01/05/02
Im toten Winkel
Kinostart 02.Mai 2002
IM TOTEN WINKEL - HITLERS SEKRETÄRIN
Ein Film von André Heller und Othmar Schmiderer
Synopsis
Traudl Junge berichtet von ihren Jahren als Sekretärin Hitlers und von ihrem späteren Umgang mit ihrem Leben in unmittelbarer Nähe dieses Mannes.
In der Dokumentation „Im toten Winkel“ spricht die 81-jährige Traudl Junge erstmals vor der Kamera über ihr sehr spezifisches Leben. Frau Junge war von Herbst 1942 bis zum Zusammenbruch der Naziherrschaft die Privatsekretärin von Adolf Hitler. Sie arbeitete mit ihm in der Wolfschanze, am Obersalzberg, im Sonderzug und zuletzt im Führerbunker der eingekesselten Hauptstadt. Sie war es auch, der Hitler sein Testament diktierte.
André Heller ist es durch Vermittlung der Autorin Melissa Müller im Frühjahr 2001 gelungen, Traudl Junge von der Sinnhaftigkeit der Aufzeichnung ihrer einzigartigen Erinnerungen, aber auch Verstörungen und Selbstreflexionen zu überzeugen. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Othmar Schmiderer erarbeitete Heller aus den über 10 Stunden Material einen 90-minütigen Film, der auf jedes gestylte Beiwerk verzichtet und sich ganz auf die große Wirkung der Erzählerin verlässt. 56 Jahre nach Kriegsende offenbart sich eine wesentliche Augen- und Ohrenzeugin, deren Erfahrungen sie zu einer wütenden Gegnerin des Nationalsozialismus werden ließen, die aber aufs Schmerzlichste außerstande zu sein scheint, dem jungen Mädchen, das sie einmal war und das Sympathie für Hitler empfand, jemals ihre damalige Naivität und Ignoranz zu verzeihen.
Pressestimmen
Der Gesprächsfilm „Im toten Winkel“ ist ein höchst bemerkenswertes Dokument über die Banalität der Freundlichkeit im Zentrum des Grauens.
Jochen Hieber, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Atemberaubende Intensität. Kein Zweifel, hier glückte, dank Diskretion trotz
unvermeidlicher Neugier, ein historisches und menschliches Dokument von Rang.
Ulrich Weinzierl, DIE WELT
Der Schrecken wird nicht ausgewalzt, sondern auf den Punkt gebracht. Was Hannah Arendt mit der „Banalität des Bösen“ gemeint hat, kann sich hier ungestört entfalten, im Vertrauen auf die Urteilskraft des Zuschauers.
Henryk M. Broder, Der Spiegel
Als Zuschauer hat man plötzlich das Gefühl, das es hier nicht um die Geschichte
dieser Frau geht, sondern darum, dass einen die Schrecken einer Vergangenheit
niemals loslassen.
Stephan Lebert, Tagesspiegel Berlin
Es ist ein Geschenk, dass es jetzt diesen Film gibt, der die glaubhafte Botschaft der letzten hautnahen Augenzeugin in die Welt hinausschicken kann, aus dem toten Winkel endlich ins Licht.
Gertraud Knoll, FORMAT
Die Wahrhaftigkeit, mit der sich diese Frau mit sich selbst und ihrer Biographie
konfrontiert, macht die Stärke dieser Dokumentation aus. Die ist packend von der ersten bis zur letzten Minute. Heller und Schmiderer haben einen puristischen Film gemacht, ohne illustrative Dokumentationsaufnahmen, ohne Kommentar, ohne Musik. Der Interviewer Heller tritt vollkommen in den Hintergrund. Der Film wird nur vom klaren Wort und dem ausdrucksstarken Gesicht der Frau getragen.
Georg Hoffmann-Ostenhof, Profil
Junges Erzählung geht über das Anekdotische, dem sie übrigens selbst misstraut,
weit hinaus. Und der Film verstärkt dies noch in vollständigem Verzicht auf
historisches Bild- und Filmmaterial.
