05/08/02
Godelier die Magischen Praktiken
DIE MAGISCHEN PRAKTIKEN BEIM PRODUKTIONSPROZESS
Wenn der Urwald gerodet wird, wählen die Männer einen riesigen Baum auf der zu bebauenden Parzelle aus und schmücken den Stamm mit magischen Pflanzen,
Muschelketten und den gleichen, schwarzen Paradiesvogelfedern, wie sie die jungen Initianden des dritten Stadiums, die tchouwanié tragen. Dann bearbeiten zwei Männer den Baum mit der Axt, während alle anderen, die bei der Rodung mitarbeiten, warten und dabei einen mit Blättern geschmückten, magischen Stab in ihren Händen halten. Sobald der Baumriese schwankt und zu fallen beginnt, schreien alle laut und werfen ihre Stöcke auf den umstürzenden Baum. Dabei hoffen sie, den Geist des Baumes, der auf die Männer zornig ist, in das Gebiet ihrer Feinde zu vertreiben, wo er sich rächen wird, indem er diejenigen tötet, die er beim Baumfällen im Wald überrascht. Auf diese Weise kann zwischen den Baruya und ihren Feinden nie wahrer Friede herrschen, da selbst nach der offiziellen Beendigung der Kämpfe der Krieg durch das Abschießen unsichtbarer, aber mörderischer Geistergeschosse weiter geführt wird. Ist der Boden für einen Garten vorbereitet, der Palisadenzaun errichtet, eine Anzahl begrenzter Parzellen innerhalb der Umfriedung aufgeteilt und Verwandten oder Nachbarn zugeteilt worden, vollzieht der Mann, der die Rodung angeregt hatte, in der Mitte des Gartens auf einer der Parzellen, die seine Frau bearbeiten wird, eine kurze, magische Zeremonie. Diese Magie ist dazu bestimmt, Süßkartoffeln, Taro oder andere Pflanzen wachsen zu lassen. Er hat sie von seinen Vorfahren erlernt und wird sie an seine Söhne weitergeben. Nebenbei sei gesagt, dass ein Mann immer den Rat der Frau einholen muss, wenn er seinen Garten in eine bestimmte Anzahl Parzellen aufteilen und bestimmte Frauen auffordern will, sie zu bestellen. Zunächst muss er seine Frau berücksichtigen, dann die Schwestern und Schwägerinnen, seine Schwiegermutter, die Töchter etc. Zunächst sucht sich seine Frau die Parzelle oder die Parzellen aus, die sie bearbeiten möchte, und beschließt sodann mit ihrem Mann, welche und wieviele Frauen den Rest des Gartens unter sich aufteilen sollen. In Wirklichkeit wissen Mann und Frau(en) sehr genau, wem gegenüber sie Verpflichtungen zu gegenseitiger Hilfe haben, und falls nicht gerade ein offener Konflikt zwischen den Schwagern herrscht, wird ein Ehemann den Frauen der Sippe seiner Frau oder den in diese Sippe eingeheirateten Frauen niemals abschlagen, eine Parzelle des von ihm gerodeten Gartens zu bearbeiten, der ja sehr häufig mit Hilfe von deren Ehemännern, also seinen Schwagern, entstanden ist. Wenig später pflanzt jede der Frauen, die eine Parzelle erhalten haben, ihrerseits unter der Beschwörung von Formeln, die von der Mutter vererbt und an die Töchter weitergegeben werden, magische Pflanzen – besonders Blumen - in die Mitte und an die Ränder ihrer Parzelle. Ohne auf die Einzelheiten dieser Pflanzenmagie einzugehen, sei hier doch darauf verwiesen, dass bei den Clans auf diesem Gebiet gewisse Unterschiede bestehen und einige in dem Ruf stehen, eine sehr viel wirksamere Magie als andere zu besitzen. (...)
(M. Godelier, „Le visible et l’invisible chez les Baruya de Nouvelle-Guinée“ (Das Sichtbare und das Unsichtbare bei den Baruya Neu-Guineas), in: J. Thomas und L. Bernot (eds.), Langues et techniques, nature et société, Paris, Klincksieck, 1972, Bd. II, S. 263‑269.)
Die Männer verfügen also hinsichtlich der für die Erzeugung von Knollengewächsen erforderlichen Magie über größere Kräfte als die Frauen. Das gilt natürlich auch für die Jagd, die Salzgewinnung und den Häuserbau, mithin für die Tätigkeiten, auf die sie das Monopol haben und über jeweils besondere Magien verfügen. Es gilt jedoch nicht für den Anbau des Schilfs, aus dem die Lendenschurzen gefertigt werden, noch für die Schweinezucht und natürlich auch nicht für den Wunsch, Kinder oder keine Kinder zu haben, ohne Probleme niederzukommen usw. Dies ist die Domäne der Frauen.
