Frau Bell, Prostitution ist eigentlich ein uraltes Gewerbe. Was hat sich denn in den letzten Jahren insbesondere seit der Öffnung des Ostblocks in diesem Bereich geändert?Ja, Prostitution ist ein uraltes Gewerbe und Menschenhandel ist auch ein uraltes Gewerbe. Wenn es früher noch die Dienstmädchen waren, die hin und her gehandelt wurden, vor allem die aus sozial schwachen Schichten von überall aus Europa, so ist es doch nach der Wende so, dass bis zu 90% der Frauen, die zur Prostitution in Westeuropa gezwungen werden, aus Osteuropa kommen. Es ist nicht so, dass das ganze Prostitutionsgewerbe aus osteuropäischen Zwangsprostituierten besteht, es gibt natürlich auch die Frauen aus Westeuropa, die sich vermeintlich freiwillig prostituieren. Aber der Zustrom der Prostituierten aus Osteuropa, die zur Arbeit gezwungen werden, ist enorm gewachsen, seit der Öffnung des Ostblocks.
Woran liegt das? Liegt das nur daran, dass sie billiger sind?Vorher waren es zumeist Asiatinnen und Afrikanerinnen, die den Prostitutionsmarkt abgedeckt haben. Mit den Osteuropäerinnen ist alles viel unauffälliger geworden, das ist ja „weiße Ware“ aus Osteuropa. Die Mädchen sind sicherlich deutlich billiger, die Transportwege sind ja auch deutlich kürzer und einfacher. Das Einschmuggeln der Frauen geht in Osteuropa viel leichter, zu Fuß, per Bus, per Auto.
Ist das Bild von der selbstbestimmten sozialversicherten Hure, das es ja eine Zeit lang gab, das Bild von einer Frau, die sich freiwillig prostituiert, damit endgültig als Illusion entlarvt?
Ich frage mich auch sehr oft, wer es eigentlich freiwillig macht. Es gibt sehr wohl Frauen, die sagen, sie machen das freiwillig auf eigene Kosten, und die damit glücklich sind. Das ist aber ein ganz geringer Prozentsatz der Frauen. Das sind zum Großteil Frauen, die auch Betreiberinnen sein könnten, die auch Zuhälterinnen sein könnten. Die große Masse der Prostituierten tut das sicher nicht freiwillig, sondern unter großem wirtschaftlichem Zwang. Es gibt einen ganz einfachen Test, wie man das feststellen kann. Wenn sie mit einer vermeintlich freiwilligen Prostituierten sprechen, und sie fragen, ob sie diesen Beruf ihrer Tochter wünschen würde, fällt die Antwort immer negativ aus!
Wer sind denn nun eigentlich die Drahtzieher und die Profiteure, die an diesem Menschenhandel mit Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden, verdienen. Sind das immer nur die bösen Russen und Albaner?Das Netzwerk ist international und wohl organisiert. Es sind sicherlich die Mittelsmänner in den Herkunftsländern der Frauen. Das sind in der Regel aber gar keine Verbrecher. Die Menschenhändler und Zuhälter in den osteuropäischen Ländern sind in der Regel angesehene Mitglieder der Gesellschaft. Das wird dort nicht als Verbrechen gesehen, sondern eher positiv: Der hat es zu etwas gebracht, hat ein großes Auto, ist in der Regel mit anderen angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft befreundet. Hier in Westeuropa braucht man aber auch Netzwerke, und das sind dann durchaus Einheimische. Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ein Albaner in Deutschland einfach seine Mädchen platzieren kann. Hier gibt es ja auch örtliche Konkurrenten. Und die machen es einem Zuhälter aus dem Ausland nicht unbedingt leicht. Der Markt ist hart umkämpft. Insofern hat man auch Gewährsleute und Mittelsmänner hier.
Es ist nur so, dass in den Herkunftsländern dann doch die Einheimischen dominieren, und das sind eben viele Russen, Ukrainer und auch die so gefürchteten Kosovaren oder Albaner. Interessant ist, dass es sich in den letzten Jahren ergeben hat, dass zwischen 15 und 20% der Menschenhändler Frauen sind. Das sind meistens ehemalige Zwangsprostituierte, die in der Hierarchie gestiegen sind und nun die Mädchen, die frisch dazukommen, bluten lassen. Ein interessanter neuer Trend: Ehemalige Opfer sind jetzt Täterinnen.
