Auf der Transmediale springen beim Thema “Deep North” als Motive zunächst auf Eisschollen treibende Menschen und Polarbären sowie ambivalente Schneelandschaften ins Auge. Menschliche Einflüsse auf die Umwelt werden oft auch als Markierungen in Bilder eingeschrieben – seien es die je nach Lesart giftgrüne oder ökoverträgliche Laser-Colorierung von Kraftwerksausstössen im Nuage Vert-Projekt des Pariser Kollektifs Hehe, oder die rot ausgewiesene Landnahme in Arktis oder Alpen in Marco Evaristtis Trilogy. Doch zentrale Topi wie das Schmelzen der Gletscher bergen das Problem, dass sie sich nur schwer ab-bilden lassen, ohne der Visualisierung von Messdaten oder der Aufbereitung von Kartographien zu verfallen. Bei der Übersetzung des Schmelzprozesses in Medien-Kunst erweist sich die Tonspur als Darstellungsvektor von Zeitlichkeit als Rezept. So kann man beispielsweise unter +49 89 3791 4048 (dank dem Sponsoring eines namhaften Kommunikationsunternehmens) dem Vernagt-Gletscher direkt zuhören.
Wie können nun jene Umweltveränderungen, für die Kulturschaffende das Bewusstsein schärfen wollen, nicht nur dargestellt sondern körperlich erlebbar gemacht werden? Die Arbeit I-landscape / AMUNDSEN des Berliner Künstlers und Komponisten Jan-Peter Sonntag soll den Betrachter-Hörer-Erleber auf mehrere Arten bewegen. Die Installationen gehört zu Sonntags ‘almost cinema works’. Auf der einen Seite regnet es virtuell in einer Photographie, die der Künstler zufällig direkt neben dem Haus des Polarforschers Roald Amundsen (1872- 1928) in Norwegen aufnahm. Daneben schmilzt in der Ausstellung ein Eisquader vor sich hin, in den Sensoren eingelassen sind. Die Eisschmelze und den Fjordregen überlagert kann man über Kopfhörer auf einem Podest hören, welcher zusätzlich durch tiefe Sub-Sequenzen zum Vibrieren gebracht wird. Jan-Peter Sonntag macht so parallele Prozesse in ihrer subjektiv erlebten Dauer zugänglich und stellt die Frage, auf wie vielen verschiedenen Wahrnehmungsebenen wir erreicht werden müssen, bevor wir uns entscheiden, auf die vom Menschen mitverantworteten Klimaveränderungen zu reagieren.
Links
>> "I-landscape / AMUNDSEN" in der transmediale-Ausstellung>> Jan-Peter Sonntag auf Wikipedia
Inteview mit Jan-Peter Sonntag
1 - Welche Elemente spielen in dieser immersiven Installation eine Rolle?
2 - Man hört dem Gletscher gewissermassen beim Schmelzen zu – doch der Höreindruck ist sehr komplex…
3 - Bei “Deep North” fällt auf, dass sich Klimaveränderungen nur schwer über den Sehsinn allein vermitteln lassen, und dass viele Künstler diese Prozesse über die Tonebene darstellen – warum?
4 - Wie wird – neben der Materialität des Eisblocks in der Galerie – das Gefühl von Zeitlichkeit erzeugt?
5 - Der transmediale geht es mit “Deep North” um die Frage, wie man sich angesichts der schmelzenden Pole und ihren mannigfaltigen Auswirkungen positionieren kann. Wo positioniert die Installation ihren “Betrachter”?






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