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Das ARTE Magazin - 21/08/08

Google, Apple, Microsoft …

ARTE Themenabend


Google, Apple, Microsoft …
Die neuen Herren der Welt
Freitag • 20. April • ab 22.10
Wer hat Angst vor Google?
Dokumentation • 22.15
Die Silicon Valley Story
Fernsehfilm • 23.45

Das Fernsehen mit der Maus
Die digitale Revolution erfasst das Fernsehen, die Generation iPod will ihr eigener Programmdirektor sein. Ein konkretes Szenario vom Fernsehen der Zukunft entwirft Medienexperte Ewald Wessling.

Ein Gespenst geht um in der internationalen Medienszene – das Fernsehen 2.0, die Verbindung von Fernsehen und Internet, so genannt in Anlehnung an das Web 2.0. Das Internet ist dabei, die Programmmacht der Sender anzugreifen. Durch den Einzug des World Wide Web in unseren Alltag sind völlig neue Gewohnheiten entstanden. Wer täglich über Suchmaschinen wie Google in Sekundenschnelle auf entlegenste und individuell zugeschnittene Inhalte zugreift, wer sich mit Selbstverständlichkeit das eigene Musikprogramm aus dem Internet auf den iPod zieht, der fragt sich jetzt: Warum geht das beim Fernsehen nicht genauso?
Fernsehen mit dem einzigartigen Komfort des Internets, mit Programmen, ausgewählt aus dem schier unendlichen Angebot der internationalen TV-Sender, durch einen Doppelklick auf den eigenen Bildschirm geholt, zeitunabhängig und in der gewünschten Sprachfassung – dieser Traum vom maßgeschneiderten Fernsehen rückt immer näher. Manchen macht er auch Angst. Doch so, wie die neue Technik ununterbrochene Berieselung ermöglicht, so kann sie auch zu mehr Qualität führen. Denn gerade für den Teil des Publikums, der Qualitätsprogramme sucht, potenziert sich die Chance, Perlen im Angebot der verschiedenen Sender aufzuspüren. „Bald wird Fernsehen über das Internet gesendet werden und dann werden Sie nicht mehr über Programme nachdenken“, verkündete Bill Gates auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar in Davos. Gates mag im eigenen Interesse sprechen, denn Microsoft bietet entsprechende Produkte an. Doch ganz daneben gelegen hat er selten mit seinen Prophezeiungen. So könnte sie aussehen, die Zukunft:

Samstagnachmittag – ein neues Gefühl
Samstag um 15.30 Uhr sitzt Paul im Sessel und schaut Bundesliga live im Fernsehen. Er kann zwischen allen Spielen wählen, aber da er sich nicht entscheiden will, lässt er den Konferenzkanal laufen, durch den er kein Tor verpassen wird. Fritz von nebenan meldet sich per Textnachricht auf dem Bildschirm. Soll er zur Halbzeit noch Bier mitbringen? Paul tippt auf seiner Fernbedienung: „Ja, kaltes“, während Bayern München ein Tor kassiert. Jetzt meldet sich das Telefon auf dem Fernseher. Es ist seine Mutter, da muss Paul rangehen. Also drückt er auf die Pausetaste seiner Fernbedienung. Nach dem Gespräch setzt er sein Fußballprogramm fort, zwar zeitversetzt, aber ohne etwas zu verpassen. In der Halbzeit kann er ja wieder zum aktuellen Geschehen vorspulen. Zwischendurch erscheinen im Textfeld auf dem Bildschirm immer wieder aktuelle Nachrichten aus aller Welt, die er sich per Tastendruck groß ziehen kann. Das tut er ungern, während Fußball läuft. Wenn allerdings ein DAX-Vorstand zurücktritt, wirft er sofort einen Blick in sein Aktiendepot.

