Was ist Gendoping?
Unter Gendoping versteht man alles, was die genetische Aktivität eines Menschen beeinflusst. Die Gene sind letztendlich das, was uns zu dem macht, was wir sind, was uns stark macht, was uns klug macht, usw. Und allen Techniken, Methoden, Medikamente und Strategien, die darauf Einfluss nehmen unsere Gene direkt in ihrer Aktivität zu beeinflussen: Das fasst man unter Gendoping zusammen.
Was unterscheidet Gendoping von bekannten Methoden bzw. Mitteln wie EPO oder Anabolika?
Eigentlich ist der Unterschied nicht so groß. Es geht einfach noch eine Dimension weiter. Der wesentliche Unterschied ist: Früher hat man solche Substanzen wie EPO in den Körper eingespritzt. Das heißt, man hat sie außerhalb des Körpers produziert, dann die Substanz in den Körper injiziert. Beim Gendoping hingegen überredet man den Körper sozusagen, die Substanz selber herzustellen, also körpereigen.

Patrick Rene Diel ist ein Experte für Endokrinologie sowie auf dem Gebiet des Missbrauchs von Wachstumsfaktoren, Gendoping und Myostatin. Seit 1995 ist er Leiter der Arbeitsgruppe Endokrinologie an der Deutschen Sporthochschule Köln und seit 2001 auch der tierexperimentellen Einrichtungen.

Das EPO zum Beispiel. Wir wissen, dass Erythropoetin (EPO) oft als Dopingmittel missbraucht wird. Es erhöht den Anteil an roten Blutkörperchen im Blut und führt dazu, dass wir mehr Sauerstoff binden können. Das steigert wiederum unsere Ausdauerfähigkeit. Man kann dem Körper aber auch einen Botenstoff injizieren, ein Signal, das dazu führt, das körpereigene EPO-Gen zu aktivieren. Wir tragen es alle in unseren Körpern. Normalerweise ruht es, da wir es nicht brauchen. Wenn man es nun aktiviert, produziert unser Körper selbst EPO und das sorgt genau wie beim injizierten EPO dafür, dass der Anteil der roten Blutkörperchen steigt und unsere Ausdauerfähigkeit erhöht.
Für wie wahrscheinlich halten Sie es denn, dass jetzt bereits mutante Athleten in den Sportstadien zum Wettkampf antreten?
Das hängt immer davon ab welche Art von Gendoping man gerade betrachtet. Also wenn es um die Methoden geht, bei denen ein Mensch genetisch verändert wird und er ein künstliches Gen im Körper hat, so wie man das bei der Gentherapie kennt, halte ich es für recht unwahrscheinlich, da es einfach auch sehr riskant und kompliziert ist. Wenn es aber um die Aktivierung von körpereigenen Genen oder andere Strategien geht, dann halte ich es nicht nur für wahrscheinlich. Da gehe ich fest davon aus, dass sowas schon gemacht wird.
Ist es unausweichlich, dass die Methoden, die eigentlich zur Behandlung bislang unheilbare Krankheiten, wie zum Beispiel die im Film angesprochene Muskeldystrophie, zum Doping missbraucht wird?
Ja, eigentlich schon. Das liegt in der Natur der Sache: Techniken und Methoden werden in der Regel entwickelt um Krankheiten zu heilen oder zu behandeln. Als Nebeneffekt – und so war es in der Vergangenheit mit den meisten Substanzen – werden sie zweckentfremdet und zum Doping missbraucht. Insofern ist das Gendoping nur die konsequente Weiterführung des Schemas, das wir aus der Vergangenheit kennen.
Was für Auswirkungen hat es auf die Gesundheit der Sportler?
Wir können das schlecht einschätzen, aber wir können davon ausgehen, dass alle diese Methoden erhebliche Nebenwirkungen im Körper haben werden. Und diese Folgen werden teilweise weit über die hinausgehen, die wir so schon als Nebenwirkungen, die ja auch nicht unerheblich sind, von den „klassischen“ Dopingmethoden her kennen. Das kann von kleinen Unbefindlichkeiten bis hin zum gesteigerten Krebsrisiko oder zum aktiven Tod durch, zum Beispiel, Verstopfen der Blutgefäße gehen. Alles Mögliche ist vorstellbar.
In der Dopingprävention will man ja eher agieren als reagieren um mit der Entwicklung der Gentechnik mitzuhalten. Die Methoden sind aber nach wie vor eher vage. Wann wird es sichere Nachweismöglichkeiten geben?
Für einige der Methoden, die unter Gendopingdefinition fallen, gibt es schon Nachweismethoden. Es gibt zum Beispiel eine Nachweismethode für den sogenannten „PPARdelta-Agonisten“, die an unserer Sporthochschule von den Kollegen in der Biochemie entwickelt wurde. Die ist bereits im Einsatz. Das ist Gendopingprävention. Bei anderen Gendoping-Methoden sind wir kurz davor eine Lösung zu finden, bei noch anderen wissen wir im Moment noch gar nicht, wie wir damit umgehen sollen: Da müssen wir uns noch erst etwas Neues einfallen lassen.
Welche Konsequenzen hat das Gendoping Ihrer Meinung nach auf die Zukunft des Sports, sowohl für den Spitzensport als auch den Breitensport?
Beim Spitzensport wird sich meiner Meinung nach nicht viel ändern. Es wird weiterhin Athleten geben, die diese Methoden missbrauchen werden, aus unterschiedlichster Motivation heraus. Man wird dann versuchen müssen, diesen Missbrauch einzuschränken durch geeignete Kontrollsysteme. Es geht da nicht nur um das Nachweisverfahren. Wir müssen an der gesamten Dopingkontrolle etwas ändern, wie das Verfahren läuft, wie die Athleten erfasst werden, usw.
Auch für den Breitensport mache ich mir Sorgen: Die Gendoping-Methoden, die nicht so kompliziert in der Anwendung sind, haben meiner Meinung nach ein großes Potential, im Breitensport missbraucht zu werden. Beispielsweise hatten wir bislang immer schon ein Problem mit Anabol-wirkenden Substanzen: Anabole Steroide gehören zu den am häufigsten missbrauchten Substanzen überhaupt und werden gerade im Breitensport massiv missbraucht.
Im Ausdauerbereich war das im Breitensport bisher kein Thema, weil es einfach zu kompliziert und zu teuer war. Aber mit den neuen Methoden, die unter die Gendopingdefinition fallen, wird genau in dem Bereich eine Türe geöffnet. In Zukunft wird es eigentlich genauso leicht sein mit Genen zu dopen wie mit anabolen Steroiden. Da sehe ich ein Problem, weil da die Bereitschaft sehr groß ist.
Das Interview führte Marion Sippel (ARTE Deutschland, Juli 2010).






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