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Kino auf ARTE - 10/02/12

Happy-Go-Lucky

(Be Happy)
Spielfilm, Großbritannien 2008, ARTE F / ARD
Regie: Mike Leigh; Buch: Mike Leigh; Kamera: Dick Pope; Schnitt: Jim Clark; Musik: Gary Yershon; Produzent: Gail Egan, James Clayton, David Garrett, Duncan Reid, Tessa Ross; Produktion: Film4, Ingenious Film Partners, Summit Entertainment, Thin Man Films, UK Film Council
Mit: Sally Hawkins - (Poppy), Alexis Zegerman - (Zoe), Sinead Matthews, Eddie Marsan - (Scott), Andrea Riseborough - (Dawn), Kate O'Flynn - (Suzy), Samuel Roukin - (Tim), Caroline Martin - (Helen), Oliver Maltman - (Jamie), Karina Fernandez - (Rosita)

Die 30-jährige Poppy ist das, was man eine wahre Frohnatur nennt: gut gelaunt, offenherzig und ihren Mitmenschen gegenüber unvoreingenommen. Kurzum: Man muss sie einfach gern haben. Als ihr Fahrrad eines Tages gestohlen wird, beschließt sie, den Führerschein zu machen. Als Fahrlehrer erwischt sie ausgerechnet den verbitterten Scott. Sein mangelnder Sinn für Humor und Poppys unbeschwerte Art ergeben eine explosive Mischung, bei der die Komik manches Mal in bitteren Ernst umschlägt. Regisseur Mike Leigh ist Präsident der Berlinale-Jury 2012. ARTE zeigt ihm zu Ehren "Happy-Go-Lucky".



Poppys Welt ist bunt. Sie ist stets bester Laune, zu allen Menschen freundlich und bewegt sich tänzelnd, singend und fröhlich winkend durch ihr Leben. Die 30-Jährige liebt Trampolinspringen, Fahrradfahren, Kinderbücher lesen und Tanzabende mit ihren Freundinnen. Den vermeintlichen Ernst des Lebens nimmt Grundschullehrerin Poppy einfach mit Humor.
Doch ihre unbeschwerte Art löst in ihrer oft missgelaunten Umwelt Befremden und Erstaunen aus. Manche halten sie sogar für verrückt. Ihre Schwester Helen glaubt gar, Poppy befände sich in einer Lebenskrise und möchte nicht erwachsen werden. Eines Tages wird Poppys geliebtes Fahrrad geklaut, und sie beschließt die Gelegenheit wahrzunehmen, um ihren Führerschein zu machen. Ausgerechnet der verbitterte Fahrschullehrer Scott soll ihr das Fahren beibringen. Die allwöchentlichen Autostunden werden für beide zum Kraftakt. Sein mangelnder Sinn für Humor und Poppys unbeschwerte Art ergeben eine explosive Mischung, die sich gewaltsam entlädt, als sich Poppy mit Sozialarbeiter Tim verabredet und Scott die Zwei zusammen sieht.

