Denen geht er ganz gern an den Kragen – sei es in Videos oder auch mal mit wildem Gebrüll vor dem isländischen Parlament. Denn wenn Hallgrímur Helgason mal nicht neue Bücher schreibt und sie mit den skurrilsten Charakteren bevölkert, legt er den Finger gern tief in die Wunden der isländischen Volksseele. Deren bestimmendes Merkmal: Größenwahn!
Hallgrímur Helgason
Hier ist immer was los. Wenn wir etwas aufbauen wollen, sind alle ganz euphorisch und haben tausend Ideen. Und dann klappt es nicht, weil es nicht gut genug geplant wurde. Alles bricht zusammen, so wie bei der Wirtschaftskrise. Darüber kann ich dann schreiben. Irgendwas passiert hier immer.
Hallgrímur Helgason hat Kunst in Reykjavík und München studiert, seine Bilder waren schon in in Paris und New York zu sehen. International bekannt geworden ist er aber vor allem als Popliterat. Mitte der Neunziger erschien sein Durchbruchsroman „101 Reykjavík“, der später auch verfilmt wurde.
>> Web-Bonus: Hallgrimur Helgason über Reikjavik früher
„101 Reykjavík“ hat die isländische Hauptstadt als Partymetropole bekannt gemacht. Es geht um den 30-jährigen Loser Hlynur, der sich die Zeit mit Trinken und Pornos vertreibt. Sein Leben gerät völlig aus der Bahn, als er betrunken Sex mit der lesbischen Flamencolehrerin Lola hat und anschließend herausfindet, dass seine Mutter in diese verliebt ist. Lola wird schwanger, Hlynur will Selbstmord begehen, zieht sich dann aber doch irgendwie aus dem Sumpf. Ähnlich tragikomisch sind auch Helgasons andere Romane. In „Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ nimmt ein kroatischer Auftragskiller die Identität eines amerikanischen Fernsehpredigers an. Und in seinem aktuellen Roman „Eine Frau bei 1000 Grad“ wartet eine alte Dame in einer Garage auf den Tod. Bei sich hat sie eine Handgranate und einen Laptop, mit dem sie sich im Internet die Zeit vertreibt.
Hallgrímur Helgason
Wir sind immer fasziniert von Außenseitern. Zum Beispiel von Menschen, die ganz alleine auf einer Farm irgendwo auf dem Land leben. Wenn du ein halbes Jahrhundert ganz allein lebst, wirst du ein Superstar in Island. Es gab da diesen einen Typen, der sogar seine eigene Sprache entwickelt hat, weil er seit fünfzig Jahren mit niemandem mehr gesprochen hatte. Niemand hat ihn verstanden.>> Web-Bonus: Hallgrimur Helgason über „Eine Frau bei 1000 Grad“
Um Figuren wie seine Romanhelden zu finden, beobachtet Hallgrímur Helgason gern. Ein perfekter Ort dafür: der Flohmarkt am Hafen von Reykjavík. Nirgendwo sonst kommen im bevölkerungsarmen Island so viele Menschen auf einem Haufen zusammen. Wenn’s nichts zu sehen gibt, kann man sich immer noch isländische Absonderlichkeiten schmecken lassen. Eingelegten Zwergwal z.B.
Was Helgason nicht mag: Banker! Nach den Bankenpleiten 2008 wurde er zum scharfen Kritiker des Finanzmarktes und der isländischen Regierung und war beim Geschrei vor dem Parlament immer vorn mit dabei. Dafür hat er nicht von allen Applaus bekommen. Aber auch das passt irgendwie …
Hallgrímur Helgason
Die Isländer lieben es, gehasst zu werden. Sie lieben es, schlechte Dinge über sich zu lesen. Nach dem Motto: Ja, so sind wir. Wir sind schrecklich! Und es ist ein nationaler Sport in Island, über den Charakter der Isländer zu schreiben. Aber wir scheinen nie etwas daraus zu lernen. Wir sagen: So sind wir. Wir können nicht anders.
Aber eigentlich kann Hallgrímur Helgason froh sein über seine verschrobenen Landsleute. Denn die sorgen ja schließlich dafür, dass ihm nicht so schnell die Storys ausgehen.
Bücher
101 Reykjavík (Roman), Klett-Cotta, Stuttgart 2002
Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein, Klett-Cotta, Stuttgart 2005
Rokland, Klett-Cotta, Stuttgart 2006
Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen, Tropen Verlag, Stuttgart 2010
Eine Frau bei 1000 Grad, Klett-Cotta, Stuttgart 2011






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