Darüber ist doch eigentlich schon viel geschrieben und berichtet worden, unter anderem auch in ihrem Buch „Verkauft, versklavt, zum Sex gezwungen“ . Wieso gibt es denn immer noch so viele „naive“ Frauen, die den Versprechungen auf Arbeit in einem EU-Land Glauben schenken und dann in einem Bordell hier landen?
In den Herkunftsländern dieser Frauen ist die Aufklärung noch nicht so weit gediehen, auch wenn hier und da mal aufgeklärt wird, durch Fernsehspots und Plakate. Aber die Frauen sind in einer so perspektivelosen und elenden Situation, dass sie denken, das trifft sowieso nicht auf mich zu. Meistens ist es sogar so, dass die Menschenhändler, die sie ansprechen, aus dem Freundes- oder Familienkreis kommen, es sind Nachbarinnen, Freunde oder Bekannte von Freunden. Da ist natürlich ein großer Vertrauensvorschuss da: Der würde mir so etwas nie antun. Insofern kann man schon sagen, die Frauen sind naiv, aber eigentlich haben sie einfach Vertrauen in ihre unmittelbare Umgebung, in jemanden, der ihnen sagt: „Da wirst du in einer Bar arbeiten, die Deutschen und Franzosen machen das selbst gar nicht mehr, sondern nur noch die Osteuropäer, die noch nett sind und was verdienen wollen. Die anderen haben das gar nicht nötig.“ Das erscheint den Mädchen einleuchtend, denn was kennen sie denn schon aus dem Westen, sie kennen nur die Filme und Serien, die sie sehen, in denen die Menschen in Geld zu schwimmen scheinen. Und sie haben tatsächlich den Eindruck, die im Westen müssen gar nicht mehr richtig arbeiten, und Osteuropäerinnen können ehrliche Arbeit bieten. Sie schauen nicht dahinter, und selbst wenn sie das Gefühl haben, da könnte Prostitution im Spiel sein - Freunde sagen manchmal, dass man dort nur tanzen muss und sich höchstens durch Prostitution selbst freiwillig etwas dazu verdienen kann - , selbst dann erwartet niemand, dass es tatsächlich zu Gewalt, Zwang, Vergewaltigung und Sklaverei kommt.
Nun würde es diesen Markt ja nicht ohne die Kunden geben. Seit Prominente wie der Maler Immendorf oder Michel Friedmann in Prostitutionsskandale verwickelt waren, wird das Thema Zwangsprostitution offen angesprochen. Wer sind denn eigentlich die vielen Freier dieser Frauen, und wissen sie wirklich nicht, in welcher Situation sich diese Frauen befinden?
Bei den Freiern sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass das die ewig Zukurz-Gekommenen sind, die kleinen, dicken, rotgesichtigen Männer. Das sind Männer quer durch alle Bevölkerungsschichten und Altersklassen, das sind Reiche, Arme, Professoren, LKW-Fahrer, Moderatoren, wohlangesehene Leute.
Für Deutschland gibt es ernstzunehmende Studien, die besagen, dass 12 Millionen Männer regelmäßig ein Bordell besuchen, also jeder dritte Mann, eine Million Männer täglich. Der Großteil der Männer will ein schnelles Vergnügen, und so wird dann der Sexkonsum auch wahrgenommen. Aber es gibt sehr viele Männer, die die Anzeichen dafür erkennen, dass sie eine Zwangsprostituierte vor sich haben. So gibt es auch Freier, die über ein Stammkundenverhältnis mit einer osteuropäischen Prostituierten ins Gespräch kommen und dabei gesagt bekommen: Ich bin hier nicht freiwillig! Dann unterscheiden sich aber die Reaktionen dieser Männer. Viele Männer nehmen die Frauen dann nicht ernst, denken nur, sie wollten auf die Tränendrüse drücken, um sich vor der Arbeit zu drücken und ignorieren das dann. Andere Männer wiederum reagieren, und zwar in einer durchaus sehr heldenhaften Manier: Sie informieren die Polizei oder die Hilfsorganisationen.
