05/08/02
Glossar
Aborigines
Die Ureinwohner Australiens (Homo sapiens sapiens). Die Besiedelung des Kontinents durch die A. erfolgte während des Paläolithikums, vermutlich vor 150 000 Jahren (der genaue Zeitraum ist umstritten). Die Sprachfamilien der A. werden ausschließlich in Australien gesprochen. Ihre kunstvollen Höhlen- und Felsmalereien gehören wahrscheinlich zu den ältesten der Welt und sind die frühesten Zeugnisse künstlerischer Betätigung des Homo sapiens. Die A. sind entfernt mit den Papua verwandt.
Animismus
Der Glaube an die Beseeltheit der Natur und der Naturkräfte.
Austronesier
Die A. und ihre Sprachen werden einer ursprünglich aus dem Süden Chinas, speziell von Taiwan (Proto-Austronesier) stammenden Völkergruppe zugeordnet, die vor ungefähr 6000 Jahren nach Südwesten wanderte. Als geschickte Seefahrer legten sie weite Entfernungen zurück und besiedelten vornehmlich Küstenregionen und küstennahe Gebiete.
Bateson, Gregory
Britischer Anthropologe (*1904, Cambridge, † 1980). Wie Bronislaw Malinowksi (s. dort) kam B. ursprünglich aus einer anderen Wissenschaftsdisziplin. Er reiste 1927 nach Neuguinea und forschte zunächst bei den Sulka und den Baining (Neubritannien), danach bei den latmul am Mittel-Sepik, wo er auch sein wichtigstes Werk (Naven, 1936), die akribische Analyse eines Papua-Rituals, verfasste.
Big Men, Great Men
Bei den Papua, die keine politische Zentralgewalt haben, kommt den Big Men und Great Men (es gibt auch Big Women) eine wichtige Rolle als Führungspersönlichkeiten im wirtschaftlichen und sozialen Bereich zu.
Bilum
Tragenetz, das z.B. von den Frauen des Wahgi-Stammes im Hochland Papua-Neuguineas hergestellt und getragen wird. B. dienen nicht nur zum Transport von Waren, sondern gelten auch als Wertgegenstand, der als Geschenk oder reichverziert als Schmuck geschätzt wird.
Bisj
Die großen, aus Holz geschnitzen Ahnenpfähle der Asmat (Irian Jaya). Das Aufstellen der A. erfolgt während einer „Bisj mbu& #8220; genannten Zeremonie.
Byoma
Holzgeschnitzte Ahnenfiguren der Stämme Papua-Neuguineas, die zusammen mit den Totenschädeln (s. dort) der Vorfahren in den Männerhäusern (s. dort) aufbewahrt werden.
Godelier, Maurice
Französischer Anthropologe. G. forschte lange Zeit in Neuguinea und untersuchte insbesondere die dortigen Verwandschaftssysteme. Auch die Big men- und Great men-Hierarchien der Papua wurden von ihm beschrieben. Sein Buch & #8222;La Production des Grands Hommes“ (Die Produktion der Großen Männer, 1987) ist ein Klassiker der anthropologischen Literatur.
Kasuar
Großer Laufvogel, ein Verwandter des afrik. Straußes. Aus den Knochen des K. fertigen die Papua Gegenstände wie Pfrieme und Messer, die Federn werden zur Verzierung von Masken oder für Körperschmuck verwendet.Kauri< /SPAN>
Kleine, zur Familie der Porzellanschnecken gehörende Muscheln, die im indischen Ozean und im Südpazifik vorkommen und als Zahlungsmittel oder Schmuck dienen.
Kula
Weitreichendes traditionelles Tauschhandelssystem (Ringtausch), das von zahlreichen Völkern im Südosten Neuguineas betrieben wird. Das vermutlich schon Jahrtausende alte K.-System wurde von Malinowski (s. dort) auf den Trobriand-Inseln meisterlich erforscht.
Kunst
Ein Begriff rein westlicher Prägung, der in seiner gleichermaßen zu weit und zu eng gefassten Bedeutung auf die bildenden Darstellungen (Skulpturen) der Papua-Kultur nicht anwendbar ist.
