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30/09/04

Indira Gandhi

Indira Gandhi war die erste Frau im Amt des indischen Premierministers. In ihren zwei Amtszeiten regierte die Politikern die größte Demokratie der Welt mit starker Hand. Am 31. Oktober 1984 wurde Indira Gandhi im Garten ihres Büros von zwei Leibwächtern erschossen.

Indira Priyadarshini Nehru war die einzige Tochter des Staatsmanns Jawaharlal Nehru. Die Familie ist kaschmirischen Ursprungs. Die häufigen Besuche führender Persönlichkeiten, vor allem Gandhis, dessen erklärter Liebling sie war, die Persönlichkeit ihres Vaters, Großvaters und ihrer Mutter Kamala prägten ihre Jugend und weckten früh ihre Überzeugung, dass die Familie Nehru berufen sei, Indien zu regieren.

Die Schule besuchte sie auch in der Schweiz, wo sich ihre lungenkranke Mutter von 1926-27 aufhielt. Sie studierte dann Geschichte an der Visvabharati-Universität, am Somerville College in Oxford und von 1941-42 in Allahabad an Rabindranath Tagores Santiniketan-Universität.

Zwischen der Pflege ihrer Mutter, die 1936 in Badenweiler starb, und der Sorge um den im Gefängnis sitzenden Vater hat Gandhi die ganze Schwere des Lebens der indischen Freiheitskämpfer kennengelernt. Sie war 13 Jahre alt, als Nehru ihr aus dem Gefängnis jene Briefe schrieb, die später in dem Buch "Briefe an Indira" zusammengefasst wurden.

In den 30er Jahren gründete sie die Kinderorganisation Vanar Sena und arbeitete in Studentenorganisationen mit. Mehrfach wurde sie zu Gefängnisstrafen verurteilt. 1937 trat sie in die Kongresspartei ein und wurde des Vaters ständige Begleiterin. 1942 heirate sie einen Jugendfreund. Aus der 1947 getrennten Ehe gingen die Söhne Rajiv, Ratan und Sanjay hervor.

1955 wurde sie in die Parteispitze der Kongresspartei gewählt, doch es gelang ihr nicht, die Zersplitterung der rivalisierenden Machtgruppen aufzuhalten. Nach Nehrus Tod trat Gandhi als Ministerin in das Kabinett Shastri ein. Nachdem Shastri ebenfalls gestorben war, wurde sie 1966 von der Kongresspartei zur Vorsitzenden und damit zur neuen Ministerpräsidentin Indiens gewählt.

In diesem Amt warteten große, bis heute nicht gelöste Probleme auf sie: die Bevölkerungsexplosion, der schwere Kampf gegen mangelnde Bildung und Armut, die schwerfällige indische Bürokratie, das Defizit in den Staatsbetrieben und eine wirtschaftliche Stagnation.

Dazu kamen in den 60er Jahren Kämpfe in der Führung der Kongresspartei. 1969 bootete Gandhi ihren Widersacher Desai aus dem Kabinett aus und ordnete die Verstaatlichung der Großbanken an. Im Kampf mit der Parteiführung stellte sich die Mehrheit der Fraktion hinter sie. Es kam zur Spaltung der Kongresspartei.

Im Dezember 1971 kam es zwischen Pakistan und Indien zum Krieg, den die indischen Truppen nach kurzer Zeit gewannen. Der Sieg führte zur Bildung des Staates Bangladesch.

Fast in allen Landesparlamenten erreichte ihre Partei im März 1972 die absolute Mehrheit. In der Folge sah sich Gandhi mangels echten sozialen Fortschritts, prekärer Wirtschaftslage und sich ausbreitender Korruption einer wachsenden Opposition im Lande gegenüber. Im Mai 1974 lähmte ein Generalstreik der Eisenbahner das Land. Von den innenpolitischen Schwierigkeiten konnte auch die erfolgreiche Zündung eines unterirdischen atomaren Sprengsatzes im Mai 1974 nur vorübergehend ablenken.

