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ARTE Journal - 04/05/12

"Hollande zeigte Härte und bot Sarkozy Paroli"


Die Fernsehdebatte in Frankreich zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten Hollande und Sarkozy haben gestern abend 18 Millionen Menschen gesehen. Fast drei Stunden lang saßen sich die beiden Gegner gegenüber und diskutierten über zentrale Themen des Wahlkampfes. Für den amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy galt das Duel als letzte Chance. Doch er konnte sie wohl nicht nutzen- in Umfragen liegt er weiter abgeschlagen hinter dem sozialistischen Herausforderer François Hollande. Dr. Hans Stark, Generalsekretär des Studienkomitees für deutsch-französische Beziehungen (Cerfa), Ifri, über die Bedeutung des TV-Duels, die französische Wahlmonarchie und dunkle Krawatten.



Julika Herzog, ARTE Journal: Wer konnte bei der Debatte mehr überzeugen? Wer ist sozusagen der Sieger des Duels?

Hans Stark: Es gibt keinen erklärten Sieger, es ist ein unentschieden, ein "match null" wie man in Frankreich sagt. Es war auch sehr schwierig für Hollande die Oberhand zu gewinnen über den Polit-Profi Sarkozy, der natürlich mit seiner langen Erfahrung als Minister und Staatspräsident punkten kann. Allerdings ist seine Bilanz negativ und das war natürlich der wesentliche Trumpf von Hollande. Dadurch hat sich das ausgeglichen. Hollande musste die Debatte außerdem gar nicht gewinnen, er musste nur als ebenbürtig wahrgenommen werden und dies ist ihm gelungen. Er kann sich fast zurücklehnen, denn die Umfragen sehen ihn mit 52-53 Prozent als Sieger, er wird auf jeden Fall die Mehrheit bekommen.
Für Sarkozy ist demnach die gestrige Debatte nicht optimal gelaufen. Für ihn war es wichtig, dass er den Nachteil gegenüber Hollande aufholt doch dies ist ihm nicht gelungen. So eine Debatte kann den Wahlausgang nur marginal beinflussen, je enger die Umfragen sind desto wichtiger wäre die politische Konsequenz solch einer Debatte. Doch dadurch das Hollande über einen guten Vorsprung verfügt wird und die Debatte gestern ausgeglichen verlaufen ist, wird sie nur eine marginale Bedeutung haben für die Wahl am Sonntag.


ARTE Journal: Wie schätzen Sie Stil und Körpersprache der Kandidaten ein, abgesehen von den Inhalten?

Hans Stark: Die Körpersprache war bei Sarkozy sehr typisch, er wirkte ein bisschen nervös, fast wie ein Kind manchmal quengelig und bewegte sich sehr viel. Das zeugt vielleicht auch von einer gewissen Unsicherheit. Hollande dagegen hat in sich geruht, er wirkte schon fast präsidial. Aber gleichzeitig auch sehr wach, denn er ist Sarkozy regelmässig in die Parade gefahren, immer wenn dessen Rethorik über den politisch-korrekten Rahmen hinausgegangen ist. Das ist ein paar Mal passiert und da konnte Hollande immer schnell Kontra geben und sich somit von dem Image des weichen Politikers entfernen und sich als harter Kandidat geben.
Die Kleidung war sehr offiziell, schwarze Anzüge mit dunklen Krawatten: Das gehört sich so in Frankreich was den Elysee betrifft. Wir haben in Frankreich eigentlich eine Wahlmonarchie, das hängt auch mit der glorreichen Vergangenheit der französischen Könige zusammen. Man muss sich präsidial-würdevoll geben, vor allem wenn es um eine Stichwahl geht.
Vielleicht ist das Ernsthafte gestern abend bei der Debatte auch ein Gleichnis für die wirtschaftlich angespannte Situation in der sich Frankreich befindet. Der französischen Wirtschaft geht es schlecht und beide wollten zeigen, dass sie sich des Ernstes der Lage bewusst sind. Da ist einfach kein Platz für eine Spaßpolitik à la Westerwelle.

