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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Gil Evans: "The Individualism of Gil Evans"

Verve 833 804-2 (Aufnahme: 1963/1964)


Das Arrangement im Jazz und sein Genie
Von Harry Lachner

Jahrhundertaufnahmen des Jazz











Radikal wie nur wenige andere Arrangeure hat Gil Evans den Klang des Jazz-Orchesters verändert. Am bekanntesten ist immer noch seine geradezu revolutionäre Zusammenarbeit mit dem Trompeter Miles Davis, aus der so grandiose Aufnahmen wie "Sketches of Spain", "Porgy and Bess" oder "Miles Ahead" entstanden sind.
Evans wurde am 13. Mai 1912 in Toronto geboren. Sein bürgerlicher Name - mit dem er auch einige seiner Kompositionen zeichnete - war Ian Ernest Gilmore Green. Seine frühen Jahre verbrachte er als Arrangeur im Orchester von Claude Thornhill - einem Tanz-Orchester, aus dem später dann die Capitol-Band hervorgegangen ist - jene Formation, mit der Miles Davis zwischen 1949 und 1950 die Aufnahmen für sein Album "Birth Of The Cool" einspielte. Gil Evans hatte zu jener Zeit schon einen Ruf als Arrangeur mit einer ganz eigenständigen Handschrift. Die New Yorker Musiker schätzten ihn besonders wegen einer Reihe von Arbeiten für das Thornhill-Orchester: Darunter einige ungewöhnliche Arrangements von "Anthropology" oder "Thriving On A Riff".

Eine individuelle Klangwelt
Der Grund, warum er so ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte, mag daran gelegen haben, daß er die Vitalität und Expressivität des Bebop bewahrte, diesen Kern der Musik aber in einen bis dahin ungehört raffinierten Rahmen bringen konnte. So fiel die Arbeit von Evans genau in jene Zeit, da das reine Energiespiel des Bebop sich zu verschleißen drohte - und Impulse von der Westküste kamen, sich stärker an neuen Formen und Abläufen zu orientieren und neue Klangkombinationen ausprobierten. Man wollte zudem den Rahmen des einfachen Quartett- oder Quintett-Formats weiten und die kreativen Reibungsflächen auch in neuen Instrumentenkombinationen suchen.
Seine spezifische Klangwelt gestaltete Gil Evans, indem er besonders die Blechbläser und die Tuba betonte und im Jazz eher unüblichen Instrumente wie Oboe oder Waldhorn einsetzte. So gewann er ein ganz neues, ungeheuer fein abgestuftes Spektrum an Klängen und Klangreibungen, die immer wieder an die flirrenden Klangschichtungen der klassischen europäischen Impressionisten erinnerten.

Gil Evans begriff sich in erster Linie als Arrangeur, nicht als Komponist. Seine Interpretation von Kurt Weills "The Barbara Song" auf "The Individualism..." enthüllt beispielhaft seine Strategie: Es ist keine "Coverversion" im herkömmlichen Sinne, sondern eine völlige Neugestaltung, eine Eigenkomposition auf der Basis melodischer Fragmente, die einem bekannt sein könnten. Evans verlagert die Intensität weg vom Rhythmus und hin zum Klang. Damit erreicht er eine Intensität, die ohne große und klischierte Gesten auskommt.

"The Individualism..." nutzt wie keine andere seiner Platten die divergierende Sprache des Klangs, den Reichtum einer Instrumentierung, die fern vom Jazz liegt - mit Harfe, Oboen, Flöten, Waldhörnern. Völlig unkonventionell war auch Evans' Kunst, die Solisten in den Ensemble-Klang einzubinden. Aber diesen Klang erzielte er auch, indem er für die festen thematischen Hauptlinien völlig überraschende Nebenlinien schrieb.
Das klang dann, als würde ein Bild in einem zerbrochenen Spiegel reflektiert: unerwartete Verdoppelungen tauchen auf, neue Blickwinkel öffnen sich und leicht verfremdete Auffächerungen ergaben sich daraus. Bei dem Stück "El Toreador" etwa fungiert das Orchester nicht einfach nur als Grundierung für das Trompetensolo, es erscheint im Wechsel als Vor-Echo und Nach-Hall. Palimpsestartig legt Evans die Klangschichten übereinander, läßt die Rhythmen subtil gegeneinander laufen - wie in "Proclamation", einem Musterbeispiel abstrakter Klangmalerei, die jedem zeitgenössischen Komponisten zur Ehre gereicht hätte.

Obwohl sein Orchesterklang einen ganz spezifischen, jederzeit identifizierbaren Charakter besaß, kultivierte Gil Evans zeitlebens eine undogmatische Offenheit in der Art, neue Tendenzen vorbehaltlos zu akzeptieren und aufzugreifen. So plump der Albumtitel zunächst auch erscheinen mag, "The Individualism Of Gil Evans" bezeichnet exakt dies: das Genie der Einzigartigkeit. Text: Harry Lachner





Gil Evans: "The Individualism Of Gil Evans"
Verve 833 804-2
Aufnahme: 1963/1964

Erstellt: 08-09-06
Letzte Änderung: 28-11-08