tief im Wald ruft, darf er von da an nie wieder aussprechen, weder öffentlich noch privat. Denn später, als verheirateter Mann, darf er seine Ehefrau nur noch „Frau“ nennen. Die Frau sagt zu ihrem Gatten „Mann“; seinen Namen darf sie niemals, weder im Privaten noch in der Öffentlichkeit, aussprechen. Die Zeremonie endet nicht mitten im Wald, sondern auf einer Lichtung am Waldrand, auf der die Männer des Dorfes ihre Rituale vollziehen. In der Mitte erhebt sich ein Schraubenbaum, der wie kein anderer die Männlichkeit symbolisiert. Der junge Mann wird angekleidet und geschmückt; man gibt ihm Taros zu essen, in denen magische Blätter versteckt sind, die ihm Kraft verleihen werden. Man bestreicht seinen Bauch mit Lehm und Rindensaft, damit er fruchtbar ist und die harzhaltigen Bäume ihm Sperma geben und Kinder; und man weist ihn unter anderem auch darauf hin, dass ihm die Todesstrafe droht, wenn er seine Frau um der Frau eines anderen willen verlässt.
Am nächsten Tag kehrt der junge Mann zu seinem gewohnten Leben zurück; mehrere Monate oder mehrere Jahre lang. Eines Tages bittet der Vater des jungen kalavé seinen Sohn, Material für den Hausbau zu sammeln. Nun weiß er, dass er heiraten wird. Ein paar Tage später ist das Material fertig und wird am Rande des Dorfes versteckt - bis auf das Stroh, für das die Frauen zuständig sind. Alle Mitinitianden des jungen Mannes, seine Cousins väterlicher- und mütterlicherseits, alle jungen Leute beteiligen sich fröhlich am Haubau. Ein Schamane bemalt die Pfosten des Hauses zum Schutz gegen böse Geister mit magischem Lehm. Danach findet die Hochzeitszeremonie statt, während derer die beiden jungen Leute, weit voneinander entfernt, öffentlich ermahnt werden, sich gegenseitig die Treue zu halten, fleißig zu arbeiten, nicht mehr das Vergnügen zu suchen oder wie die kleinen Kinder in fremden Gärten zu stehlen. Einige Tage später bauen die Männer aus der Sippe des jungen Ehemannes im neuen Haus den Herd.
Danach schläft der junge Mann mit den kleinen Jungen des Dorfes einige Nächte im künftigen Zuhause.Die Ehefrau tut es ihm gleich und verbringt dort einige Nächte mit den kleinen Mädchen. Danach schlafen beide darin, doch sie dürfen erst Geschlechtsverkehr haben, wenn der Ruß das frisch geschnittene grüne Stroh geschwärzt hat. Sie streicheln sich und entdecken einander, und vor allem gibt der junge Mann seiner Frau sein Sperma zu trinken, damit sie vor dem ersten Geschlechtsverkehr gestärkt wird und aufblüht. Von nun an wird der junge Mann nur noch im Männerhaus leben und schlafen, wenn seine Frau menstruiert oder gebärt. In der Vergangenheit jedoch kehrten die Männer in Zeiten des Krieges oder schlimmer Epidemien ins Männerhaus zurück, um sich für den Kampf zu rüsten und die Schamanen bei der Vertreibung der Krankheit und Tod bringenden bösen Geister zu unterstützen.
Im
tchouwanié-Stadium wird der Junge zum
munginié, zum jungen Mann, und bleibt es, bis er drei oder vier Kinder hat.
Mit jeder Geburt steigt das Ansehen eines Mannes, und besondere Rituale werden auf dem Zeremonienplatz seines Dorfes für ihn und an ihm vollzogen. Alle Männer des Dorfes nehmen daran teil, wie auch die Verwandten und Freunde aus anderen Dörfern zu diesem Anlass kommen. Diese Zeremonie ist bei der Geburt des ersten Kindes von besonderer Bedeutung, denn sie steht für die Weiterführung und Vollendung der Initiation des jungen Mannes.