Mit "Happy-Go-Lucky" hat Regisseur Mike Leigh ("Vera Drake", "Lügen und Geheimnisse") einen Film geschaffen, der vor einem realistischen Hintergrund eine Leichtigkeit entfaltet, die ihresgleichen sucht. Und doch bleibt Leigh seine Filmsprache treu, nur fehlt diesmal jede Schwere und Depression. Stattdessen: Farbe, Bewegung und pointierte Dialoge.
Als ausgebildeter Schauspieler, Designer und Regisseur nimmt Mike Leigh seit Mitte der 60er Jahre maßgeblichen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung des britischen Kinos. Er inszenierte Theaterstücke und TV-Filme, aber seine Vorliebe gilt der großen Leinwand.
Leighs Filme spielen nicht in den Kreisen der Reichen und Schönen, sondern fast ausschließlich im Milieu der Unterschicht oder unteren Mittelschicht. Sie schildern den Alltag der sogenannten "kleinen Leute". "Meine Filme", so formuliert es der Regisseur selbst, "sollen wie Dokumentarfilme sein." Leighs Zugriff auf die Wirklichkeit besticht dabei durch Detailfreude. Er setzt Kategorien von Gut und Böse außer Kraft, weckt Zuneigung und Zärtlichkeit für seine hilflosen Helden und kommt dabei ohne den erhobenen moralischen Zeigefinger aus. "Ich treffe in meinen Filmen keine moralischen Urteile", stellt der Regisseur klar, "ich ziehe keine Schlüsse. Ich stelle Fragen, ich beunruhige den Zuschauer, ich mache ihm ein schlechtes Gewissen, lege Bomben, aber ich liefere keine Antworten. Ich weigere mich, Antworten zu geben, denn ich kenne die Antworten nicht."
Mit "Happy-Go-Lucky", was zu Deutsch etwa "sorglos", "unbeschwert" oder "leichtlebig" bedeutet, betritt Mike Leigh in gewisser Weise künstlerisches Neuland, sofern der Regisseur, neben Ken Loach wohl der bekannteste Vertreter des sozial engagierten britischen Kinos, sich erstmals ganz eindeutig in die Richtung der Komödie vorwagt - und dies auf eine so gekonnte Art und Weise, dass man glauben könnte, er hätte nie etwas anderes getan. Auf der 58. Berlinale 2008 war "Happy-Go-Lucky" der heiterste und bunteste Wettbewerbsbeitrag des von überwiegend schwergewichtigen Werken geprägten Festivals und wurde sowohl vom Publikum als auch von der Kritik mit Lachsalven und Szenenapplaus gefeiert. Darstellerin Sally Hawkins, die eine furiose Leistung ablieferte und dafür am Ende des Festivals völlig zu Recht mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde, bedankte sich im brausenden Schlussapplaus für die mehr als freundlichen Publikumsreaktionen: "Das ist überwältigend", rief sie von der Bühne, "danke, dass Sie gelacht haben."
Der Film gleicht einem Musical - nur ohne Gesang. Er beschwingt vor allem dank seiner Hauptdarstellerin Sally Hawkins. Als Grundschullehrerin Pauline, kurz Poppy genannt, bringt sie mit ihrer gnadenlos guten Laune auch die verstockten Verhältnisse zum Tanzen. Sie ist von so ansteckendem Optimismus und Glauben an das Gute im Menschen geprägt, dass jede Begegnung in ihrem Alltag, durch den wir sie begleiten, zum Fest wird. Schauspieler Eddie Marsan stellt im Film ihr misanthropisches Gegenstück Scott dar. Schließlich erliegt aber auch er Poppys unwiderstehlichem Charme. Schreiend-komisch ist auch Karina Fernandez als Flamenco-Lehrerin Rosita, die der ungelenken Britin den Takt beibringt. So stürmisch und laut der Film beginnt, so kehrt doch am Ende Ruhe ein, denn Poppy ist eins mit sich: Sie hat die Liebe gefunden.
Der positive Grundtenor des Films spiegelt sich auch in seiner stilistischen Machart wider: Denn "Happy-Go-Lucky" ist leicht und locker arrangiert, bedient sich einer eher episodischen Erzählweise und erstrahlt in einer quirlig-bunten Bilderflut. Dennoch handelt es sich bei "Happy-Go-Lucky" aber zu keiner Zeit um einen seichten Wohlfühlfilm, wofür nicht zuletzt die pointiert bissigen Dialoge sorgen, in denen eine große Portion des galligen britischen Working-Class-Humors zum Ausdruck kommt. Ohnehin stellt uns der Film keine rosarote Traumwelt vor Augen. Denn es gibt in Poppys Welt auch prügelnde Stiefväter, einsame Rassisten und Obdachlose mit Sprachstörung. Mike Leigh gibt also in diesem Film seinen realistischen Ansatz keineswegs auf. Vielmehr hat man wie auch bei seinen ernsten Filmen als Zuschauer das Gefühl, dem Leben über die Schulter schauen zu können: Die Zeichnung der Figuren und ihrer Umgebung ble ibt absolut wirklichkeitsgetreu. Selbst Poppy wirkt, obwohl sie zeitweise den Eindruck erweckt, von einem anderen Stern zu stammen, absolut glaubwürdig. Genau aus dieser kunstvoll arrangierten Ambivalenz bezieht Leighs Film seine Brisanz und Komik.

Happy-Go-Lucky
Dienstag 14. Februar 2012 um 02.15 Uhr
Keine Wiederholungen
(Großbritannien, 2008, 113mn)
ARTE F / ARD

Erstellt: 10-02-12
Letzte Änderung: 10-02-12