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Ingo Schulze - 24/11/05

Neue Leben

Eine Rezension von Ariane Thomalla


"Auf welche Weise kam der Westen in meinen Kopf?" reflektiert der gescheiterte DDR-Schriftsteller Enrico Türmer.  Ein Schlüsselsatz des  monumentalen ironisch-burlesken Wiedervereinigungsroman „Neue Leben“ von Ingo Schulze, der Anfang  1990 spielt, als der westliche Kapitalismus den „hässlichen“ Osten überflutet. Türmer macht aus seiner engagierten Zeitung ein nacktes Anzeigenblatt, verdient viel Geld und verschwindet. Steuerflucht? Aus den hinterlassenen Briefen und Manuskripten strickt ein Herausgeber einen Briefroman.

In Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin

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  • Tipp: Am 22.10. um 10.30 Uhr spricht Ingo Schulze am ARTE Stand auf der Frankfurter Buchmesse mit Thomas Geiger über seinen neuen Roman

Es ist ein überraschend merkwürdiger Roman über die deutsche Wiedervereinigung, den Ingo Schulze, der erfolgreiche Autor der „Simple Storys“, die in 24 Sprachen übersetzt wurden, jetzt nach sieben Jahren Produktion herausgebracht hat. Merkwürdig schon in seiner Monumentalität. 800 Seiten lassen auf großen Ehrgeiz schließen, auch wenn die letzten hundert nur Anhang sind, bei dem es sich um die verworfenen Manuskripte des DDR-Schriftstellers Enrico Türmer handelt. Der, das sei gleich vorweg gesagt, ist im Land der Schriftsteller als Schriftsteller gründlich gescheitert. Merkwürdig auch ist die von Schulze mit deutlicher Anlehnung an E.T.A. Hoffmann gewählte Form des Briefromans. Am Schauplatz Altenburg, das schon in den „Simple Storys“ die Kulisse gab, diesem mittelalterlichen thüringischen Städtchen, ist die deutsche Romantik präsent. Hier lässt Schulze noch Spaziergänge und Turmbesteigungen à la Dr. Faustus stattfinden und Feuerflämmchen flammen. Teuflisches mit Verführung und Pakt. Der über das Kopfsteinpflaster schwerstiefelig hinkende Baron Dr. Clemens von Barrista scheint die diabolische Inkarnation des Kapitalismus zu sein, wenn er seinen östlichen Adepten Türmer bis an die Roulettetische Monte Carlos jagt. Soll der dort erfahren, was die Welt regiert? Hier wird das Märchen vom verwunschenen „hässlichen“ Osten gegeben, der sich so gerne verwandeln würde.

“Wie kam der Westen in meinen Kopf?“ Lautet ein Schlüsselsatz. In den Kopf des Knaben Enrico zuallererst durch die Westpakete mit den Kaba- und Karo-Dosen.

Türmers Briefe haben, was Brechung bringt, drei Adressaten, wobei ihm alle drei erotisch verbunden sind: die fast inzestiös geliebte Schwester Vera, der hochbegabte Jugendfreund Johann Ziehlke, jetzt Kandidat des „Neuen Forums“, und die neue Flamme Nicolette aus dem Westen, eine Fotografin, der er Brief für Brief sein ganzes DDR-Leben aufblättert. Alle Briefe datieren aus der ersten Hälfte des Jahres l990, jener frühen Zeit der Wende mit ihrem Wahnwitz an DDR-Naivitäten und westlichen Übertölpelungen, dem Scheitern der Bürgerrechtler bei der Wahl im März mit nur 2,8 % der Stimmen, der Einführung zuletzt der D-Mark. Parallel steigt aus den Briefen an Nicolette die DDR-Vergangenheit auf, bis beide Zeiten zusammenschlagen.

Es beginnt mit dem DDR-typischen Erweckungserlebnis des kleinen Enrico als Schriftsteller. Fast wird eine Künstlerbiographie daraus mit Zügen von Bildungs- und Entwicklungsroman. Welche Lektüre entzündete, welche arkadischen Schreibplätze in Wald und Wiese spielten eine Rolle und welche Sujets? Und warum ausgerechnet so ausführlich die doch sichtlich wenig kummervoll erlebte Wehrdienst-Zeit bei der NVA? „Ich hegte den Verdacht, mein falsches Leben habe mir das Schreiben verdorben“, bekennt Türmer. „Je größer das Leid“, desto größer sei die Literatur.

