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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

08/10/13

Franz Schubert, Streichquintett C-Dur

mit Pablo Casals, Paul Tortelier, Issac Stern u. a.


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Prades ist ein südfranzösisches Städtchen, nicht weit entfernt von der spanischen Grenze. Es gibt dort nur ein paar Heilquellen, Weinbau und Landwirtschaft – ein unscheinbarer Ort. Bis es 1939 Pablo Casals nach Prades verschlug. Casals, der weltberühmte katalanische Cellist, war mit seiner Familie vor dem spanischen Bürgerkrieg und dem Terror der Franco-Nationalisten in das Pyrenäenstädtchen geflohen und überlebte dort die Bedrohungen durch den Faschismus in Spanien und dem von Hitlerdeutschland besetzten Frankreich. Insgesamt blieb er 16 Jahre – und machte Prades bekannt in aller Welt.

Pablo Casals hatte sich während des Kriegs vom internationalen Konzertbetrieb völlig zurückgezogen. Er führte in Prades ein bescheidenes Emigrantenleben, gab gelegentlich Benefizkonzerte zugunsten spanischer Flüchtlinge und unternahm nur kleinere Tourneen durch die Schweiz und nach England. Die musikalische Welt hatte von Casals lange nichts mehr gehört. Unmittelbar nach Kriegsende pilgerten die ersten Celloschüler nach Prades, um bei ihm Unterricht zu nehmen. Von seinem Freund, dem Geiger Alexander Schneider, liess er sich schließlich überreden, wieder aktiver am Musikleben teilzunehmen. Casals und Schneider riefen 1950 ein kleines Musikfestival ins Leben, zu dem in den folgenden Jahren erstklassige Musiker aus Europa und den USA an den Fuß der Pyrenäen reisten. Ein kleines Orchester wurde gegründet, aber vor allem spielte man Kammermusik in verschiedensten Besetzungen. Prades war im Nachkriegseuropa plötzlich ein bedeutender Ort der Kunst. Von der amerikanischen Schallplattenfirma Columbia Artists wurde das Festival finanziert. Das Unternehmen nahm schnitt alle Konzerte mit und legte so einen wahren Schatz an hochkarätigen Musikdokumenten an.

1952 spielten Isaac Stern, Alexander Schneider, Milton Katims, Paul Tortelier und Pablo Casals das C-Dur-Streichquintett von Franz Schubert in Prades. Ihnen gelang eine Jahrhundertinterpretation, die bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt hat. Die Nähe zur traumatischen Kriegszeit, die im Exilort Prades gewiss allenthalben zu spüren war, hört man der Aufnahme an: Musik wurde mit jedem Ton als existenzielle menschliche Äußerung verstanden.

Fünf überragende Solisten waren da am Werk, die ihre Individualität nicht verleugneten und für dieses Stück trotzdem zu einer traumwandlerischen Übereinkunft zusammenfanden. Die Formation war ein Mix aus ganz unterschiedlichen Temperamenten und Generationen: Isaac Stern stand mit 32 Jahren noch am Anfang seiner großen Karriere, vor allem im Scherzo-Satz kann man hören, welche Brillanz und Klangsüße er seinem Spiel zu verleihen vermochte. Demgegenüber ragte Casals mit seinen 76 Jahren aus einer anderen, fast vergangenen Epoche in das Quintett. Er hatte schon viele Jahre zuvor mit Alfred Cortot und dem Geiger Jacques Thibaud ein legendäres Klaviertrio gebildet. Gleichermaßen verströmt Casals in dieser Aufnahme Altersautorität und Altersfuror: Machtvoll ist sein Ton, markant und leidenschaftlich fällt er mit seiner Cellostimme ein, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen. Gemeinsam mit Paul Tortelier verleiht er der Interpretation ein dunkles, wahrhaft in der Tiefe gründendes Klangfundament. Es ist überhaupt der Klang, von dem man in dieser Schuberteinspielung sofort gefesselt ist, seiner Wucht, seiner Fülle, seiner Kraft. Milton Katims (Jahrgang 1909), der Solobratschist und Assistent von Toscanini im NBC Symphony Orchestra war und der begnadete Kammermusiker Alexander Schneider (Jahrgang 1908), der elf Jahre lang im berühmten Budapest-Quartett gespielt hatte, tragen dazu in den Mittelstimmen entscheidend bei. Das Spiel der fünf Musiker ist hochpräzise – und wirkt doch spontan, wie aus dem Augenblick heraus geboren.

So taucht man mit dieser historischen Aufnahme ganz ein in Schuberts Endzeitwerk, das er zwei Monate vor seinem Tod komponierte – eine Musik tiefster Depression und überirdischer Entrückung. Wie immateriell und aller Zeitlichkeit enthoben das Adagio beim Stern-Casals-Quintett vorüberzieht, wie das selige Singen in den Kantilenen des Mittelteils schier kein Ende nimmt. Welche Gereiztheit und Getriebenheit die Musiker dem vermeintlichen Übermut des Scherzos ablauschen. Wie sie der Grinzinger Tanzbodenlaune des Schluss-Allegros von Anfang misstrauen: Breit nehmen sie das Tempo, zögerlich, fast zurückschreckend vor dem Schwung. Und zu einer geradezu schockierenden Leichenblässe und Todtraurigkeit lassen sie die Musik vor dem Schlussteil erstarren. Schuberts Verzweiflungsabgründe – 1952 in Prades haben fünf Musiker ganz tief in sie hinabgeschaut.

Franz Schubert: Streichquintett C-Dur
Isaac Stern (Violine), Alexander Schneider (Violine),
Milton Katims (Viola), Paul Tortelier (Violoncello),
Pablo Casals (Violoncello)
CBS Masterworks 44853; Vertrieb Sony

Erstellt: 28-07-04
Letzte Änderung: 08-10-13