Im Juni 1975 erklärte ein Gericht in Allahabad Indira Gandhi korrupter Praktiken bei den Unterhauswahlen für schuldig. Am 25. Juni 1975 beendete sie die politische Krise dadurch, dass sie den Ausnahmezustand verhängen und ihre politischen Gegner, darunter vor allem Desai, Narain und den Sozialisten Fernandes, verhaften liess.

Das Bestreben, die Verfassung mehr und mehr auf ihre Person zuzuschneiden, und die offenkundige Protektion ihres Sohnes Sanjay, um den sich bereits ein Personenkult zu entfalten begann, und dessen wirtschaftliche Aktivitäten weckten nicht nur Widerstand in der bis dahin ohnmächtigen Opposition, sondern auch in der eigenen Partei.

Angesichts wachsender Angriffe mit dem Vorwurf mangelnder Legitimierung ihrer Politik löste Gandhi am 19. Januar 1977 das Parlament auf. Die Neuwahlen brachten eine unerwartet hohe Niederlage der Kongresspartei, ihr Gegenspieler Desai bildete die neue Regierung.

Der wichtigste Helfer für ihr Comeback war schließlich die zerstrittene und ineffektive Regierung selbst. Bei den Parlamentswahlen 1980 erlebte Gandhi einen in dieser Höhe kaum erwarteten politischen Triumph. Ihre Rückkehr an die Regierungsspitze wurde überschattet durch ein Attentat gegen sie im April 1980 und durch den Tod ihres Lieblingssohnes Sanjay, der bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Gandhi begann ihre neue Regierungszeit maßvoll, kehrte aber schon bald zu dem ihr eigenen ebenso machtbewussten wie pragmatischen Führungsstil ohne langfristige Konzeptionen zurück. Der zunehmenden Tendenz zum Regionalismus in Indien begegnete sie mit einer Reihe weitreichender Sondervollmachten zur Stärkung der Zentralgewalt.

Zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Muslims und Hindus kam es bei den Regionalwahlen in Kaschmir, bürgerkriegsähnliche Formen nahmen schließlich die Auseinandersetzungen zwischen Sikhs und Hindus im Punjab an. Mit der Erstürmung des Goldenen Tempels von Amritsar, dem Heiligtum der Sikhs stellte Gandhi die Ordnung wieder her. Der Extremistenführer der Sikhs, Sant Jarnail Singh Bhindranwale, fand dabei mit rund 250 seiner Anhänger den Tod.

Die Außenpolitik Gandhis zielte ab 1980 auf eine "pragmatische" Blockfreiheit. Anfang der 80er Jahre unternahm sie zahlreiche Auslandsreisen.

Nach dem Tode ihres Lieblingssohnes Sanjay holte Gandhi, in der Absicht, die Nehru-Dynastie fortzuführen, ihren Sohn Rajiv in die Politik, obwohl der als integer, warmherzig und eher bieder beschriebene Berufspilot zunächst wenig Interesse an dieser Aufgabe zeigte.

Die Frage einer Nachfolge des "Kronprinzen" wurde früher akut als erwartet. Am 31. Oktober 1984 wurde Gandhi im Garten ihres Büros von zwei Sikh-Leibwächtern erschossen, die damit Rache für das Vorgehen in Amritsar übten. Sie war zwar gewarnt worden, hatte eine Entlassung der Sikhs aus der Leibwache aber abgelehnt. Ihr Tod löste eine Welle blutiger Vergeltung aus.

Noch am Tag des Attentats wurde Rajiv Gandhi als neuer Ministerpräsident vereidigt. Er rief zu Versöhnung auf und ordnete das Eingreifen der Armee an. Unter Teilnahme von Politikern aus aller Welt wurde Indria Gandhi feierlich verbrannt und ihre Asche später über dem Himalaja verstreut.
Quelle: Munzinger / ARTE

Erstellt: 30-09-04
Letzte Änderung: 30-09-04