Manchmal macht Paul sich in der Halbzeit auf die Suche nach seiner Tochter, jedoch nicht im Haus, sondern in der virtuellen Welt von „Second Life“, wo sie inzwischen eine renommierte Reporterin des Nachtlebens ist. Es beunruhigt Paul hin und wieder schon, dass niemand erfährt, welche realen Menschen hinter den „Avataren“ in „Second Life“ stecken. Aber so weiß auch niemand, dass seine Starreporterin erst 12 Jahre alt ist.
Mit Fritz schaut sich Paul noch ein paar Tore aus dem Bundesliga-Archiv an. Seine Frau hat inzwischen einige E-Mails beantwortet und verfolgt jetzt ihre Versteigerungen bei eBay. Gemeinsam versenden sie eine Nachricht an alle Bildschirme im Haus mit einem Vorschlag für das Abendprogramm. Dabei hilft TiVo, ein Dienst, der aus dem, was die Familie im Fernsehen guckt, Vorschläge für Filme ableitet. Es klappt jetzt viel öfter, alle im Wohnzimmer zu versammeln. Auch wenn die Kinder sich nicht leicht vom Chat mit den Freunden trennen lassen. Die Nachrichtenfluten der Kinder ertragen Paul und seine Frau nämlich nicht beim Fernsehen. Im Gegensatz zu ihrer Tochter und ihrem Sohn, die mit der Maus in der Hand aufwachsen, sind Paul und seine Frau noch mit dem klassischen Fernsehen groß geworden und bleiben Immigranten in der digitalen Welt.
In der Generation der Jüngeren hat der Fernseher bereits seinen Platz als unverzichtbares Medium verloren; bei den Jungs an den Computer, bei den Mädchen an den MP3-Player. Nur noch 19 Prozent der unter 20-Jährigen können am wenigsten auf das Fernsehen verzichten. 26 Prozent der Teens hingegen meinen, nicht mehr ohne Computer leben zu können. Auch bei der Informationsbeschaffung ist das Internet dem Fernsehen bei den 14-bis 29-Jährigen überlegen (70 Prozent versus 60). Jungs verbringen mit ihren Freunden mehr Zeit mit Computerspielen als vor dem Fernseher. Und jeder Zweite unter 30 sucht im Internet nach guten Video-Spots und sendet sie an Freunde.

Schritt für Schritt in die digitale Zukunft
Der erste Schritt, sich vom Tagesprogramm der Sender zu befreien, ist ein digitaler Videorekorder. Damit lässt sich aus den aktuellen TV-Programmen eine private Filmbibliothek aufbauen. Geschaut wird, wenn Zeit ist. Man guckt nicht unbedingt weniger oder mehr, aber zielgerichteter und entspannter, schon wegen der Pausetaste. Der Schritt zum tatsächlich selbst zusammengestellten Programm erfolgt aus der Kombination des Internets mit dem Fernseher: In Deutschland liefern T-Home und Alice alle Spielfilme auf Wunsch, also per Video-on-Demand, und ersparen das Ausleihen von DVDs. Die Video-Plattform YouTube stellt über 30 Millionen Musikvideos, Fernsehausschnitte und Kuriositäten zur Verfügung, die man sich direkt im so genannten Streaming ansehen kann. Mit dem Camcorder selbst gedrehte Videos können auf der Festplatte gespeichert und jederzeit abgespielt werden. Genauso können sie auch auf Video-Plattformen wie myvideo.de oder clipfish.de freigeschaltet werden.

Ob die von Bill Gates ausgerufene Frist von fünf Jahren für die TV-Revolution auch in Deutschland Realität sein wird, vermag im Moment noch niemand zu sagen. Es fehlt an technischen Standards und funktionierenden Sendeplattformen. Erst drei Prozent der Haushalte haben heute Internet auf ihrem Fernseher. Dazu kommt das vergleichsweise banale Hindernis, dass der Telefon- beziehungsweise Internetanschluss im Wohnzimmer in den meis-ten Fällen nicht direkt neben dem Fernsehgerät angebracht ist. Auch steht der Fernsehsessel oft zu weit weg vom Bildschirm, um die klassischen Webseiten lesen zu können. Außerdem entscheiden im Haushalt nicht diejenigen, die davon die meiste Ahnung haben – die Kinder. Denen würde es natürlich Spaß machen, den Fernseher für weniger als hundert Euro drahtlos über W-LAN oder per Devolo-Powerline über die Steckdosen im Haus mit dem Internet zu verbinden. Sie würden als Computer-Neukauf einen Multimedia-PC für etwas über 1.000 Euro wählen, ihn an den Fernseher anschließen und wären ganz entspannt in der digitalen TV-Zukunft angekommen.

Dr. Ewald Wessling für das ARTE Magazin.
Der ARTE-Gastautor war Verlagsgeschäftsführer und ist heute selbstständiger Berater für Medien im digitalen Umbruch. Er lebt in Hamburg.



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ARTE PLUS
Kleines Glossar:
  • Web 2.0: Oberbegriff für neue interaktive Techniken und Dienste des Internets
  • Streaming: Übertragung von Video- und Audiodaten
  • Second Life: Virtuelle Welt in 3-D-Umgebung
  • Avatar: künstliche Person in einer virtuellen Welt
  • Video-on-Demand: dt.: Videoabruf. Service, mit dem sich Filme abrufen und abspielen lassen (auch bei ARTE in Planung)
  • TiVo: (Television Input/Video Output, USA und GB): Festplattenrekorder zum zeitversetzten Fernsehen

Erstellt: 21-08-08
Letzte Änderung: 21-08-08