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ARTE TRASH - 18/09/09

Im Gespräch mit Ruggero Deodato

Ein Gespräch mit dem Regisseur Ruggero Deodato anlässlich des 2. Europäischen Festivals des Fantastischen Films in Straßburg, bei dem er Mitglied der Jury (Präsident: Roger Corman) war und sein berühmt-berüchtigter Film „Cannibal Holocaust“ in einer vielbeachteten Mitternachtsvorführung gezeigt wurde.

Der Filmstart von „Cannibal Holocaust“ (1980) war kurios: Die Prüfer der italienischen Zensurbehörde, die den Film begutachteten, glaubten, die Darsteller seien in Ruggero Deodatos Film tatsächlich umgebracht worden. Der Beweis des Gegenteils war gar nicht so einfach zu erbringen, denn Deodato hatte sich von seinen italienischen und amerikanischen Darstellern eine Vertragsklausel unterzeichnen lassen, die ihnen für die Dauer eines Jahres nach den Dreharbeiten zu „Cannibal Holocaust“ untersagte, Rollen in anderen Filmen anzunehmen. Glücklicherweise hielt sich einer der Schauspieler damals gerade in Italien auf und konnte so vor Gericht den lebenden Beweis antreten, dass er sich bester Gesundheit erfreute und nicht zu Schaden gekommen war. Insgesamt ging der Ärger für Deodato wegen seines Films aber noch drei Jahre lang weiter. Der Erfolg eines fast zwanzig Jahre später entstandenen anderen Films, „Blair Witch Project“ (1999), der auf der gleichen Handlungsidee basiert wie „Cannibal Holocaust“, verhalf diesem wieder zu neuer Aufmerksamkeit – und Deodato in Italien zu einem ganz neuen Image: Damals noch als „Faschist“ beschimpft, gilt er vielen heute inzwischen als progressiver Visionär unter den Regisseuren.
Die Karriere Ruggero Deodatos beschränkt sich aber mitnichten auf diesen einen Film. Seine ersten Schritte beim Film machte er als Assistent von Roberto Rossellini, danach arbeitete er mit einer ganzen Reihe weiterer namhafter Regisseure zusammen. Seine eigene Regietätigkeit, mit der er Ende der sechziger Jahre begann, erstreckte sich auf Filme praktisch aller Genres, darunter Komödien und Erotik-Thriller ebenso wie Kriminal- und Horrorfilme. Heute reicht das Spektrum seiner Arbeit von Fernseh- und Werbefilmen bis hin zu Filmen mit eher persönlichem Charakter.

Welche Filme sehen Sie selbst gerne?
Ich habe eine Vorliebe für Regisseure wie Spielberg, Ridley Scott, Tony Scott oder auch Nichols, den ich sehr mag. Ich liebe den englischen Film. Auch den einen oder anderen französischen Film schaue ich mir gerne an, Besson zum Beispiel gefällt mir sehr oder auch Jean-Jacques Annaud mit seinen Steinzeitfilmen, das ist ein hervorragender Regisseur. Tarantino mag ich, sehr sogar! Komödien gefallen mir. Manche italienischen Filme auch, aber eher selten. „Gomorra“ fand ich allerdings gut. Als Filmzuschauer bin ich wohl guter Durchschnitt.

Gibt es Dinge, die Sie in Filmen schockieren?
Mich schockieren Filme mit harten Szenen, wie ich sie normalerweise selbst drehe. Aber auch große Melodramen können mich zu Tränen rühren, vor allem, wenn ich sie mir allein vor dem Fernseher anschaue.

Einige ihrer eigenen Filme fand das Publikum ja auch sehr schockierend, wegen ihrer Brutalität. Aber für diese Brutalität gibt es ja bei Ihnen immer auch einen Grund, und jeder Film hat seinen eigenen Stil der Gewalt.
Ja, richtig. Ich lasse mich immer von der Realität inspirieren. Von dem, was man in Zeitungen oder Büchern lesen kann. Und dann setze ich das mit meinem Stil um, doppelt so grausam und blutrünstig wie in Wirklichkeit. Bei „Cannibal Holocaust“ wollte ich auf die ganze Technik verzichten. Ich hatte vorher „Uomini se nasce, poliziotti si muore“ (Live like a cop, die like a man / Eiskalte Typen auf heißen Öfen, 1976) gedreht, einen Film mit hohem technischen Aufwand. Zu viel, wie ich fand. Deshalb sollte „Cannibal Holocaust“ weniger nach Kino, sondern mehr nach Realität aussehen. Ich habe daraufhin mit einer Kamera gedreht, die sich durch die Szenen hindurch bewegt. Zuerst dachte ich, das wird vielleicht doch zu soft. Aber nein, es wirkte sogar noch brutaler! Weil es an Dokumentarrealismus erinnerte.

