Schriftgröße: + -
Home > Kultur > Jahrhundertaufnahmen Jazz > Jahrhundertwerke > Jahrhundertaufnahmen der Klassik > Lachenmann, Helmut

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

08/10/13

Helmut Lachenmann: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern"

Weitere Artikel zum Thema

Was ist das nur für ein todtrauriges Märchen, das Hans Christian Andersen da geschrieben hat: Ein kleines Mädchen steht am festlichen Silvesterabend barfuss an einer Hauswand im Schnee und erfriert. Von zu Hause weggeschickt und von der ganzen Welt verlassen, will es ein Bündel Schwefelhölzer verkaufen, aber keiner kommt vorbei. Schließlich zündet das Mädchen die Hölzchen selbst gegen die Kälte an, sieht in der aufflackernden Flamme die unerreichbare, warme Bürgerstube als Erscheinung vor sich und schließlich die tote, gute Großmutter, die das Kinde mit in den Himmel nimmt...

Der deutsche, 1935 geborene Komponist Helmut Lachenmann hat das Andersen-Märchen vom „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ zu einer Oper verarbeitet, die er selbst „Musik mit Bildern“ nennt. Im Januar 1997 wurde das Stück in Hamburg uraufgeführt und gilt seither als die wegweisende Musiktheaterschöpfung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlechthin. Es ist ein Referenzwerk für all diejenigen, die den Glauben an das Fortschreiten der musikalischen Moderne noch nicht verloren haben.

Natürlich wird das Märchen in Lachenmanns Stück nicht „erzählt“. Es gibt kein Libretto im engeren Sinne, keine Arien singende Figuren und keine Handlung. Im Orchester, im Chor und bei den Sängersolisten wird kaum je ein Ton auf konventionelle Weise erzeugt. Dafür ist Helmut Lachenmanns Komponieren berühmt: Das Repertoire seiner eigenwilligen Spiel- und Gesangstechniken umfasst Geräuschklänge, die etwa die Streicher – quietschend, knirschend, knarrend – mit dem Bogen hinter dem Steg, auf dem Griffbrett oder auf dem Holz produzieren. Er verwendet Wisch- und Klopfgeräusche in seinen Partituren, Anblas- Atem- und Stimmgeräusche, auch Körperaktionen. Und im „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ verschränken sich diese Techniken zu einer atemberaubenden Werk. Betörend ist die Klangaura, die sich da auftut – ein Ton, der die Sinne geradezu wund schmirgelt. Stark ist auch das Raumerlebnis durch die um das Publikum herum platzierten Sänger und Instrumentalisten.

Was Lachenmann von Andersen vor allem übernimmt, ist der Temperatur, die Eiseskälte, die über der Geschichte liegt. Es ist für ihn jene, die er in der modernen Gesellschaft spürt. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ist auch ein politisches Stück. In einer „Frier-Arie“ scheint den Sopranen die Unterlippe bei den Tönen zu schlottern, die sie hervorbringen. Das große Bibbern spricht aus Tremoli, aus zitternd denaturierten Instrumentalklängen und Atemgeräuschen. Die ganze Musik scheint steif gefroren, ist zu flüssig wechselnden Tonhöhen kaum mehr fähig. Es gibt eine „Schnalz-Arie“, die wie ein auskomponierter psychotischer Tic klingt – Gaumenknacken als zwanghafte Reaktion auf die Unerträglichkeit des Daseins. In einer anderen Passage hört man nur aneinander geriebene Styroporteile in unterschiedlichen Lautstärkegraden und Geschwindigkeiten.

Das Aufbegehren gegen die Erstarrung der Verhältnisse ist dem Stück einkomponiert im Moment des Zündelns, im „Ritsch“, mit dem Streichhölzer zu brennen beginnen. Lachenmann zitiert da ein Gedicht der politischen Zündlerin und RAF-Terroristin Gudrun Ensslin („Entweder du vernichtest dich selbst oder du vernichtest andere“, „Schreibt auf unsere Haut“). Der Schluss bleibt offen: Im Augenblick der Himmelfahrt des Mädchens wallt der Klangapparat mächtig auf, aber ohne jedes Erlösungspathos. Die lang gehaltenen Klänge der oft in Begräbniszeremonien verwendeten, japanischen Mundorgel Sho prägen die letzten Takte, kontrastiert von erstickten Klavierton, der wie ein Pochen (des Widerstands? Der Hoffnung?) über abebbenden Luftgeräuschen erklingt.

Zwanzig Jahre lang hat sich Helmut Lachenmann an diesem Opernprojekt abgearbeitet und am Ende mit seinen Mitteln der radikalen Struktur- und Materialbefragung eine überwältigendes Opus summum geschrieben – bedrohlich, bohrend und zugleich einnehmend sinnlich. Das Plattenlabel ECM hat eine konzertante Version des Stück veröffentlicht, die in ihrer Präsenz und ihrer Raumklangwirkung ein Hörabenteuer bietet für alle, die offen für die Kunst der Gegenwart sind.


Helmut Lachenmann: Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Tokyo-Fassung 2000
SWR-Sinnfonieorchester
Sylvain Cambreling
ECM New Series 1858/59

Erstellt: 02-05-05
Letzte Änderung: 08-10-13