Am Morgen geht der Mann zum Fluss, um seinen Körper von der weiblichen Verunreinigung (
langeureuka) zu säubern, vom Schmutz des weiblichen Geschlechts. Ohne Schmuck, mit nur einem knappen Lendenschurz bekleidet, begibt er sich mit den Mitinitianden zum Zeremonienplatz, wo er in eine Art Laubtunnel hineingestoßen wird; dieser – obgleich kürzere - Tunnel ähnelt dem, den er damals als junger Initiand wieder und wieder durchqueren musste, gestoßen und unterstützt von seinem Paten. Am Ausgang des Tunnels warteten damals die älteren Initiierten und die verheirateten jungen Männer, um ihn mit Brennnesseln zu schlagen. Nun wiederholt sich dies noch einmal: Am Ende des Tunnels stehen die Männer und reiben seinen Bauch und Unterleib mit Brennnesseln ein. Danach führt man ihn zwischen zwei Reihen dicker Äste, die auf dem Boden ausgebreitet eine Art Weg bilden. Dieser Weg steht für seine Frau: Er muss auf diesem Weg bleiben und darf nicht über ihn hinwegsteigen, denn sonst würde er symbolisch den Weg eines anderen betreten und ihm die Frau rauben.
Dann gibt man ihm einen Klumpen gelben Schlamm. Ein Mann aus dem Clan der Andavakia oder aus dem Clan der Nunguyé setzt zu einer leidenschaftlichen Rede an:
„Was ist das? Ein Stück Erde, um dich zu bemalen, um Dich zu verschönern? Nein, das ist der Kot des Neugeborenen. Solange dieser Kot nicht hart ist, wirst Du keinen Geschlechtsverkehr haben. Du warst auf der Seite der Frauen, jetzt nehmen wir dich zurück und bringen dich ins Männerhaus. Denke an dieses Kind, denke daran, für dein Kind und seine Mutter Gärten anzulegen. Wenn dein Sohn laufen und mit einem Miniaturbogen spielen kann, wenn deine Tochter ein kleines Netz auf dem Kopf tragen wird, kannst du auch mit deinem Schwanz schießen.“ Anschließend verteilt der Meister der Zeremonie magische Nüsse, die die Männer aussaugen, um ihren Mund zu reinigen.Diese Nüsse geben den Männern Kraft und Sperma. Die magische Kraft strömt von den Zahnwurzeln bis in den Penis. In dem Moment, in dem der Meister der Zeremonie den Körper des Mannes mit rotem Lehm bestreicht, spricht er heimlich eine Zauberformel zur Anrufung eines wilden Bananenbaumes, dessen Stamm voller Saft ist. Der Baum wird beschworen, damit der Mann und die Frau Saft im Überfluss haben, der Mann Sperma und die Frau Milch. Danach beten alle mit erhobener Hand zur Sonne, schnalzen mit den Fingern und pfeifen abermals. Heimlich ruft der Zeremonienmeister den Adler an, den König der Sonne, damit dieser den Geist der Männer bis zum Berggipfel bringe und sie größer und stärker mache. Die Zeremonie endet mit dem Siegesschrei, der auf dem Schlachtfeld ertönt, wenn der Feind getötet oder in die Flucht geschlagen ist.
Bei jeder Geburt wird diese Zeremonie in einer einfacheren Form wiederholt; wenn der
apmwé Vater von vier oder mehr Kindern und zwischen 35 und 40 Jahre alt ist, wird er zum reifen Mann, zum
apmwénangalo. In der Zwischenzeit hat er nach und nach die Tabus aufgehoben, die ihn daran hinderten, vor seinem Paten und seiner Mutter zu essen und sie anzusprechen.