Einer, der darunter litt, dass er nicht genug litt, auch nicht in den Tagen des Umbruchs.

Während der Montagsdemonstrationen behielt er Distanz, störte sich am moralischen Pathos der anderen. Auch an der ästhetischen Armut der skandierten Parolen: „Reiht Euch ein“; „Neues Forum zulassen“ , „Schämt Euch was“; „Wir sind das Volk“. Sich an solchen Sprechchören heiser schreien? Dagegen setzt er freimütig: „Was sollte ich, ein Schriftsteller. Ohne Mauer.“

Eine weitere Ebene der Ironie kommt durch die Fiktion des Herausgebers auf, der natürlich auch ein Schriftsteller ist, vielleicht ein Gescheiterter auch er. Auf alle Fälle fehlt ihm der große Stoff, weshalb er sich auf den Nachlass zu Lebzeiten von Enrico Türmer stürzt. Türmer ist verschollen – wahrscheinlich wegen Steuerflucht.
Ein Herausgeber, der sich ungebührlich einmischt. Berichtet Türmer von einem italienischen Schnaps, den man nach dem Essen getrunken habe, kommentiert die Fußnote besserwisserisch: „Es handelt sich wohl um Grappa.“ Auch versucht der Herausgeber den Autor Türmer als Schreiber und als Charakter herabzusetzen. Wieder sage der der Pointe wegen nicht die Wahrheit. Ein Herausgeber, der im übrigen Ingo Schulze heißt.

Andererseits ist es Enrico Türmers Leben, das völlig mit dem Leben des veritablen Ingo Schulze identisch ist.

Beide sind 1962 in Dresden geboren, wurden in jungen Jahren von dem Wunsch beseelt, DDR-Schriftsteller zu werden, beide haben Philologie in Jena studiert, wurden Dramaturgen im Altenburger Theater und gründeten 1990 eine Zeitung, die den anfänglichen demokratischen Elan über Bord werfend zu einem gewinnträchtigen Anzeigenblatt mutierte. Auch Ingo Schulze, der echte, hat drei Jahre auf die gleiche Weise Abstinenz von der Kunst geübt und so gut Geld mit einem Anzeigenblatt verdient. Ein romantisches Spiel mit den Identitäten. Am Ende wirbelt alles durcheinander. Die Satire kugelt kreislerianisch über ins Groteske. Der Besuch des Erbprinzen von Altenburg, einem Greis im Rollstuhl, lässt die Gesellschaft der Stadt verrückt spielen.

Ein guter Roman, ein schlechter Roman?

Am merkwürdigsten ist, dass man so gerne weiter liest. Die vielen Details vor und nach der Wende, als die Ostler so überbereit zu allem, was goldener Westen heißt, überlaufen, fesseln. Viele sind durch dieses Buch für immer vor dem Vergessen bewahrt. Und wenn schon so viel vom Scheitern die Rede ist, muss man nicht vielleicht darüber nachdenken, ob Ingo Schulze bei seinem monumentalen Vorhaben nicht listig das Scheitern gleich mit als genuin eingeplant hat?

von Ariane Thomalla


Ingo Schulze
Neue Leben
Die Jugend Enrico Türmers in Briefen und Prosa
Herausgegeben, kommentiert und mit einem Vorwort versehen von Ingo Schulze
Berlin Verlag, Oktober 2005
ISBN: 3827000521

Ariane Thomalla studierte Germanistik, Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft u.a. in Paris. 1972 veröffentlichte sie „Die femme fragile als literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende.“ Einige Jahre Verlagslektorin, danach Journalistin und Autorin für Rundfunk und Zeitungen mit Schwerpunkt auf kulturellen und zeitgeschichtlichen Themen. In den 80er und 90er Jahren Reportagen aus Israel („Die Intellektuellen und die erste Intifada“) und Mittel- und Osteuropa (Prag: „Die samtene Revolution", Warschau: „Der nachgeholte Kulturkongress“). Zuletzt Veröffentlichungen über die Töchter von Karl Marx, über Wolfgang Hildesheimer als jüdischem Autor im Nachkriegsdeutschland und über die Literarische Kollaboration in Frankreich



Erstellt: 20-10-05
Letzte Änderung: 24-11-05