Anne-Marie Duguet: Das „schlechte Gewissen“ drückt bereits Distanz aus. Die Ausstellung widmet sich vor allem dem kritischen Potenzial von Spott und Humor. Manche Künstler reagieren mit diesen Mitteln auf die heutige Technikgläubigkeit. Sie wollen die Grenzen der Technik und Alternativen dazu zeigen. Doch die vorgestellten Kritikansätze gehen über die Frage der Technik hinaus: Sie sprechen soziale und politische Probleme an oder nehmen bestimmte vorherrschende Verhaltensweisen und Schablonen aufs Korn.JH: Vor allem der schwarze Humor zieht sich als roter Faden durch die Kunstgeschichte. Man denke an die Dadaisten, die Situationisten oder auch André Bretons „Anthologie des schwarzen Humors“. Wie hat sich der schwarze Humor in Verbindung mit Video, Robotik und Internet weiterentwickelt?
AMD: Ich weiß nicht, ob man von Weiterentwicklung sprechen sollte. Die Tabus, die der schwarze Humor durchbricht - Sex, Tod, Religion, Kindheit usw. - sind nach wie vor dieselben. Die Verspottung des Tragischen als Schutz gegen die Verzweiflung ist eine Überlebensstrategie. Daran hat sich meiner Meinung nach kaum etwas geändert. Aber die allgemeine Distanziertheit gegenüber Medienrummel und gesellschaftlichem Spektakel nimmt heute viel häufiger ironische Formen an. Der Beitrag des Videos besteht meines Erachtens vor allem in der phantastischen Widerrufbarkeit, in der Augenblicklichkeit, im Tempo, und daraus schöpft der Humor. Er ist auch ein Mittel, die Medien zu zitieren und zu parodieren. Die Parodie ist eine eindrückliche Form dieser Kritik geworden.Die Entwicklung der Robotik hingegen begünstigt zwar auch den Humor, aber nicht unbedingt den schwarzen. Die Erfindung von Robotern, die im Vergleich zu den in Handel, Industrie und Dienstleistungssektor üblichen Geräten völlig zweckentfremdet eingesetzt werden, ist ein gutes Mittel, Technologien zu begreifen und zu verfremden. Dieses Experimentieren entspringt dem Wunsch, mit der vorherrschenden Leistungsideologie zu spielen und sie ad absurdum zu führen.
JH: Einige nunmehr historische Exponate wie „ The Thinker“ von de Nam June Paik erinnern daran, dass die Künstler, die Technik und Medien einsetzen, vor allem die hinter dem verführerischen Fortschritt wirkenden Machtinteressen bloßstellen und anprangern. Ist Humor ein Markenzeichen „engagierter Kunst“?
AMD: Er ist insofern eine Grundlage für Kritik, als er Distanz schafft. Aber ich würde ihn nicht systematisch als ein Zeichen für engagierte Kunst werten. Eine solche Haltung müsste nämlich eine soziale und politische Dimension haben, die Zielscheibe explizit benennen und den Willen widerspiegeln, verdeckte Machtbeziehungen aufzuzeigen und auf den Lauf der Dinge einzuwirken. Dennoch: Humor ist stets Ausdruck von Gedankenfreiheit und Widerstand gegen die herrschende Meinung. Die gesellschaftliche Akzeptanz von Humor hat immer auch ihre Grenzen. Spottvögel bleiben nicht ewig ungestraft.
JH: Laut Dominique Noguez, der zum Thema Humor auf der Transmediale referiert, „steuern echte Humoristen geradewegs auf den Tod zu“. Für ihn ist Selbstmord letztlich Humor in seiner letzten Konsequenz. Manche Exponate, vor allem von Künstlerinnen, sind ja nicht unbedingt lustig.
AMD: Humor ist auch nicht lustig. Er reizt eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Er ist Vektor aller grundlegenden Fragen, wie es Hugo Ball formulierte. Oft wählen Frauen ernstere, um nicht zu sagen dramatischere Töne als Männer. Das ist durch die Unterdrückung der Frauen bedingt und ein weltweites Phänomen. Aber sie haben genauso viel Witz wie die Männer, und die ausgestellten Werke zeugen von ihrer ausgeprägten Fähigkeit, Abstand zu nehmen und mit den gravierendsten Dingen ihren Spott zu treiben. Bei den Spitzentechnologien sind sie derzeit noch nicht so stark präsent, aber ihr Humor ist darum nicht weniger radikal und gnadenlos.JH: Fordert die westliche Kunst heute nicht vom Künstler geradezu eine kritische Haltung ein, so wie früher der Anspruch von „Schönheit“ galt?
AMD: Eine interessante Frage. Wenn das stimmen würde, wäre das gar nicht so schlecht. Aber bei den meisten Werken kann ich diesen Anspruch nicht unbedingt erkennen. Die Rezeption des Werkes und der ästhetischen Erfahrung, die es bewirkt, hat sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts grundlegend gewandelt, und die „Schönheit“ hat anderen Erwartungen Platz gemacht. Heute spielen Begriffe wie „spielerisch“, „bizarr“, „überraschend“, „provokativ“ oder „kollektiv“ eine wichtige Rolle, und damit verbunden ist oft auch ein kritischer Sinn. Ich möchte persönlich diejenigen würdigen, die diese kritische Haltung in der Kunst und anderswo behaupten. Gerade im Humor lassen sich subtile Kritikformen entwickeln. Sobald daraus aber eine Mode, eine Pflichtübung oder gar ein „Trend“ der zeitgenössischen Kunst und – im Sinne Ihrer ersten Frage nach dem schlechten Gewissen – eine Art Beflissenheit wird, hebt sich dieser Ansatz als kritische Position auf.
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Kultur Digital
Festival
Jens Hauser
Übersetzung vom Französischen : ARTE
transmediale.06
Februar 2006
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