ARTE Journal: Was war an der Debatte typisch französisch? Ist die Debattenkultur in Deutschland anders?

Hans Stark: Typisch französisch war, das der Wahlkampf jetzt auf zwei Personen zugespitzt ist. Es geht in ein wahres Rennen, ein Kopf-an-Kopf Rennen. Die französische Politik ist politisch sehr gespalten, die politische Mitte existiert eigentlich nicht, oder nur marginal. Das ist eine ganz andere Situation als in Deutschland, wo es um Koalitionen geht, um Koaltitionsbildung, um Mehr-Parteien-Regierungen, also im Grunde genommen um mehr Teamwork. Das ist für mich der Hauptunterschied zu Deutschland. Die Debatte war teilweise sehr agressiv, das könnte man sich aber auch in Deutschland vorstellen. Dies lag vor allem einerseits am Naturell von Nicolas Sarkozy und andererseits daran, dass François Hollande, dem man das Image des Weicheis verpassen wollte, immer darauf aus war Härte zu zeigen und Sarkozy Paroli zu bieten. Nicht nur in der Debatte, in der Rethorik, sondern auch in der Art und Weise der Selbstdarstellung. Zwischen zwei anderen Politikern hätte diese Debatte möglicherweise auch anders werden können und sie hat sich zumindest in der Vergangeheit anders dargestellt. Zwischen Chirac und Mitterand zum Beispiel war diese Sache noch viel weicher im Ansatz. Eine Debatte wie gestern abend ist eher die Ausnahme und das hängt auf jeden Fall mit der Persönlichkeit von Nicolas Sarkozy zusammen.

ARTE Journal: Das Modell Deutschland wurde ja schon oft im französischen Wahlkampf zitiert, vor allem von Präsident Sarkozy. Auch gestern ging es wieder um das Beispiel Deutschland. Wer ist der bessere Kandidat aus deutscher Sicht?

Hans Stark: In der gestrigen Debatte war Deutschland wieder sehr präsent: Beide Kandidaten haben sich auf Deutschland berufen. Wobei Hollande nicht so weit gegangen ist, dass er sich von dem deutschen Modell inspirieren lassen will. Genau das hat ihm Sarkozy auch vorgeworfen. Sarkozy hat Deutschland ja wiederholt als Musterschüler zitiert und sich auf die deutschen Reformen berufen. Nur hatte er dies zu weit getrieben und in letzter Zeit damit aufgehört, da die Franzosen diesem ständigen Deutschlandbezuges überdrüssig waren.
Gestern kam dieser Vergleich wieder ins Gespräch, denn beide kamen zu dem Schluss, das im Moment Deutschland das einzige europäische Land ist, das einigermassen ein Wirtschaftswachstum vorzuweisen hat - und irgendwie muss das dem neuen Präsidenten auch in Frankreich gelingen.
Es ging auch um den Fiskalpakt: hier hat sich Hollande mit seinen Vorschlägen schon ziemlich stark positioniert, mit Forderungen die in dieser Form von Berlin abgewiesen werden. Das wirft Sarkozy Hollande auch vor: seine Politik isoliere Frankreich in Europa und sei nicht mit dem deutsch-französischem Tandem vereinbar.
Sarkozy wirkt zumindest wie der "deutsche Kandidat". Aber Hollande hat gestern natürlich auch zu Recht gesagt, dass sich die Verschuldung Frankreichs in den letzten zehn Jahren - in denen durchgehend die UMP an der Macht war - verdoppelt hat. Auf den einen Seite gibt sich Sarko als enger Partner der Deutschen im Kampf gegen die Verschuldung, doch auf der anderen Seite muss er selber Verantwortung dafür tragen. So sehr sich Sarkozy also als Partner der Deutschen inszeniert, so negativ ist seine Wirtschaftspolitik.

Das Interview führte Julika Herzog

Erstellt: 03-05-12
Letzte Änderung: 04-05-12