Die siebziger und achtziger Jahre waren auch die Zeit, in der man damit anfing, direkte körperliche Gewalt in vielen Filmen zu zeigen. Sie selbst, Dario Argento, Lucio Fulci und noch viele weitere Kollegen in Italien oder auch Wes Craven, Tobe Hooper und andere in den USA. Es war eine ganz spezielle Filmepoche.
Ich besuchte damals keine Festivals oder ähnliches und schaute mir keine Horrorfilme an. Jetzt sehe ich mehr Horrorfilme – und ich muss sagen, die sind auch ganz schön brutal! Aber ich sehe da einen Unterschied. Ich weiß nicht was es genau ist, aber irgendetwas fehlt ihnen. Ich habe ziemlich empfindliche Antennen, ich fühle, wie ein Film ist. Haben Sie „Rocco und seine Brüder“ (Rocco e i suoi fratelli / Rocco et ses frères, Regie: Luchino Visconti) gesehen? Dieser Film drückt Gewalt und Brutalität aus, und Annie Girardot ist unglaublich gut darin. Das ist ein Film à la Deodato, ein Film, den ich fühle! Bei den neueren Horrorfilmen fühle ich nichts. Ich denke, es hat vielleicht etwas mit dem zu tun, was mir Leute wie Rossellini und Visconti vermittelt haben: die Erinnerung an den Krieg, an ein zerbombtes Italien, an eine andere, ganz andere Zeit. Gewalt hat es immer schon gegeben, und sie ist immer schon gezeigt worden. Aber heutzutage hat ihre Darstellung eher etwas Beliebiges.

Sie sprachen vorhin die Technik an. Als Sie Ihren ersten Film drehten, waren Sie selbst ja schon ein ausgebuffter Profi, Sie hatten zuvor schon bei vielen Filmen die Regieassistenz gehabt, mit vielen Zweitbesetzungen gearbeitet. Angefangen haben Sie bei Roberto Rossellini und danach bei vielen anderen großen Regisseuren assistiert.
Ich bin ein Handwerker. Meine Technik ist handwerklich, und sie funktioniert. Die jungen Leute heute haben eine industrielle Technik. Das ist etwas ganz anderes. Wer diese moderne Technik mit all ihren Spezialeffekten einsetzt, muss eine große Story zu erzählen haben, sonst hat das ganze keinen Sinn. Für eine kleine Geschichte eignet sich eine handwerkliche Technik besser. Deshalb hat man mich auch als Lehrer an die Cinecittà geholt. Man sagte mir, die jungen Leute müssten meine Technik lernen. Eine Technik, die zum einen nicht viel kostet und sich zum anderen in den Dienst der Story stellt. Denn bei den amerikanischen Großproduktionen mit ihrem riesigen Technikaufwand vergisst man doch, worum es in der Story eigentlich geht! Ein Film muss eine Geschichte erzählen. Ich freue mich darüber, dass mir viele Fans sagen: Deodato, bitte trauen Sie sich, in Ihren nächsten Filmen wieder mit ihren alten Spezialeffekten zu arbeiten!