Sein Pate ist der Mann, der ihm in früheren Jahren beim Übergang in die Welt der Männer zur Seite stand. Es ist der junge Mann von damals, der ihn im Männerhaus mehrere Tage und Nächte lang „wie eine Mutter“ pflegte, der ihn während der langen Reden und „Lektionen“ der verheirateten Männer auf dem Schoß hielt. Sein Pate achtete darauf, dass er schlief, sich normal kleidete und richtig aß. Und er begleitete ihn damals auch, vorborgen unter seinem Umhang, zum Urinieren und Defäzieren zu dem Loch in der Nähe der
moukaanga.
Das Wild schenkt er seiner mittlerweile sehr alten Mutter, um das Verbot aufzuheben, dass ihn seit Jahren davon abhielt, mit ihr zu sprechen und in ihrem Beisein zu essen. Die Mutter ist die erste Frau, die der Baruya in seinem Leben verlässt und die letzte, die er wiederfindet.
Wenn der Baruya zwischen 35 und 40 Jahre alt ist, wenn seine ältesten Söhne bereits zu den
kawetnié oder den
tchouwanié gehören, wird der Mann zum
apmwénangalo. Von nun an wird er bei der Initiation einen der Pfeiler der
tsimia einpflanzen. Mit ca. 50 Jahren erreicht der reife Mann das Greisenalter. Im gesellschaftlichen Leben tritt er immer mehr in den Hintergrund, außer, er war ein Großer Krieger oder ein Großer Schamane, denn dieser Ruhm ist unvergänglich. Er wird zum alten Mann, den man nei oder até, Großvater, nennt, und ist zunehmend abhängig von seinen Söhnen.
Er „setzt sich in ihre Hände“. Ist er der Älteste des Stammes, ist er es, dem man in der tsimia das zerschmetterte Opossum überreicht. Nun bleibt ihm nichts anderes mehr, als vor der nächsten Initiation zu sterben.
Früher begruben die Baruya ihre Toten oder legten sie auf eine Plattform, je nach Clan, Geschlecht und Alter des Verstorbenen und seiner Rolle in der Gesellschaft. Die Großen Krieger wurden mit Pfeil und Bogen ausgesetzt. Unter die Erhebung pflanzte man Taros und Zuckerrohr, die man, nachdem die Leichenflüssigkeit darauf getropft war, in andere Gärten brachte. Die Schamanen dagegen wurden beerdigt. Der Dualismus von Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit, Tag und Nacht rechtfertigte diese beiden Formen der Bestattung. Im Falle der Aussetzung wurde nach der Verwesung eine zweite Beerdigung abgehalten. Den toten Frauen wurden die Finger abgeschnitten; diese wurden am Feuer getrocknet und vom Witwer um den Hals getragen. Der Unterkiefer eines oder einer Toten wurde gereinigt und vom überlebenden Ehepartner unter der Achsel getragen. Die übrigen Knochen wurden in dem Jagdgebiet, das dem Toten und seinen Vorfahren gehörte, in die Höhlung eines Baumes gelegt.
Dort wacht sein Geist über die Wildbestände und greift die Männer aus anderen Sippen an, die sich in sein Territorium schleichen, um sein Wild zu stehlen; so beschützt er seine Nachkommen, sofern sie ihm Achtung erweisen und er ihnen wohl gesinnt ist. Auch die Geister der Frauen kehren zu den Geistern ihrer Vorfahren und verstorbenen Brüder zurück und wachen an ihrer Seite über den richtigen Umgang mit den Ressourcen ihres Territoriums. Die Europäer verboten die Aussetzung der Toten und die zweite Bestattung. Nach der Unabhängigkeit blieb man bei der Gewohnheit, die Toten nicht mehr auszusetzen; wie in Europa bepflanzt man ihre Gräber nun mit Blumen, obwohl das bei den Baruya früher nicht üblich war; Blumen wurden nur in Gärten oder im Wald, am Fuße eines Baumes, gepflanzt, dessen guter Geist den Menschen und der Erde Fruchtbarkeit bringen sollte.
Quelle: Maurice Godelier, Die Produktion der Großen Männer. Macht und männliche Vorherrschaft bei den Baruya in Neuguinea, Campus Fachbuch, 1987, ISBN: 3593336545
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02