Kunst, primitive
Allgemeine Bezeichnung für künstlerische Darstellungen animistischer, nicht-westlicher Kulturen, die zumeist keine Schriftsprache besitzen. Ebenso unzulänglich und ungenau wie die Begriffe „ Art primaire“ oder, „Stammeskunst“, die auf völlig überholten evolutionstheoretischen Vorstellungen beruhen. Er wird hier verwendet, da es bedauerlicherweise keinen geeigneten alternativen Begriff gibt.
Linie
Gesamtheit verwandter Individuen, die alle von einem gemeinsamen Vorfahren abstammen. Man unterscheidet Patrilinearität (väterliche Linie) oder Matrilinearität (mütterliche Linie). Beide gesellschaftlichen Ordnungssysteme kommen bei den Papua vor.
Lopita
Archäologische Fundstätte in Neukaledonien. Hier wurde erstmals ein unter diesem Namen bekannter Typ verzierter Keramiken gefunden, die auch an verschiedenen anderen Stellen im ozeanischen Raum nachgewiesen wurden. Die ältesten Funde stammen aus dem Jahr 1600 v. Chr. Um 500 v. Chr. wurde die Herstellung dieser Keramiken wieder aufgegeben. Das Seefahrervolk, von dem diese Keramiken stammen, führte auf seinen Reisen vermutlich Schweine, Hühner, Hunde und Ratten mit sich.
Männerhaus
Alle in Neuguinea lebenden Völker haben sogenannten Männerhäuser, von denen es in ein und demselben Dorf sogar mehrere geben kann, da jeder Clan ein eigenes M. besitzt. Sie sind ausschließlich den Männern vorbehalten und die „Schaltzentrale“ des Gruppenlebens. Hier werden Diskussionen geführt, Entscheidungen getroffen, Konflikte geregelt und wichtige Zeremonien vorbereitet. Zu den am besten untersuchten Männerhäusern gehören die der latmul und der Bewohner der Region des Mittel-Sepik.
Malagan
Initiations- und Begräbnisritus auf Neuirland, bei dem Holzskulpturen in Zeremonialhäusern und unter freiem Himmel in den Dörfern ausgestellt werden.
Malinowski, Bronislaw
1884 in Krakau (Polen) geboren, ließ sich M. später in London nieder, von wo er seine Forschungsreisen nach Australien und Neuguinea unternahm, zunächst zu den Mailu (Golf von Papua), später zu den Trobriand-Inseln. 1938 siedelte er in die USA über. Seine Arbeiten über die Trobriand-Inseln schufen die Grundlagen für die experimentelle Anthropologie.
Meeresspiegel
Im Gefolge der letzten Eiszeiten unterlagen die Meerespiegel enormen Schwankungen. Die extremste Abweichung -etwa 130 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung - betrug –140 Meter gegenüber dem heutigen Niveau. Diese Veränderungen sind für das Verständnis früherer Völkerwanderungen von Bedeutung. Die Landverbindung zwischen Neuguinea und Australien wurde erst sehr spät (ca. 1500 v. Chr.) unterbrochen. Die Torres-Straße weist indes auch heute noch nur sehr geringe Wassertiefen (1-5 Meter) auf.
Mythologie und Mythen
Literarische Themen, die mündlich überliefert werden. Sie beschreiben und definieren die Lebensumstände und den kulturellen Rahmen der Gruppe in Form von Geschichten, aus denen ein Gesamtbild entsteht, das sich den einzelnen Gruppenmitgliedern erst nach und nach durch die verschiedenen Inititationsriten erschließt.
Papua
Von den ersten westlichen Besuchern geprägter Name für die Bewohner Neuguineas, die sie zuvor noch nie gesehen hatten. P. bedeutet auf Portugiesisch „gekräuselt“ und bezieht sich auf die Haartracht. Die P. leben seit mindestens 50 000 Jahren auf Neuguinea. Sie sind überwiegend Bauern und leben, mit Ausnahme des Südens der Insel, vornehmlich in den Bergregionen.
Papuasprachen
Besser bezeichnet als „nichtaustronesische Sprachen“, zu denen auch die Papuasprachen gezählt werden. Sie gehören im Unterschied zu den austronesischen Idiomen keiner gemeinsamen Sprachfamilie an. In Neuguinea wurden sie schon lange vor letzteren gesprochen und untergliedern sich in etwa 20 Phyla (Stämme), darunter als bedeutendste Variante das TNG (Trans New Guinea). Zwei Aborigines-Sprachen des Nordwestens Australiens sollen mit einigen der Papuasprachen verwandt sein.
