Schlechte Leistungen schwarz auf weiß, Schulverdrossenheit bei Lehrern und Schülern. Spätestens mit PISA, der Studie für einen internationalen Leistungsvergleich zwischen Schülern, deren erste Ergebnisse im Jahr 2000 Deutschland erschütterten, hat man hier zu Lande begriffen, dass unser Schulsystem verändert werden muss. Die deutsche Bildungsmisere sowie eine Gesellschaft im Wandel mit immer mehr berufstätigen Frauen und einem veränderten sozialen Gefüge haben die Debatte um Ganztagsschulen in vielen Bundesländern ganz oben auf die Prioritätenliste gesetzt. Nächstes Jahr soll die Anzahl der bereits gut ausgebauten Ganztagsschulen fast verdoppelt werden. Über die Chancen eines wohl durchdachten Ganztagsschulkonzeptes und die Fehler, die es zu vermeiden gilt, sprach das ARTE Magazin mit dem Ganztagsschulexperten Stefan Appel.
In Europa haben nur noch Österreich, die Schweiz und Deutschland ein Halbtagsschulwesen. Worin sehen Sie die größten Nachteile der Halbtagsschule im aktuellen Kontext der Bildungsmisere?
Das Problem ist der getaktete Vormittag mit engem Korsett. Im 45-Minuten-Takt müssen wir eine Stundentafel absolvieren, die uns die Kultusminister vorgeben. Lernpsychologisch betrachtet – und auch die Ergebnisse der Gehirnforschung zeigen es – ist das der falsche Weg, man kann ein Gehirn nicht vollladen wie eine Festplatte. Wir brauchen mehr Zeit für Kinder und andere Lernformen: individuelles, selbstständiges, kreatives und Fächer übergreifendes Lernen.
Die Kultusministerkonferenz definiert Schulen, die an drei Tagen ein ganztägiges Programm und Mittagessen anbieten, als Ganztagsschulen, aber das ist von einem Gesamtkonzept ja weit entfernt...
Diese Definition ist eine sehr verwässerte. Ganztagsschule darf nicht als verlängerte Halbtagsschule mit Suppenausgabe verstanden werden oder als Schule mit Hort. Diese Schmalspurversionen, die im Moment auch als Ganztagsschulen verkauft werden, machen uns große Sorgen. Alle großen Modellschulen in Deutschland sind gebundene Ganztagsschulen*, weil sie eine hohe Effizienz an Leistung und Sozialerziehung bringen. Aber wir sind nach wie vor ein Halbtagsschul-Land, man kann niemanden zu der gebundenen Form zwingen. Deshalb gibt es die offene Ganztagsschule*, deren Schwäche jedoch der rigide getaktete und anstrengende Unterricht am Vormittag ist. Das den Unterricht ergänzende Angebot an Fördermaßnahmen, AGs etc. haben natürlich beide Modelle. Unverantwortlich ist es, mit einer Cafeteria alles abdecken zu wollen: Essen, Spielothek, Bibliothek etc. Das ist nicht kindgerecht.Die Länder, die in der PISA-Studie gut abgeschnitten haben, haben ein gebundenes Ganztagsschulsystem, so auch der Sieger Finnland. Ist dieses Konzept mit dem unsrigen vergleichbar?
Ein wenig. Aber nicht das Ganztagsschulkonzept allein ist die Lösung. Es macht nur ein anderes Lernen erst möglich. In Finnland wird jeder Schüler dort abgeholt, wo er sich in seinem Lernen befindet. Wir brauchen in erster Linie mehr Zeit, um auf die Schüler einzugehen und dürfen nicht einfach selektieren nach dem Motto: Du bist auf der falschen Schule. Seit PISA hat sich der Trend zu selektieren jedoch noch verstärkt. Das zeigen all diese Diskussionen um Standards und Prüfungen, die ja das System nicht ändern.
Frankreich hat ein Ganztagsschulsystem, der Unterricht ist ja aber nur auf den ganzen Tag verteilt ...
Richtig, das ist eine „Paukschule“, d.h. es gibt kein freizeitpädagogisches Programm. Ähnlich sind auch die Schulen in Großbritannien. Das hat mit unserer Reformpädagogik wenig zu tun.
Sie leiten eine offene Ganztagsschule in Kassel. Wie läuft ein Schultag in Ihrer Schule ab?
Die Schüler haben vormittags Unterricht und gehen dann Mittag essen. Danach können sie die Hausaufgaben-Betreuung wahrnehmen, außerdem gibt es Förderstunden für besonders begabte und für schwache Schüler. Sie können sich zudem in den offenen Freizeitbereich begeben: in die Cafeteria, zum Tischtennis oder in die Bibliothek. Den Rest der Zeit verbringen sie in einer Hobbygruppe oder AG, z.B. im Schüler-Reisebüro: das ist eine kleine Firma, die Klassenfahrten ausarbeitet. Unser Angebot umfasst 75 AGs und Projekte.