Welche von den vielen Filmen, die Sie gemacht haben, liegen Ihnen besonders am Herzen?
Nun, also… Komödien mache ich jedenfalls keine mehr. Es hat mir zwar Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, dass es nicht das Richtige für mich war. Denn in Komödien kommt es auf die Schauspieler an, der Regisseur ist überflüssig. Der erste Film, in dem ich mich wirklich wiederfinde, ist Uomini se nasce, poliziotti si muore (Live like a cop, die like a man / Eiskalte Typen auf heißen Öfen, 1976 ), weil ich da zum ersten Mal meinen eigenen Stil eingesetzt habe. Haben Sie ihn gesehen? Es sind zwar viele brutale Szenen in dem Film, aber die Musik ist sehr romantisch, es sind Balladen. Da habe ich entdeckt, dass man brutale Bilder mit sanfter Musik kombinieren muss. Normalerweise werden Gewaltszenen ja immer mit einer Musik im selben Stil unterlegt: „Bumm, bumm, bumm“. Aber das funktioniert nicht, weil man sich nur auf eines konzentrieren kann - entweder die Musik oder das Geschehen. Deshalb mag ich diesen Film, weil er der erste ist, der meinen Stil hat. Auch Ultimo mondo cannibale (Mondo Cannibale 2 – Der Vogelmensch / Le dernier monde cannibale, 1977) mag ich sehr, weil es der stärkste Film ist, den ich gemacht habe – und der schwierigste. Ich war sehr perfektionistisch bei diesem Film, wir haben im Dschungel gedreht, mit einem großen italienischen Theaterschauspieler, der dazu beigetragen hat, dass dieser Film so gut geworden ist. Und als nächsten würde ich dann auch schon sofort „Cannibal Holocaust“ nennen. Ich mag diesen Film, weil das Fantastische an ihm die Neuartigkeit der Story ist. Es ist genau das, was ich machen wollte: eine Mischung aus dem Realismus der Dokumentarfilme im Stile von Jacopetti – „Mondo Cane“ - mit Schauspielern und einer Story. Das Publikum liebt diesen Film sehr, deshalb würde ich ihn besonders hervorheben: Es ist mein Film. Dann würde ich einen zeitlichen Sprung machen zu „The Barbarians“ (Die Barbaren, 1987), weil es der Film ist, bei dessen Entstehung ich am meisten Spaß hatte. Außerdem war es derjenige mit dem größten Budget meiner Karriere, mit den Amerikanern zusammen produziert. Es gibt da noch einen weiteren Film, allerdings mit einem viel zu kleinen Budget, sonst hätte er noch besser werden können, nämlich „S.O.S. Concorde“ (Concorde affaire 79 / Das Concorde Inferno, 1979). Damit habe ich sogar „Airport ‘80 The Concorde“ (Airport ’80 - Die Concorde, Regie: David Lowell Rich, 1979) geschlagen, der aus dem Kinoprogramm genommen wurde, weil mein Film besser lief als seiner mit dem großen Alain Delon! Daneben könnte ich noch ein paar kleinere Filme nennen, wie „Last feelings“ (1978), der gut funktioniert, denn die Leute weinen, wenn sie ihn im Fernsehen sehen. Oder auch andere, wie „Dial: help“ (Minaccia d'amore, 1988), den ich auch mit viel Vergnügen gemacht habe. Diese Story mit einem mörderischen Telefon hatte es mir sehr angetan, und die Darstellerin war auch sehr sympathisch und kooperativ. Ansonsten sind da noch viele Fernsehfilme, die ich gemacht habe, insbesondere eine davon mit großem Erfolg, „I ragazzi del muretto“ (1991), eine sehr amüsante Geschichte, in der es um ein paar kleine Jungs geht. Der letzte Film, den ich gedreht habe und den ich ganz gelungen finde, ist „Padre Speranza“ (Mit Gottes Segen, 2005), mit Bud Spencer. Der ist wirklich nicht schlecht. Ein kleiner Film. Und jetzt würde ich gern noch einen weiteren richtig guten Film machen, einen genauso starken wie „Cannibal Holocaust“!

Welchen Ihren Filme würden Sie gerne in der Reihe der Trash-Filme bei ARTE präsentieren?
Cannibal Holocaust“ steht auf dem Index und darf im Fernsehen nicht gezeigt werden. Deshalb vielleicht „The Barbarians“ oder „Live like a cop, die like a man“.

Ein großes Dankeschön an Ruggero Deodato – der bereit war, dieses Gespräch auf Französisch zu führen – und an die Organisatoren des Europäischen Festivals des Fantastischen Films in Straßburg.
Das Gespräch führte Jenny Ulrich am 18. September 2009.

"Cannibal holocaust"



"Live like a cop, die like a man"



Mondo Cannibale 2



"The Barbarians"



"S.O.S. Concorde"



"Dial: help"



"Mondo Cane"



Erstellt: 22-10-08
Letzte Änderung: 18-09-09