Paradiesvogel (Paradisea apoda/minor)
Das Männchen diese zu den Sperlingsvögeln gehörende Vogelart schmückt sich mit außergewöhnlich schönen, farbigen Schwanzfedern, die früher sowohl im Orient als auch im Westen für die Hut- und Schmuckherstellung sehr gesucht waren. Heute ist der P. vom Aussterben bedroht und deshalb geschützt.
Phylum (Stamm)
Plural Phyla. Ein Begriff der Linguistik (Sprachforschung). Bezogen auf die Papuasprachen (nichtaustronesische Sprachen) bezeichnet Phylum eine übergeordnete Gruppe mehrerer Sprachen. Ein Phylum besteht aus mehreren Unter-Phyla, die wiederum mehrere Hauptfamilien und Familien unterschiedlicher Idiome umfassen.
Quirós, Pedro Fernandes de
Portugiesischer Seefahrer, der wahrscheinlich als erster an die Südküste Neuguineas gelangte. Ein in Simancas (Spanien) aufbewahrtes Aquarell dürfte wohl die erste Darstellung eines ozeanischen Kunstgegenstandes aus der Hand eines westlichen Künstlers sein. Man nimmt an, dass es sich bei dem abgebildeten Objekt um einen Schild der Asmat handeln könnte.
Rang
Bei einigen Papuagruppen gibt es ein Rangsystem mit mehreren Stufen, die jeder Einzelne während seines Lebens durchläuft. Der zumeist erkaufte Rang verleiht seinem Inhaber ein besonderes Ansehen.
Religionen
Kollektive Auffassungen vom Heiligen. Im etymologischen, vom latein. religari („gebunden sein“) abgeleiteten Sinne ist der Begriff für die animistischen Religionen der Papua zutreffender als die etwas herabsetzende Bezeichnung „Glaube“.
Sago
Kleine Palmenart (Metroxylon rumphii), aus deren Mark ein stärkehaltiges Mehl hergestellt wird. S. ist ein Grundnahrungsmittel, insbesondere bei den Asmat und den latinul (engl. sago).
Sahul
Während der Zeit extrem niedriger Wasserstände der Ozeane im Pleistozän bildete Neuguinea zusammen mit Australien eine gemeinsame Landmasse, das sogenannte Sahul-Schelf. Diesem gegenüber lag Sunda, der zweite, von Asien gebildete Kontinent. Wahrscheinlich gelangten während dieser Zeit niedriger Meeresspiegel die ersten Menschen – wohl durch Zufall - von Sunda aus nach Sahul. Zu jener Zeit herrschten völlig andere klimatische und ökologische Bedingungen als heute.
Stamm
Bezeichnung für die Gesamtheit der Angehörigen einer bestimmten ethnischen Gruppe. Der Begriff ist wie viele andere in diesem Zusammenhang verwendete unzulänglich, weil zu ungenau und teilweise falsch benutzt. In Ermangelung eines besseren Terminus wird er jedoch für bestimmte Papua-Gruppen verwendet.
Stilregionen
Stammesgebiete mit unterschiedlichen eigenen Stilrichtungen der künstlerischen Darstellung. Bei den Papua und den Austronesiern Neu-Guineas entsprechen die S. der regionalen Verteilung der gesprochenen Sprachen.
Torres-Straße Meerenge zwischen Australien und Papua-Neuguinea. Bis vor nicht allzu langer Zeit (2000 – 1500 v.Chr.) lag der heutige Meeresboden noch über Wasser, so dass man trockenes Fußes von Australien nach Neuguinea gelangen konnte. In der T. liegen unzählige kleine Inseln, deren Bewohner entweder Aborigines- oder Papuasprachen sprechen.
Totenschädel
Zahlreiche Ethnien Neuguineas bewahren die Schädel Verstorbener auf, die als Sitz der geistigen Energie des Menschen angesehen werden. Die Schädel von Feinden wurden früher meist in den Männerhäusern (s. dort), die der Vorfahren in den Clan-Häusern aufbewahrt. Die Asmat praktizierten noch bis in die sechziger Jahre die Kopfjagd.
Erstellt: 23-06-04
Letzte Änderung: 05-08-02