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DIETER WEDEL - 17/12/09

GIERIG SIND WIR ALLE!

Mit aufwendig gedrehten Mehrteilern hat er sich einen Namen gemacht: Was Dieter Wedel auch tut – es erregt Aufsehen. Das ARTE Magazin sprach mit ihm über „Gier“.

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Dieter Wedel hat ein Faible für brisante Geschichten, sein Gefallen an zwielichtigen Figuren und seine Filme sagen viel über ihren Macher aus, Enfant terrible, Frauenheld, Egomane am Set. Unprätentiös offen und in Plauderlaune erlebt man Wedel hingegen im Interview zu Hause in Hamburg.

ARTE Magazin: Beruht Ihr TV-Zweiteiler „Gier“ tatsächlich auf wahren Begebenheiten?
Dieter Wedel: Fiktion muss glaubhaft sein, deshalb recherchiere ich alles. Unter anderem habe ich den Hamburger Hochstapler Jürgen Harksen im Gefängnis besucht, er hat seinen Investoren Millionen abgeluchst und ihr Geld verprasst. Aber ich habe auch andere Betrüger und ihre Opfer befragt. Hier bei mir saßen Vorstände von Banken, die erzählten mir ihre Geschichten: „Herr Wedel, unter uns, aber das dürfen sie nicht verwenden“ – und dann sagten die mir noch: „Können Sie nicht mal einen Film machen, wo ein Banker positiv rüberkommt? Wir würden das auch unterstützen …“

ARTE Magazin: Eine schöne Szene in „Gier“ zeigt, dass gerade reiche Menschen einen Scheck immer noch ein wenig festhalten, bevor sie ihn aus der Hand geben.
Dieter Wedel: Das ist eine Beobachtung von Jürgen Harksen. Das hat er mir damals erzählt. Je reicher, desto geiziger! Oder aber das andere Extrem: „Herr Wedel, Sie müssen mal auf meine 15-Millionen-Jacht kommen. Da bekommen sie 200-Euro-Gambas und einen 500-Euro-Wein“. Da geht es nicht mehr um den Wert, sondern um den Preis, die Vermarktung. Das gilt auch für Bücher, Filme, Schauspieler. Es ist unerträglich.

ARTE Magazin: Ihr Film ist gespickt mit Bibelzitaten.
Dieter Wedel: Anlageberater sind nichts anderes als Sektengurus und Heilsführer. Sie sagen: „Gib mir jetzt, gehorche mir. Irgendwann in ferner Zukunft wirst du belohnt.“ Ich habe Tukur dann auch absichtlich in einen hellen Anzug gesteckt, wie einen Sektenführer. Und seine gierigen Kunden tanzen um ihn herum wie Jünger.

ARTE Magazin: Warum fallen Menschen darauf herein?
Dieter Wedel: Gierig sind wir alle. Aber ein Anwalt, der solche betrogenen Anleger vertritt, sagte mir neulich, dass das größte Problem bei seinen Mandanten deren Gutgläubigkeit sei. Sie sind einfach nicht bereit, zu akzeptieren, dass sie reingelegt worden sind.

ARTE Magazin: Geht es denn nur um Profit?
Dieter Wedel: Es geht um mehr als das. Die Anleger wollen Auserwählte sein, auch das haben sie mit Sektenanhängern gemeinsam. Sie wollen Freundschaft, Luxus, ein aufregendes Leben.

ARTE Magazin: Dieter Glanz hat einen ausgefallen Lebensstil mit schönen Frauen, Parties. Gibt es Parallelen zu Ihnen?
Dieter Wedel: Er ist ein Geschichtenerzähler – genau wie ich. Dieter heißt er auch nicht ganz zufällig. Natürlich finde ich mich auch in den anderen Rollen wieder, zum Beispiel im naiven, ehrlichen Andy. Ich schreibe immer auch über mich selbst, nur so bringt es Spaß!

ARTE Magazin: Was sagen Sie zu Ihrem Ruf als Enfant terrible unter den deutschen Regisseuren?
Dieter Wedel: Wenn etwas schief läuft bei einem Dreh, kann ich entsetzlich toben. Aber die besten Schauspieler sind mir unglaublich treu und das sagt doch alles. Schwieriger ist es mit Produzenten und Fernsehredakteuren. Man sagt mir „dein Job ist es, dem Publikum zu gefallen“. Aber wenn jemand zu faul zum Kauen ist, darf ich ihm da nur Brei servieren? Oder muss ich ihn nicht hin und wieder zum Kauen motivieren, weil ihm sonst die Zähne ausfallen?

ARTE Magazin: Wilde Partys, Macht, Männer mit Knarren: Man sieht Ihren Filmen an, dass Sie sich dabei königlich amüsieren.
Dieter Wedel: Das sehen Sie richtig. Seit vielen Jahren wird mir zum Beispiel derselbe Regiestuhl hinterher geschleppt. Ein amerikanischer Regiestuhl, etwas erhöht. Darauf sitze ich wie auf einem kleinen Thron und schaue über alles hinweg, herrlich. Wer als Regisseur nicht das Gefühl hat, „ich darf mit der großen elektrischen Eisenbahn spielen“, der sollte keine Filme machen.

DAS INTERVIEW FÜHRTE JANA BUCHHOLZ


ARTE PLUS


DIETER WEDEL:
verschweigt sein Geburtsjahr; Regisseur und Drehbuchautor, seit 2002 Leiter der Nibelungenfestspiele in Worms; lebt in Hamburg und auf Mallorca
FILMOGRAPHIE:
„Mein alter Freund Fritz“ (2007), „Papa und Mama“ (2006), „Die Affäre Semmeling“ (2002), „Der König von St. Pauli“ (1998), „Der Schattenmann“ (1996), „Der große Bellheim“ (1993), „Schwarz Rot Gold“ (1982-1985), „Alle Jahre wieder – die Familie Semmeling“ (1976); „Einmal im Leben – Geschichte eines Eigenheims“ (1972)

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 17-12-09