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Václav Havel: Gedanken und Erinnerungen - 07/11/13

Fassen Sie sich bitte kurz

Rezension von Ariane Thomalla


Dramatiker und Präsident, Bürgerrechtler und Privatmann - dem ganzen Václav Havel begegnet man in diesem Buch, einer Collage verschiedener Zeiten und Ebenen. Sehr persönliche Tagebucheinträge von heute wechseln mit Einblicken in die Werkstatt eines Staatspräsidenten in den neunziger Jahren, durchmischt wiederum von Anworten auf neue Fragen von Karel Hviz'dala. Herauskommt, dass Havel vielleicht der sympathischste Politiker des 20. Jahrhunderts war.

Wehmütig stimmt an Václav Havels Bilanz, den Autor von seiner „allgemeinen Müdigkeit vom Leben“ sprechen zu hören. Auch wenn man ihn auf dem letzten Foto aufs gleichsam ewige weite Meer zuschreiten sieht– abgewandt wie bei einem Abschied für immer. Doch darf man bei diesem neuen Buch von und mit und über ihn nicht vergessen, dass bei dem inzwischen 70jährigen Ex-Präsidenten, Ex-Dissidenten und erfolgreichen Theatermann der siebziger Jahre, der fünf Jahre im Gefängnis saß, immer auch Regie noch mit im Spiel ist und hintergründig arrangierte Ironie. Das zeigt bereits die Form des Buchs, das angesichts seiner auch in der Übersetzung leider beibehaltenen Weitschweifigkeit den merkwürdigen Titel trägt: „Fassen Sie sich bitte kurz“.

Die Flucht vor dem Schreiben

Der Autor, der ein Selbstporträt beabsichtigt, hat sich dramaturgisch für drei ineinander montierte Ebenen entschieden. Die erste Ebene, die der Reflexion, setzt ab April 2005 in Amerika ein, wo er zwischen den Dinners mit den Bushs, Clintons oder Madeleine Albright zu schreiben beginnt und bereits mit den leitmotivisch wiederkehrenden „Schreiblähmungen“ zu kämpfen hat. Das wird nach der Rückkehr ins literarisch wohlbekannte Landhaus Hradecek bei Prag kaum besser. „In Wirklichkeit fliehe ich vor dem Schreiben“. Diese unendliche Müdigkeit habe schuld daran, aber auch seine von Hause aus übergroße „Schamhaftigkeit“. Was habe er immer Autoren wie Henry Miller oder Anais Nin bewundert und sich „heimlich“ danach „gesehnt“, wie sie „völlig aufrichtig und rauh“ Tagebuch schreiben können, anstatt sich hinter seinen Dramenfiguren verstecken zu müssen.

Anweisungen an die Staatskanzlei

Die zweite Ebene ist die der „Instruktionen“, die der tschechoslowakische, dann tschechische, insgesamt dreizehn Jahre amtierende Staatspräsident täglich per Computer an seine Präsidialkanzlei ausgab. Wiedergefundenes Material zum Spielen. Ob nun Herr R. Havels Feuerzeug bitte reparieren, auffüllen und wieder zurückgeben oder die Fledermaus aus einer Besenkammer der kafkaesk weitläufigen Prager Burg entfernen könne oder Tischarrangements bei Staatsbesuchen zu korrigieren seien, wobei der Hausherr aus gutem Hause selbst schon mal das Besteck ästhetisch richtete. Ein Hauptthema sind die „großen“ Reden, sein ihm gebliebenes literarisches und politisches Wirkungsfeld. „Ich bitte alle üblichen Anmerker um Anmerkungen“, heißt es. „Ich muß das am Dienstag um 15 Uhr haben“.

Tiefe Depressionen

Und überraschend wird die Staatskanzlei damit konfrontiert, dass der Staatspräsident „an diesem Wochenende eine der tiefsten Depressionen seit langer Zeit“ gehabt habe. „Wenn ich jemandem die Stimmung verdorben habe, entschuldige ich mich. Auf der anderen Seite sage ich mir, dass es überhaupt nicht schadet, wenn meine Mitarbeiter hin und wieder Einblick in die verdunkelte Seele ihres Chefs haben.“ „In der Depression befindlich“, habe er „selbstverständlich nichts schreiben“ können. „Erst heute Nachmittag brachte ich mich mit unendlicher Willenskraft dazu, die Rede für Polen“ zu verfassen. Das war so gemeint, wie es dasteht. Heute freilich zitiert das Havel listig in einem Gestus der Selbstdistanzierung.

