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WISSENSCHAFT - 05/06/12

HOFFNUNG FÜR AUTISTEN?

Kinder mit Autismus versinken in der Isolation. Stichhaltige Erklärungen gibt es wenige, Heilung bislang keine. Ein kanadischer Forscher vermutet die Ursache in Darmbakterien. Wird bald eine neue Therapie möglich?

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Ein Kind kommt zur Welt, zunächst scheint alles normal. Doch dann fällt auf, dass es andere Menschen kaum anschaut, kaum lächelt, Bewegungen ständig wiederholt. Zu sprechen lernt es wenig. Es scheint in seiner eigenen Welt zu versinken. Oft steht die Diagnose erst nach Jahren fest: Autismus. Die Eltern sind schockiert, ratlos und hilflos. Die Ursachen für diese Entwicklungsstörung sind noch sehr unklar. Bisher wissen Forscher nur, dass sich bei Kindern mit autistischen Erkrankungen viele winzig kleine Veränderungen im Erbgut befinden, welche die Hirnentwicklung beeinflussen. Heilung gibt es bislang nicht, Verhaltenstherapie und andere Förderprogramme können die Symptome lediglich lindern.
In diese Rat- und Hilflosigkeit stößt nun der kanadische Forscher Derrick MacFabe von der University of Western Ontario mit einer brisanten Hypothese: Bakterien im Darm könnten mit ihren Stoffwechselprodukten zu autistischen Erkrankungen beitragen. Die schädlichen Stoffe entstünden vor allem bei der Verdauung von Weizen- und Milchprodukten. Stimmt das, dann hätte auch die Umwelt einen Einfluss auf die Krankheit, und nicht nur wie bislang vermutet das Erbgut. Eine Therapie würde in Reichweite rücken: Man könnte die Bakterien (unter anderem Clostridien) und ihre Stoffwechselprodukte (Fettsäuren wie Propionsäure), die möglicherweise neuronale Prozesse stören, bekämpfen sowie die Ernährung umstellen.

ARTE Dokumentation

Hilfe bei Autismus?
Die Rolle der Bakterien

Do • 14.6. • 22.00
Liegt die Ursache im Darm? MacFabe sieht seine These von mehreren Indizien gestützt: Erstens würden Kinder somalischer Einwanderer in Kanada häufiger autistisch als Kinder in Somalia, womöglich weil sie mit westlichen Bakterien und Speisen konfrontiert würden. Zweitens hätten viele autistische Kinder Darmprobleme. Drittens entwickelten Ratten, wenn man ihnen Propionsäure ins Hirn spritzt, Verhaltensweisen, die an die von Autisten erinnerten. Und viertens würden heute häufiger autistische Erkrankungen diagnostiziert – während gleichzeitig öfter Antibiotika, die die Darmflora verändern, in den ersten Lebensjahren eingesetzt und mehr weizen- und milchhaltige Lebensmittel verspeist würden. Der amerikanische Mikrobiologe und Mediziner Sydney Finegold
fand einen weiteren Anhaltspunkt: Er gab autistischen Kindern, die zuvor wegen anderer Infektionen mit einem Breitband-Antibiotikum behandelt worden waren, ein spezielles Antibiotikum gegen Clostridien. Bei acht der zehn Kinder besserten sich die autistischen Symptome vorübergehend.

Kritiker sind wachsam. Doch Autismusexperten sind von MacFabes These noch nicht überzeugt: „Das ist noch sehr hypothetisch“, sagt Inge Kamp-Becker, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft für Autismus-Spektrum-Störungen an der Marburger Uniklinik. „Die Befunde bestätigen nicht eindeutig den Einfluss der Bakterien auf die neuronale Entwicklung.“ Auch Christine Freitag, Leiterin der Frankfurter Uniklinik für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters, ist vorsichtig: „Man kann von Rattenversuchen nicht einfach auf den Menschen schließen.“ Die Zunahme autistischer Störungen sei vor allem auf verbesserte Diagnosemethoden zurückzuführen, sagt Kamp-Becker. Zu dem Schluss kommen auch Forscher der kanadischen McGill University, die 57 Studien zur Häufigkeit von Autismus in 17 Ländern ausgewertet haben.
Gerade bei so schwerwiegenden und schlecht erforschten Erkrankungen wie Autismus kursieren viele Hypothesen über mögliche Ursachen – bisher jedoch ohne Bestand: In den 1950er Jahren postulierten Forscher, emotionale Kälte der Eltern sei der Grund. Dann wurden Quecksilber und andere Schwermetalle, Lösungsmittel, Dieselabgase oder Pestizide als Krankheitsauslöser verdächtigt. Besonders folgenreich war die Hypothese des britischen Arztes Andrew Wakefield: Aufgrund einer einzigen Studie an zwölf Kindern behauptete er 1998, die Kombinationsimpfung gegen Masern, Mumps und Röteln löse Autismus aus. Kinder wurden nicht mehr geimpft, einige starben an den unter Kontrolle geglaubten Krankheiten. Inzwischen ist nachgewiesen, dass Wakefield nicht korrekt gearbeitet hat, die Studie wurde zurückgezogen.
Heute wäre es fahrlässig, Eltern unbegründete Hoffnungen zu machen, warnt Kamp-Becker: „Die klammern sich an jeden Strohhalm und geben auch viel Geld für wirkungslose Therapien aus.“ MacFabes Hypothese befindet sich noch am Anfang des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses. Um sie zu überprüfen, müssten zum Beispiel Risikogruppen auf ihre Ernährung und bereits Erkrankte auf die verdächtigten Stoffe hin untersucht werden, schlägt die Ärztin Christine Freitag vor. Letzteres will Derrick MacFabe jetzt tun. Die Ergebnisse könnten zeigen, welches Potenzial diese hoffnungsbringende These birgt.

STEFANIE SCHRAMM FÜR DAS ARTE MAGAZIN


ARTE PLUS

FORMEN DES AUTISMUS
Frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom): Erste Symptome treten bereits ab dem zehnten Lebensmonat auf. Häufig ist die Sprachentwicklung stark gestört und die Patienten sind geistig behindert
Asperger-Syndrom: Diese Erkrankung entwickelt sich erst ab dem dritten Lebensjahr, Sprachentwicklung und Intelligenz sind oft normal. Manche Patienten entwickeln eine Hochbegabung in einem Spezialgebiet. Sie haben oft Schwierigkeiten, ihre Bewegungen zu kontrollieren

Erstellt: 22-08-11
Letzte Änderung: 05-06-12