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Sonetto 104 del Petrarca (Real audio, 2'33")Ist Liszt in erster Linie Dichter? Oder etwa ein provokanter, dämonischer Virtuose? Ist er vielleicht ein allzu avantgardistischer Intellektueller, wie Schönberg es ihm vorwarf? Hat er, um seine Worte aufzugreifen, „den Dichter getötet, der in ihm war“, oder hat er im Gegenteil durch musikalische Übertragung einen poetischen Raum geschaffen, eine Welt für sich, die in einer grundverschiedenen Form etwas von der Literatur und der Malerei auszudrücken vermag? Diese Fragen sind nur schwer in ein paar Zeilen zu beantworten.
Zweifellos begegnet man bei Liszt einer manchmal unnötigen Virtuosität und einer Systematik in der Komposition. Allerdings wird man kaum behaupten können, dass zum Beispiel im Falle des Deuxième Année de Pèlerinage das Betrachten von Kunstwerken und die Lektüre von Petrarca und Dante ohne musikalische Folgen geblieben wären.
Schönbergs Vorwurf beruht auf einer meines Erachtens unvollständigen Analyse, die besagt, Liszt habe unbedingt die Dichter sprechen lassen wollen und aus dieser Bescheidenheit heraus eine Poesie zweiten Ranges verfasst. Im vorliegenden Fall jedoch liegt der Ursprung der musikalischen Visionen vielmehr in dem ästhetischen Schock, den die Werke auf den Komponisten ausübten. Über den Sinn einer Übertragung lässt sich streiten, doch die Möglichkeit der Umsetzung von einer Form in die andere ist ohne Zweifel gegeben: So gibt Liszt die verborgenste Bedeutung eines literarischen Werkes oder eines Gemäldes wieder, indem er ein nicht weniger geheimnisvolles Spiel mit Zusammenhängen treibt.
Libor Nováček versucht, diese Fragen musikalisch zu beantworten, indem er dem Zyklus ein hoch virtuoses Stück anfügt, das bei aller Überschwänglichkeit auch mit der literarischen Welt in Verbindung steht. Dies ist durchaus kein törichter Einfall, denn der Mephisto-Walzer findet so zu seinem eigentlichen Kontext zurück und weist darauf hin, dass die Virtuosität bei Liszt selten nur ein fingertechnisches Feuerwerk darstellt. Somit gelingt dem Pianisten eine kraftvolle Demonstration, wenngleich der Mephisto-Walzer, den uns schon die größten Virtuosen dargeboten haben, paradoxerweise bei Libor Nováček fast ein wenig zu brav klingt.
Ansonsten passt sein Klavierspiel wunderbar zu den Seiten, die es zum Leben erwecken soll. Die Klangfarben des Klaviers, die Klarheit der Linien, die Abstufung der Klänge: All dies verleiht den Stücken eine einzigartige Form und entfacht eine mysteriöse Stimmung, die man gern als „poetisch“ bezeichnen würde, wenn nicht die Gefahr bestünde, sowohl das Werk als auch die Darbietung auf eine einzelne Vokabel zu reduzieren. Denn was wir hören, ist nicht nur Musik, und doch nichts anderes als Musik. Letzten Endes ist es dem Hörer gleichgültig, ob sich jenseits der Noten und Rhythmen eine Welt der Bilder oder Wörter verbirgt. So gesehen ist diese Interpretation von Liszt ein vollkommener Erfolg...
Mathias Heizmann






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