Ein wirkliches Interview?

Wie er überhaupt permanent an der eigenen Aura kratzt, gerade auf der dritten Ebene des schriftlichen Interviews mit dem aus der Vergangenheit wieder aufgetauchten Journalisten Karel Hvizd'ala, der Havel l987 in dem Buch „Fernverhör“ befragt hatte. Ein wirkliches schriftliches Interview? Schon damals gab es Zweifel, ob sich nicht Havel zu seinen Antworten einige der Fragen selbst ausgedacht hatte. Heute kann man dessen fast sicher sein angesichts so unverschämt formulierter Unterstellungen wie, ob ihm, dem Helden der Revolution, seinerzeit „die wachsende Bewunderung das Gehirn verdunkelt habe“, auch wenn der Rowohlt Verlag lasch dementiert, es sei tatsächlich einem Herrn Hvizd'ala Honorar nach Prag angewiesen worden. Wenn sich Havel als „unsicheren Menschen, fast neurotisch, leicht in Panik, furchtsam“ und als einen feigen Menschen bezichtigt, dessen „Unlust zur Konfrontation fast krankhaft“ sei – das hätten auch seine beide Frauen von ihm gemeint, Olga und Dasha, - , seufzt der Interviewer: Es ginge ihm nicht „in den Kopf, wie ein Mensch mit soviel Selbstzweifeln, so geringem Selbstvertrauen und ewiger kritischer Selbstreflexion so viele Dinge im Leben erreichen und allgemein als ein sehr ausgeprägter, tatkräftiger, aktiver und erfolgreicher Einzelner angesehen werden konnte“. Man sieht den Autor dahinter schalkhaft grinsen.

Widerliche Diffamierungskampagnen

Das Interview erlaubt auch, mit einiger Unschuld Schläge auszuteilen, etwa gegen die tschechische Regierung eines Václav Klaus „die mich nicht mag“, gegen die „Säuerlinge“ in der tschechischen Presse und deren widerliche Diffamierungskampagnen. Überhaupt gegen die „kleintschechische Mentalität“ eines Volks, das keine Oberschicht und daher keine Eliten gehabt habe. Das kommunistische Regime, das „ständig von der Arbeiterklasse schwatzte, die herrsche“, habe in Wirklichkeit „in den Bürgern das niedrigste Kleinbürgertum“ noch weiter „kultiviert.“ „So war das in der Zeit nach München, während des Protektorats, in den fünfziger Jahren und l968 nach der sowjetischen Okkupation.“

Die Kommunistische Partei, ihr Denken und Handeln habe im Bewußtsein der Tschechen „eine tiefe Spur“ hinterlassen. Aber auch die ehemaligen Dissidenten seien deformiert. Alle derart Gezeichneten, schreibt Havel, gehörten in den „wohlverdienten Ruhestand“, auch „die Klaus', Zeemans, Havels“.

Wäre er nicht Präsident geworden, resümiert er zuletzt nicht ohne Bitterkeit, wieviel mehr Bücher hätte er dann lesen können und Dramen schreiben und das Leben besser genießen. Aber: „Ich verdächtige mich, dass mir irgendwo ganz tief innen dieses ganz paradoxe Leben eigentlich schrecklich viel Spaß macht.“

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Unser nächster Buchtipp am 31.5.2007

Am Donnerstag in einer Woche stellt Regina Keil-Sagawe Ilma Rakusas und Mohammed Bennis Buch: „Die Minze erblüht in der Minze" vor:

Hinter die Grenzen der Sprache führt dieser Band, der Einblick in die moderne arabische Lyrik gewährt, von Adonis bis Saadi Yousef – und in den aktuellen, sehr lebendigen arabisch-deutschen Kulturdialog, der sich in den letzten Jahren zwischen deutschen und arabischen Schriftstellern und Lyrikern entsponnen hat, zwischen Sanaa, Darmstadt und Rabat. „Jeder Morgen dürfte zum Schreiben, nämlich zum Schreiben von Gedichten geeignet sein“, beginnt Mohammed Bennis, Marokkos bedeutendster Lyriker, seinen einleitenden Essay. Und wir fügen hinzu: zum Lesen dieses schmalen Bandes, eines wahren Kleinodes, auch.

Erstellt: 22-05-07
Letzte Änderung: 07-11-13