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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 05/01/10

Giampaolo Simi: Camorrista

Die Cosa Nostra, die Camorra, die N’drangheta – allmählich lernt man auch in Deutschland das Wort Mafia in seinen regionalen Varianten zu buchstabieren. Spätestens mit dem Mord an sechs Italienern in Duisburg 2007 ließ sich nicht länger verheimlichen, was Kriminalisten schon lange bekannt war: Deutschland ist ein Rückzugs- und Aufmarschgebiet italienischer Organisierter Kriminalität.  So kann ein Verlag, der den schlichten italienischen Titel „Rosa elettrica“ („Elektrische Rosa“) in ein pompöses „Camorrista“ überträgt, mit einem gewissen Vorverständnis des Publikums rechnen. Doch wer nun dem roten PR-Aufkleber traut, der „Il Manifesto“ zitierend einen „authentischen“ Einblick in die Strukturen der neapolitanischen Camorra à la Saviano erwartet, wird enttäuscht: Giampaolo Simis „Camorrista“ ist anders und – unter uns gesagt: besser – als das überbewertete „Gomorrha“.

Giampaolo Simi hat einen ebenso faszinierenden wie rasanten Roman verfasst, der vor allem im ersten Teil durch eine wirklich feine Variante des alten Spiels „Die Schöne und das Biest“ fesselt. Rosa hat ihren ersten echten Auftrag. Sie soll ein paar Tage lang, vorgeblich als seine Schwester,  in einem abgelegenen Kloster und Therapiezentrum einen  drogensüchtigen kleinen Gangsterboss betreuen. Trotz seiner gerade mal achtzehn Jahre hat es Cocíss bereits zum Capozona, zum Chef  des Viertels 167 gebracht. Cocíss heißt der Knabe mit den triefenden Nasenflügeln und dem weggeschnieften Geruchssinn angeblich nach dem Apachenhäuptling Cochise, doch später, nach einer Flucht durch halb Europa, erfährt Rosa, dass er nach einem Pitbull benannt ist, der heldenhaft zerfleischt wurde. Doch da sind sich die beiden näher gekommen, als es Rosa je gewollt oder befürchtet hat.

Rosa ist die Ich-Erzählerin, und Simi nutzt ihre Perspektive virtuos als Mittel zur generellen Verunsicherung. Der Leser ahnt selten mehr als sie. Rosa hat Philosophie studiert. Nach dem Bankrott ihres Vaters, der sich nun im Keller seines Hauses gegen die Steuerfahndung verbarrikadiert, hat sie das Studium abgebrochen. Aus ihrer halb abgeschlossenen Examensarbeit über Augustinus hat sie die Erkenntnis gerettet, dass es das Böse nicht gibt. Sie hat Erfahrungen als Supermarktkassiererin und als Verkehrspolizistin gesammelt – Voraussetzungen, die ihr nicht ausreichend erscheinen, um nun als Polizistin im Zeugenschutzprogramm allein auf sich gestellt eine explosive und unberechenbare Bestie zu betreuen, die Augustinus’ These augenscheinlich widerlegt. Geplagt von Selbstzweifeln, schlecht oder falsch informiert durch geheimnistuerische Vorgesetzte und irritiert durch das bizarre Machogebaren des drogensüchtigen Killers, stolpert Rosa schlaflos dahin. Phantasiert sie, phantasiert Cocíss, als er sich in ihrer klösterlichen Abgeschiedenheit beobachtet glaubt? Sind die Kollegen, den sie den Kronzeugen übergeben soll, echt? Kann sie ihrem Chef, dem charismatischen Dr. d’Intró trauen? Simi gelingt es, die subalterne Perspektive einer überforderten Befehlsempfängerin so irritierend schwach zu machen, dass man ihr die Annäherung an den kleinen Rüpel gerade glaubt, und doch so stark, dass man ihr die kleinen Heldentaten abnimmt, zu denen sie sich durch Beobachtung Intuition und schlichte Reaktion provoziert fühlt.

Wie Leonardo Sciascia kehrt Simi das Gesetz des Schweigens gegen seine Verfechter: Kein Straßenname und nur sehr wenige Ortsangaben, darunter so exotische wie Bremen/Innenstadt verweisen auf eine außerliterarische Realität. Ob es sich bei Cocíss um einen Camorrista handelt, also um ein Mitglied jener eben nicht namentlich exakt fixierbaren Mafiastruktur aus Neapel oder um das Mitglied einer anderen Bande, bleibt offen. Nicht die Benennung von Orten und Namen, sondern die analytische Deskription psychischer und sozialer Strukturen ist Simis literarische Anti-Mafia-Strategie. Hierin, auch in der Ich-Perspektive des Erzählens, ist „Camorrista“ mit einem leider viel zu wenig wahrgenommenen hervorragenden anderen literarischen Porträt eines Camorrista zu vergleichen, mit Federico de Filippos „Gezeichnet“.

Simi ist eine Entdeckung. (Auch wenn er seinen unsentimental düsteren und folgerichtigen Schluss durch ein bisschen zu viel Pathos verwässert.)

 

Tobias Gohlis/Arte 16.12.09

Die Polizistin Rosa soll den jungen Camorraboss Cocíss aus Neapel, der sich als Zeuge auf die Seite der Justiz geschlagen hat, bewachen. Denn eines ist klar. Sobald herauskommt dass er gesungen hat, ist sein Leben nichts mehr wert. Cocíss ist in den verwahrlosten Hochhäusern, wie wir sie aus der Saviano-Verfilmung Gomorrha kennen und wo sich garantiert nie ein Tourist hinverirrt, aufgewachsen. Dort sind bei einem Racheakt der Mafia auch zwei zufällig auf der Straße stehende Mädchen erschossen worden. Die Frage ist, war Cocíss der Mörder? Rosa versucht, den kaltschnäuzigen Verbrecher von einem Versteck ins andere zu begleiten und verstrickt sich dabei in Emotionen, die ihrem Job nicht förderlich sind. Cocíss ist halb verrückt, rauschgiftsüchtig und unberechenbar. Dennoch gelingt es ihm, Rosa davon zu überzeugen, dass  auch die Polizei von der Mafia unterwandert ist, und Rosa weiß bald nicht mehr, wem sie trauen soll. Sind die Kollegen wirklich dazu da, den Jungen zu schützen oder wollen sie einen gefährlichen Zeugen zum Stillschweigen bringen?  Aus einer Straßenfalle, bei der zwei Verkehrspolizisten scheinbar ganz zufällig das Auto mit Rosa und Cocíss kontrollieren wollen, entkommen sie knapp. Rosa entdeckt das Geheimnis des Jungen: Er ist Analphabet. Sie versucht, ihm bei der Jagd von einem Versteck ins andere das Lesen beizubringen. Giampaolo Simi ist kein Freund von übertriebener Gefühlsduselei. Der junge Camorraboss ist ein Kotzbrocken, Rosa naiv, der Rest der Truppe korrupt, die psychologischen Abgründe unauslotbar und das alles kann nicht zu einem konventionellen Ende führen. Camorrista hat Biss  und wird  verfilmt. Auch Rosa wird im nächsten Krimi wieder dabei sein.

 

Ingeborg Sperl/Der Standard Dezember 2009

KrimiWelt-Bestenliste Januar 2010

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 05-01-10