Hans Weingartner (H.W.): Also, warum erst jetzt, das weiß ich nicht so genau. Das ist eine Entscheidung des Verleihs, da kann ich nicht viel dazu sagen. Aber ich denke, die wollten den Start eben richtig gut vorbereiten. In guter Erinnerung ist der Film, glaube ich, immer noch. Man kann einen Kunstfilm, also einen Arthaus-Film sowieso nicht im Sommer starten, weil da die Leute alle im Biergarten sitzen und eben nicht ins Kino gehen. Die Kopienzahl wird wahrscheinlich so bei 120 liegen, also relativ wenig.T.N.: Relativ wenig für den großen Vorerfolg des Films in der Branche und auf Festivals, aber für so einen engagierten, künstlerischen Film sind 120 Kopien doch auch wieder ziemlich viel.
H.W.: Ja vielleicht, das gehört eben zu der Verleihstrategie. Da schaut man mal, wie viele Leute gehen denn überhaupt in der ersten Woche ins Kino, um sich den Film anzuschauen . Und wenn es ein Renner wird, dann kann man die Kopienzahl auch sofort weiter aufstocken. Aber das ist für einen Verleiher in Deutschland immer noch ziemlich teuer und riskant. Die Dominanz des Hollywood-Kino lässt es hier einfach nicht zu, dass man einen deutschen Film mit 1000 Kopien startet.
T.N.: Ohne hier von der Geschichte des Films jetzt zu viel zu verraten: Die anarchischen Einbruchaktionen von Jan, Jule und Peter münden in die ungeplante Entführung eines Topmanagers. Aus Spaß wird plötzlich Ernst. Wurden eigentlich im Vorfeld verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie diese Amateuraktivisten aus der Sache dann wieder rauskommen? Oder war von Anfang an klar, wohin das führt?
H.W.: Ich habe das Drehbuch ja zusammen mit Katharina Held geschrieben. Und was wir immer machen, ist, dass wir zuerst die Figuren festlegen, also den Charakter der Figuren. Was das für Menschen sind, und was sie für Eigenschaften haben, bis ins kleinste Detail. Und dann erst schreibt man die Geschichte. Und oft ist es danach so, dass die Figuren quasi selbst den weiteren Weg bestimmen, durch ihren Charakter. Und genau so war es auch in diesem Fall. Die entführen also diesen Manager auf diese abgelegene Almhütte, und da haben wir uns überlegt, was machen diese drei jungen Leute jetzt. Es sind keine Verbrecher, es sind keine Terroristen. Wie verhält sich ein Mensch in einer solchen Situation, und da gab es eigentlich für uns gar keine andere Lösung als die, die jetzt im Film ist. Das haben wir gar nicht lange diskutieren müssen.T.N.: Mit Ihren Aktionen, in die Villen reicher Leute einzubrechen, dabei nur einiges durcheinander zu bringen und damit nur zu zeigen, dass jemand da war, damit wollen die drei offensichtlich, ganz im Sinne des Filmtitels, Unsicherheit unter den Saturierten und Wohlhabenden verbreiten. Manchmal hinterlassen sie ja auch einen Zettel, auf dem steht „Sie sind zu reich“, oder eben „Die fetten Jahre sind vorbei“. Gab es für solche Aktionen auch Vorbilder? Ich denke z. B. an die Geschichte aus dem Buch „Helter Skelter“, über die Manson-Familie. Da wird beschrieben, dass die ganz am Anfang ihrer Aktionen, also lange bevor sie völlig ausrasteten und mordeten, nachts in kalifornische Villen einstiegen und im Dunkeln durch die Häuser schlichen. Einfach nur um zu zeigen: wir waren da, fühlt euch nicht zu sicher. Kannten Sie diese Aktionen auch?
H.W.: Das hat damit überhaupt nichts zu tun. Das stimmt auch so nicht. Ich kenne das sehr genau. Ich habe das Buch des Staatsanwalts gelesen über die Manson-Familie. Die sind nur in eine Villa eingebrochen, einmal. Haben dort die Wände beschmiert mit dem Beatles-Songtitel „Helter Skelter“, und schon in der nächsten Nacht kam es dann zu dieser wahnsinnigen Bluttat.
T.N.: Ja, aber es geht bei dem was ich meine um viel frühere Aktionen, die waren ja schon länger zusammen. Da sind die einfach nur in den Häusern herum geschlichen, das wurde in den Prozessaussagen erwähnt. Man muss das nicht vergleichen, aber natürlich sind solche Aktionen auch nicht ganz neu.
H.W.: Also, solche Assoziationen und Verbindungen herzustellen ist halt ihr Job als Journalist, ich kann nur sagen, da gibt es für mich überhaupt keine Verbindungen. Was mich dazu inspiriert hat, war vielmehr mein Studium an der Kunsthochschule für Medien in Köln, wo es z. B. auch Künstler gab, die solche Installationen gemacht haben. Und das was diese drei „Erziehungsberechtigten“ in diesen Villen machen, das ist ja nichts anderes als Installationskunst. Und es ist aber gleichzeitig eine Art politischer Kunst. Es ist eine Kunst, die aufrüttelt, die etwas bewegen will.
