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Mit Vollgas in die Hungerkrise

Der Sturm in der Finanzwelt hat die Vorzeichen einer wesentlich schwereren Krise verdeckt: Eine allgemeine Nahrungsmittelkrise erwartet uns.

> Im Gespräch mit Yves Billy

Mit Vollgas in die Hungerkrise

Der Sturm in der Finanzwelt hat die Vorzeichen einer wesentlich schwereren Krise verdeckt: Eine allgemeine Nahrungsmittelkrise erwartet uns.

Mit Vollgas in die Hungerkrise

Die Hungerkrise - 21/06/12

Im Gespräch mit Yves Billy

Der Dokumentarfilm „Die Hungerkrise“ von Yves Billy befasst sich mit den Hintergründen einer besorgniserregenden Entwicklung, die schon heute als die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts gilt.


Steuert die Welt tatsächlich auf eine Ernährungskrise zu?
Wenn nicht bald geeignete Gegenmaßnahmen ergriffen werden, wird sich die Nahrungsmittelknappheit weiter verschärfen. Angesichts der zunehmenden Verwendung von landwirtschaftlichen Rohstoffen zur Herstellung von Biokraftstoffen und dem steigenden Lebensmittelbedarf aufstrebender Volkswirtschaften besteht tatsächlich die ernstzunehmende Gefahr einer weltweiten Ernährungskrise. Die Welt steht vor der größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Seit Jahren weist die Welternährungsorganisation auf sinkende Produktionszahlen und zunehmende Trockenheit in den Getreideanbaugebieten, z. B. in Australien, hin. Auch wenn 2008 mit besseren Ernten zu rechnen ist, ändert dies nichts an der Tatsache, dass wir vor einem strukturellen Problem stehen. Das gilt insbesondere für Afrika. Es liegt auf der Hand, dass Nahrungsmittelhilfen nur gewährt werden können, wenn genügend Lebensmittel zur Verfügung stehen. Nach Aussage der Welternährungsorganisation FAO wären etwa 30 Milliarden US-Dollar jährlich erforderlich, um in den armen Ländern eine ausgewogene Landwirtschaft aufzubauen. Tatsächlich erhielt die Organisation auf ihrer letzten Generalversammlung im Juni von den Mitgliedsstaaten nur mit Mühe Zusagen in Höhe von 5 Milliarden US-Dollar. Umso mehr wundert man sich, dass zur Rettung der internationalen Finanzwirtschaft in kurzer Zeit tausend Milliarden US-Dollar bereit standen.

Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?
Dieser Dokumentarfilm ist im Grunde genommen die Fortsetzung meiner vorherigen Arbeiten, darunter „Der Klimaschock und seine Folgen“, einer Serie über die Folgen der Klimaerwärmung, die ich für ARTE produziert habe. Bauern und Landwirte sind die ersten Opfer der Klimaerwärmung. Wir haben mit zahlreichen Experten gesprochen und in den Ländern recherchiert, denen in Fragen der landwirtschaftlichen Produktion eine Schlüsselrolle zufällt. Zum Beispiel China. Hier offenbart sich die Problematik in ihrer demografischen, wirtschaftlichen und ökologischen Dimension besonders deutlich. China kann heute zwar seine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen annähernd ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgen (obwohl dort nach wie vor 150 Millionen Menschen an Unterernährung leiden), doch der Preis dafür ist hoch. Die Versteppung des Nordens, die Bodenerosion und die galoppierende Verstädterung lassen die landwirtschaftlichen Nutzflächen rasant schrumpfen. Gleichzeitig nimmt der Konsum von Fleisch und Molkereiprodukten mit wachsendem Wohlstand zu: Die Anzahl der Konsumenten von Fleisch und Milchprodukten ist bereits um 20% oder 300 Millionen Menschen gestiegen! Die unter den Folgen der Klimaveränderung leidenden afrikanischen Staaten südlich der Sahara importieren subventionierte Lebensmittel aus dem Norden, die billiger sind als einheimische Produkte. Und dann sind da noch die Länder, die als Kornkammer der Welt gelten: in erster Linie Argentinien und die USA.

Vor allem aber dürfen Nahrungsmittel nicht länger an den Finanzmärkten gehandelt und somit kurzfristigen Kursschwankungen unterworfen werden.

Ist die Entwicklung noch umkehrbar?
Leider muss man feststellen, dass die aufstrebenden Länder, sobald sie die nötigen Mittel dafür besitzen, voll auf intensive Landwirtschaft mit großzügigem Einsatz von Düngemitteln und genetisch verändertem Saatgut setzen. Diese Politik erweist sich vor allem für die kleinen Bauern als katastrophal, denn ihnen bleibt nur noch übrig, in die Städte abzuwandern. Wohlhabende Staaten wie Frankreich können es sich zwar leisten, zwei Arten von Landwirtschaft parallel zu betreiben, doch eigentlich gilt, dass jedes System entsprechend den landesspezifischen Bedürfnissen von innen heraus gesteuert werden können muss. Ein- und Ausfuhren sollen in einem ausgewogen Verhältnis zueinander stehen und den ärmsten Ländern muss es möglich sein, sog. Food Crops anzubauen, die in erster Linie die Ernährung der Menschen sicherstellen. Vor allem aber dürfen Nahrungsmittel nicht länger an den Finanzmärkten gehandelt und somit kurzfristigen Kursschwankungen unterworfen werden. Der Film will vor allem das Bewusstsein des Westens dafür schärfen, dass Nahrungsmittel nicht in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. Der Westen leidet nicht an Nahrungsmangel, doch weltweit leiden bereits heute drei Milliarden Menschen an Unternernährung.


Das Interview führte Sylvie Dauvillier

Erstellt: 19-11-08
Letzte Änderung: 21-06-12