Hilft es denn den Prostituierten, wenn sich ein Freier an die Polizei wendet?In der Tat, das hilft ihnen. Die Polizei ist ja angewiesen auf Informationen aus der Bevölkerung, von Freiern, Nachbarn, Menschen auf der Straße, die etwas mitbekommen. Denn wenn die Bordellbetriebe legal sind, dann kann die Polizei nicht ohne begründeten Verdacht reinspazieren.
Das gilt natürlich auch für die Hilfsorganisationen. Polizei und Hilfsorganisationen sind dringend angewiesen auf die Mithilfe der Bevölkerung und der Freier. Es ist ja auch so, dass jetzt im Hinblick auf die Fußballweltmeisterschaft an die Freier appelliert wird, mit Postkartenaktionen und Bierdeckeln, dass sie eben die Augen offen halten sollen, wenn sie zu einer Prostituierten gehen, und dass sie darauf achten, wen sie vor sich haben. Falls sie Anzeichen von Zwangsprostitution erkennen, dann sollten sie sich bitte an die Polizei wenden.
Das ist eine Möglichkeit. Was kann man über die Aufklärung hinaus tun?
Zuhälter und Menschenhändler müssen einfach so hoch wie möglich bestraft werden. Da tut sich die Justiz oft schwer, manchmal wird ausgewichen auf andere Delikte wie Drogen oder illegale Beschäftigung, denn der Menschenhandel kann sehr schwer nachgewiesen werden. Hier wäre eine europaweite Standardisierung der Menschenhandelsparagraphen sehr wichtig.
Die Frauen sind oft nicht zu Zeugenaussagen bereit. Ist das richtig?
Sie sind deshalb oft nicht zu Zeugenaussagen bereit, weil sie ja mit einer Abschiebung ins Heimatland rechnen müssen, und dort erwartet sie ja nur wieder das Netzwerk der Täter, das heißt, sie haben unheimliche Angst, dass ihren Familien etwas zustößt, solange sie aussagen, und dass sie dann, wenn sie bis zur ihrer Aussage bleiben, wieder in diese Netzwerke im Heimatland geraten.
Da muss eine stärkere Zusammenarbeit der Polizei und der Justizbehörden erfolgen. Daran arbeitet man zwar, aber in einer Zeit, in der islamische Bedrohung und Terrorismus viel stärker wiegen als das gerade erst dem Kavaliersdelikt entschlüpfte Menschenhandelsphänomen, da sind einfach weder die finanziellen Mittel noch der politische Druck da. Eine Frau, die bereit ist in einem Menschenhandelsprozess auszusagen, darf nicht einfach zurückgeschickt werden in die Menschenhändlernetze des Heimatlandes, ohne jegliche Perspektive. Das ist absolut kontraproduktiv. So kriegt man keine Frau zu einer Zeugenaussage.
Es sind daher auch nur sehr wenige bereit und tapfer genug, so einen Prozess auch durchzustehen. Hier können die Hilfsorganisationen helfen, die müssen auch gestärkt werden, es gibt davon noch zu wenige. Da ist nachhaltige Hilfe gefordert.
Frau Bell, Sie haben sich ja auf dieses Thema spezialisiert, werden Sie weiter recherchieren?
Ja, ich recherchiere weiter. Gerade im Hinblick auf die Fussball-WM in Deutschland ist es so, dass aus den osteuropäischen Ländern 40.000 Prostituierte erwartet werden, davon viele Zwangsprostituierte, und ich möchte untersuchen, wie der Menschenhandelsmechanismus vor Ort in diesen Ländern aussieht, wie die Anwerber die Mädchen zur Fussball-WM nach Deutschland locken. Also auch wie die Frauen dann hierher gebracht werden und wo sie hier landen, das ist mein nächstes Projekt.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE)
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Lea Ackermann, Inge Bell, Barbara Koelges: "Verkauft, versklavt, zum Sex gezwungen"
(Kösel Verlag, München 2005)






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