T.N.: Sie verbreiten aber auch ein bisschen Angst unter diesen wohlhabenden Leuten, einfach dadurch, dass sie im Haus waren, auch wenn sie nichts rauben.
H.W.: Sie verbreiten auf jeden Fall Unsicherheit, und es geht natürlich für die „Erziehungsberechtigten“ darum, einfach auch ihre persönliche Unzufriedenheit über den Zustand dieser Welt auszudrücken, und das machen sie eben in einer sehr unmittelbaren Art. Und es sind auch Verzweiflungstaten. Der Film behauptet ja auch nicht, dass das jetzt des Rätsels Lösung sei, oder der Stein der Weisen, in diese Villen einzubrechen.
Wir zeigen in dem Film nur die verschiedenen Möglichkeiten und Wege, sich politisch zu engagieren, oder eben seiner jugendlich-revolutionären Energie Ausdruck zu verleihen. Der Film ist ja keine Gebrauchsanweisung.
T.N.: Der Film kam beim Festivalpublikum ganz hervorragend an. Ist es eigentlich einfach wieder Zeit für Filme mit einer bestimmten Haltung, die auch eine gesellschaftspolitische Aussage in irgend einer Form wagen?
H.W.: Anscheinend. Ich war selbst vollkommen überrascht von dem Erfolg. Ich habe den Film einfach gemacht, weil mich das Thema Jugend und Rebellion persönlich interessiert, schon seit 10 Jahren. Und ich habe eigentlich damit gerechnet, das der Film vollkommen untergehen wird und vielleicht dann mit 5 Kopien ins Kino kommt und anschließend ins Fernsehen. Also dieser große Erfolg in Cannes kam wirklich überraschend, und der war dann die Basis für das Verkaufen in die ganze Welt. Und das fasziniert mich wirklich, dass auch die Leute in Brasilien, Belgien oder Polen, praktisch überall einfach von dieser Geschichte mitgerissen waren. Scheint doch irgendwie einen Nerv getroffen zu haben. Ja, und da kann man natürlich weiter spekulieren, dass vielleicht schon so eine Sehnsucht da ist, nach zumindest einer Hinterfragung des kapitalistischen Systems. Wenn man sich auch die Verkaufszahlen von Michael Moores Büchern anschaut, der auch primär die verheerenden Auswirkungen des Turbo-Kapitalismus anprangert, dann kann man schon davon ausgehen, dass es da eben bei den Leuten eine Sehnsucht nach einer echten Veränderungen gibt.
T.N.: Warum haben Sie den wunderbar traurigen-melancholischen, fast sakralen Song „Halleluja“, im Original von Leonard Cohen, für den Schluss des Films ausgewählt?
H.W.: Das sind keine rationale Entscheidungen, es sind Bauchentscheidungen, nehme ich an. Ich habe den Song wochenlang gehört, er hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Er drückt dieses Gefühl einer schönen Traurigkeit aus, ja, eben einer Melancholie. Man hört den Song, und man hebt einfach so ein bisschen ab. „Broken Halleluja“ singt er ja, „Broken Halleluja“ wie in dem Film, das heißt, es ist am Schluss ein gebrochener Jubel. Wir waren da am Schneiden für das Filmende, und da hat es ein bisschen gestockt, wir kamen nicht richtig weiter, und da habe ich eigentlich mehr aus Jux und Tollerei die CD mitgebracht und den Song angelegt. Und plötzlich ging es, das war eine magische Verbindung, wie man es nur selten erlebt in der filmischen Arbeit. Und wenn man es dann aber erlebt, dann ist es wirklich ein Glücksgefühl, das kann man schwer beschreiben. Also der Song drückt einfach alles aus, was dieses Ende des Films eben erzählen soll. Die drei Protagonisten triumphieren zwar am Schluss, aber es ist kein glorreicher Triumph mit Jubelgesang, sondern es ist eben ein „Broken Halleluja“. Es ist auch ein Abschied von ihrem alten Leben, und es ist ein Aufbruch in eine unsichere Zukunft.
T.N.: Kinostart von „Die fetten Jahre sind vorbei“ ist in Deutschland am 25. November 2004. Wann kommt der Film in Frankreich in die Kinos, und was ist mit den anderen Ländern?
H.W.: In Frankreich kommt er, glaube ich, im Februar oder März 2005 ins Kino. Der Film wird in 43 Ländern auf der ganzen Welt laufen, und in den meisten läuft er eben nächstes Jahr im Frühjahr.T.N.: Ein echter Welterfolg für den deutschen Film, das kann man sagen.
H.W.: Ja, das kann man sagen. Ich bin auch sehr stolz darauf.
Das Gespräch führte Thomas Neuhauser, ARTE, November 2004





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