Claus Philipp, Der Standard
Die Verdrängung, das kann man hier studieren, ist ein Selbstschutzmittel mit
beschränkter Wirkung: Irgendwann kommt all das hoch, was man sich selbst so lang verschwiegen hat.
Stefan Grissemann, Die Presse
Kommentar
Im Februar 2002 telefonierten die Filmemacher noch einmal mit der schwerkranken 82-jährigen Traudl Junge. "Ich beginne langsam mir zu verzeihen", vertraute sie ihnen damals an. an. Kurz darauf starb sie. Der Film über ihre Erinnerungen hatte da grade seine Premiere auf der Berlinale. Ein Leben lang hatte Traudl Junge unter der Schuld gelitten, die sie in den 2 ½ Jahren als Hitlers Privatsekretärin auf sich geladen hatte.
Klar, präzise, mit ruhiger Stimme schildert die schöne alte Dame, vor dem Bücherregal ihrer Münchner Wohnung sitzend, was damals aus ihrer Sicht im Führerbunker geschah. Sie war ein sehr junges Mädel, wollte raus aus der Enge ihres Elternhauses, zu ihrer Schwester nach Berlin. Dort wollte sie Tänzerin werden, denn das Tanzen war ihr das Wichtigste im Leben. Doch alles kam ganz anders als sie es wollte, und sie fand sich als eine der auserwählten Sekretärinnen im Führerbunker wieder. "Ich hätte auch nein sagen können", sagt sie zurückblickend mit Bedauern in der Stimme. "Aber ich habe es nicht getan."
Ein halbes Jahrhundert lang schwieg Traudl Junge über die Erfahrungen, die sie damals gemacht hat. Wieder und wieder hat sie sie in ihrem Kopf hin- und hergewälzt. ‚Jung sein ist keine Entschuldigung‘ sagte sie sich immer wieder. Im letzten Frühjahr vertraute sie erstmals ihre gesammelten Erinnerungen an die dunkelste Zeit in ihrem Leben einer Kamera an. André Heller und der Dokumentarfilmer Othmar Schmiederer zeichneten über zehn Stunden auf, aus dem sie ihren Dokumentarfilm schnitten.
IM TOTEN WINKEL - HITLERS SEKRETÄRIN kommt gänzlich ohne historische Filmdokumente jener Zeit aus - er vertraut auf das Gesicht seiner Zeitzeugin. Eindringlich und bisweilen unheimlich bis gespenstisch schildert sie die Zeit an Hitlers Seite. Ihre Perspektive ist selbstverständlich sehr subjektiv - auch wenn sie sie im Nachhinein mit dem Wissen um die wahren Ereignisse ergänzen mußte. Traudl Junge fühlte sich damals "im toten Winkel." Obwohl sie dem Täter bedrohlich nahe war, bekam sie nie eines seiner Opfer zu Gesicht. Das Wort "Jude" war im Führerbunker tabu, von KZ’s, Morden und Gaskammern wußte sie ihrer Aussage nach nichts. Traudl Junge erzählt, daß Hitler nicht einmal Blumen in seinem Zimmer haben wollte, "weil er keine toten Dinge ertragen konnte."
Der Film stellt offen und direkt die Frage nach politischer Verantwortung. In völlig unakademischer Weise offenbart Frau Junge ihr wegen ihrer damaligen Tätigkeit völlig zerrissenes Innenleben. Ungeschönt und direkt. Ihre plastischen Erinnerungen an die letzten Tage im Führerbunker sind beunruhigend und gespenstisch. Damals hat Hitler seiner blutjungen Sekretärin sein Testament diktiert. Mit ihren präzisen Erinnerungen hat Traudl Junge uns ein Stück Zeitgeschichte hinterlassen, das niemals in Vergessenheit geraten darf.
Nana A.T.Rebhan
Erstellt: 20-04-04
Letzte Änderung: 01-05-02