Die Frau nennt ihre Schweine nach kleinen Flüssen oder Bergen, die ihrer Sippe gehören und das Gebiet ihrer Vorfahren bezeichnen. Wenn eine ihrer Sauen Junge bekommen hat und sie jedes Ferkel mit ockerfarbenem, magische Kräfte enthaltenden Lehm bestreicht, verwendet sie beschwörende, von ihrer Mutter überlieferte Formeln, die sie ihren Töchtern weitergeben wird: So werden die Ferkel besser gedeihen, sie werden kräftiger und fetter sein.
Doch die Wirksamkeit all dieser männlichen und weiblichen Magien kann zunichte gemacht werden, wenn der Mann und die Frau an einem verbotenen Ort oder zur verbotenen Zeit kopulieren. Noch schlimmer ist es, wenn einer von beiden Ehebruch begeht und sich heimlich mit verbotenen Partnern paart.
Sobald nämlich in einem Garten die Taropflanzen verdorren, obwohl es nicht zu heiß ist, oder sobald das Fleisch eines Schweins wässrig wird, obwohl es schön fett aussah, beobachten die Nachbarn argwöhnisch das Verhalten des betreffenden Paares, dem der Garten oder das Schwein gehört. Böse Zungen geizen dabei nicht mit offenen Anspielungen und versteckten Andeutungen. Hier deutet sich zum ersten Mal ein grundlegender Aspekt der sozialen Organisation der Baruya und ihrer Denkweise an: Die Sexualität wird als ständige Bedrohung für die Reproduktion der Natur und Gesellschaft gedacht und erlebt. Und diese Bedrohung rührt nicht allein von den verbotenen, sexuellen Beziehungen oder vom Ehebruch her. Selbst wenn der Beischlaf zu Hause, an einem völlig legitimen Ort und zur rechten Stunde vollzogen wird, müssen die Ehegatten danach noch eine Zeit lang den Kokntakt mit anderen Personen meiden, dürfen nicht aufs Feld oder auf die Jagd gehen oder die Schweine füttern. Der sexuelle Akt ist gefährlich, weil er unrein ist, und die Verunreinigung schwächt, verdirbt und bedroht die Lebenskraft – in erster Linie jenes Bollwerk des Lebens, die Quelle aller Kraft: den Mann. Denn auch wenn die Sexualität und sexuelle Beziehungen verunreinigen, so geht diese Gefahr doch nicht gleichmäßig von beiden Geschlechtern aus. Sie entspringt im Wesentlichen der Frau, den Substanzen, die aus ihrer Vagina fließen, ihrem Menstruationsblut, ihren Flüssigkeiten, ihren Sekretionen.
Deshalb darf die Frau während des Beischlafs auch nicht rittlings auf ihrem Mann sitzen, denn dann bestünde die Gefahr, dass sich diese Flüssigkeiten aus ihrem Geschlecht auf den Bauch des Mannes ergießen. Es soll hier nicht weiter auf die Einzelheiten der Analyse der sexuellen Beziehungen zwischen den Geschlechtern und den ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen von Körperlichkeit und Leben eingegangen werden. Diese kurzen Bemerkungen über die Sexualität und die besondere Verantwortung der Frau für die unheilvollen Folgen, die die Sexualität nach sich ziehen kann, erhellen hinreichend eine weitere Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Sie betrifft nicht nur den Zugang zu den Produktions-, Vernichtungs- oder Tauschmitteln, sondern zu den materiellen und magischen Kommunikationsmitteln für die unsichtbaren Mächte, die das Universum bevölkern und beherrschen. Dies sind einerseits Musikinstrumente wie Flöten und Schwirrhölzer, zum Anderen die heiligen Gegenstände: die kwaimatnié, die die Meister der männlichen Initiationen besitzen und handhaben und die ihren Vorfahren von der Sonne übergeben und dem Vater der Baruya zum Geschenk gemacht worden sind. Den Frauen wird gesagt, die Schwirrhölzer und Flöten seien die Stimmen von Geistern, die mit den Männern kommunizieren, wenn die Knaben initiiert werden. Die Frauen dürfen diese Instrumente, die sie von fern in den Wäldern hören, unter keinen Umständen sehen, genau so wenig, wie sie sich dem Initiationshaus nähern dürfen: Die Strafe dafür wäre der Tod. Doch hier nähern wir uns schon der Analyse des zentralen Prinzips der männlichen Herrschaft: der Maschinerie der Initiation. Vorher müssen wir jedoch noch ein wesentliches Element der Mann/Frau-Beziehung der Baruya genau untersuchen, nämlich den Platz, den Mann und Frau bei der Produktion der Verwandschaftsbeziehungen und, durch sie, bei der Reproduktion der Sippen und Clans einnehmen, aus denen ihre Gesellschaft besteht.
Quelle: Maurice Godelier, Die Produktion der Großen Männer. Macht und männliche Vorherrschaft bei den Baruya in Neuguinea, Campus Fachbuch, 1987, ISBN: 3593336545
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02