Klingt fast nach „Paradies Schule“. Ist das auch die Realität?
Nein, es gibt auch Nachteile. Als offene Ganztagsschule können wir den Vormittag nicht so verändern, wie es wünschenswert wäre. Wie die meisten Ganztagsschulen arbeiten wir mit einem Mischsystem, d.h. in den unteren Jahrgängen gibt es eher verbindliche Nachmittage, in den oberen Jahrgängen weniger, denn die Älteren haben ja größere Freiheitsbedürfnisse.
Gibt es Studien über positive Auswirkungen von Ganztagsschulen?
Nein. Aber Sie merken dort ein anderes Sozialklima. Apathie, Schulverdrossenheit und Zerstörungen finden Sie dort eher selten. Die Schüler lernen den ganzen Tag den Umgang miteinander. Zudem bieten diese Schulen sehr viele Möglichkeiten für Kreativität, für freies Lernen, für Freundschaften, Neigungen. Es ist eine Lebensschule ganzheitlicher Art.
Sie sehen also nicht die Möglichkeit, dass mehr Zeit in der Schule auch Kreativität oder Individualität im positiven Sinne kosten kann?
Doch, wenn man Ganztagsschule als verlängerte Halbtagsschule sieht, nur Unterricht draufbrummt, Freizeit verplant, Gruppen festlegt und keine Rückzugsmöglichkeiten schafft. Doch wenn die Umwandlung gut durchdacht ist, macht sich häufig eine richtiggehende Euphorie breit, denn diese Schülergeneration kennt sowohl das Vorher als auch das Nachher.
Vier Milliarden Euro hat die Bundesregierung zur Schaffung von Ganztagsschulen bereitgestellt, aber nur für die Sachausstattung. Personalbedarf hingegen ist Ländersache... Wie finanziert sich eine Umstellung?
Das ist ein Dilemma. Die Länder, die die Bundesmittel abrufen, bekommen große Probleme im eigenen Haushalt, denn sie müssen nach erfolgter Ausstattung auch für Personal sorgen. Man sucht häufig als Ergänzung ehrenamtlich arbeitende Partner oder außerschulische Honorarfachkräfte. Das sind aber oft nur unzureichende Lösungen.
Wird von den Lehrern Mehrarbeit erwartet?
Nein. Aber eine Umstellung. Der Lehrer in Deutschland müsste sich mehr als Pädagoge begreifen. Eine Halbtagsschule, die auf Ganztagsschule umstellen will, muss es mit dem Votum der Lehrer tun. Alles andere wäre für die Kinder fatal. Pädagogisch und finanziell sinnvoll ist eine Professionenmischung der pädagogischen Kräfte. Auch Honorarmittel können einbezogen werden, es gibt interessante Mischformen. In manchen Ländern ist die Umsetzung der Professionenmischung aber problematisch, weil zwei Ministerien, Kultus- und Sozialministerium, bei der Einstellung von pädagogischem Personal zuständig sind.
Ist Deutschland schon im Umbruch zum Ganztagsschulland?
Nein. Wir haben etwa 48.000 Schulen und ich rechne im Augenblick, weil es keine verlässliche Statistik gibt, mit 2.700 voll ausgebauten Ganztagsschulen und 3.700 Schulen, die irgendetwas nachmittags tun, obwohl Frau Bulmahn von 8.000 Ganztagsschulen im Jahr 2005 spricht. Aber es tut sich etwas. Im gesamten Bundesgebiet hat sich die Debatte belebt.
Das Gespräch führte Nina Vey für das ARTE Magazin.
ARTE PLUS
*Ganztagsschul-Modelle:
Unterschieden wird vor allem zwischen „gebundener“ und „offener“ GTS. Erstere rhythmisiert, verteilt also den Unterricht und das freizeitpädagogische Angebot über den Tag: Phasen der Anspannung und Entspannung wechseln.
Die offene Form belässt den Unterricht vormittags und hat nachmittags ein ebenso breit angelegtes Angebot an Freizeitmöglichkeiten, AGs, Projekten, Hausaufgabenbetreuung und Förderkursen, das freiwillig genutzt wird. Daneben gibt es auch Mischmodelle.
Literatur:
„Handbuch Ganztagsschule“, Stefan Appel (unter Mitarbeit von Georg Rutz), Praxis – Konzepte – Handreichungen, Wochenschau Verlag 2003
Links:
www.ganztagsschulverband.de
www.ganztagsschulen.org
www.ganztagsschule.rlp.de
www.schulen-ans-netz.de/sdm/2004/8.php

Grafik von Vanessa Wulkow, 9b, Gymnasium Hohenbaden.
Bild von Sven Tribull, 9c, Gymnasium Hohenbaden.






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