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Rendez-vous littéraire

Die Gewinner des Übersetzungsexperiments stehen fest!

Rendez-vous littéraire

Rendez-vous littéraire. Ein französisch-deutsches Literaturfest - 27/04/10

François Beaune und André Kubiczek

TANDEM : "Komik und Groteske" aus der Sicht von François Beaune und André Kubiczek

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In Kooperation mit der Akademie der Künste in Berlin


François Beaune: Das Groteske,
ein Fall für die Höhlenforschung

Was ist das Groteske? Das Groteske ist das auf den Kopf gestellte, ungeheuerliche und verrückte Ökosystem der Grotte. Und das groteske Wesen? Das Produkt seiner Grotte. Vor ein paar Jahren hat man das zweifellos schönste Exemplar entdeckt, den Dabbelju. Der Dabbelju lebt in einer Grotte in Texas. Die hat er als Ranch ausgebaut, damit er es sich mit seinen Stuten so richtig gemütlich machen kann.

Der Dabbelju liebt Waffen und ganz besonders Revolver, weil er ihnen seine grenzenlose Freiheit verdankt. Wenn der Dabbelju auf den Journalistenrummel geht, versteckt er seinen Kopf hinter einem Stehpult, und die Journalisten stellen keine Fragen, sondern werfen mit Schuhen nach ihm – für das Gesicht gibt es 100 Prozent Einschaltquote, für die Ohren 50 usw. Außerhalb seiner beschützten Ranch ist der Dabbelju völlig hilflos.

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François Beaune
Biographie und Bibliographie
Sitzt er beispielsweise im Klassenzimmer einer Grundschule und erfährt, dass einer der Türme des World Trade Center angegriffen wurde, verfällt er in Schockstarre und verhält sich ungefähr wie ein Bildschirm im Stand-by-Modus (siehe Fahrenheit 9/11 von Michael Moore). Wenn sein Berater nochmals hereinkommt und ihm mitteilt, dass nun auch der zweite Turm brennt, verkriecht er sich noch ein bisschen mehr hinter seinem Schulbuch. Anders gestylt würde der Dabbelju eine hervorragende Manga-Figur abgeben. Diese japanische Kunstform setzt das Groteske ziemlich exzessiv ein. Superhelden haben kolossale Fähigkeiten und die Probleme zurückgebliebener Kinder - ganz gleich, ob es alte Männer sind, die eigentlich weise sein sollten oder Monster, die beim Anblick einer 7- oder 8-Jährigen erröten. Ihre bunten Igelfrisuren sind magischer Irrealismus.

Vor ein paar Jahren wollte ich ein Schutzgel auf den Markt bringen. Bei Zusammenstößen hätten sich die Haare aufgestellt und so die Anwender abgeschirmt. Ein zuverlässiger Schutz (ich hatte das Produkt Hairlmet getauft) für die Köpfe unserer Kinder. Aber auch für unsere eigenen: Endlich hätten wir nicht mehr diese schrecklichen Helme tragen müssen, die uns beim betrunken Harley fahren den Spaß verderben. Leider hat der Chemiker nie die richtige Formel gefunden.

Das Groteske hat mich schon immer fasziniert. Meine erste Theaterfigur war Victoria, ein in Vergessenheit geratener Rockstar aus den 80ern. Sie erzählt, dass sie ohne Zehen auf die Welt gekommen sei und ihr Vater mit der Flex nachgeholfen habe. Ihre gesamte Kindheit über sei sie mit Wildgräsern ernährt worden, das erkläre ihren grünlichen Teint auf den Familienfotos. Das war selbst Ende der sechziger Jahre unüblich, und nicht einmal in der Ariège, einem abgeschiedenen Departement in den Pyrenäen, pflegte man so mit Mädchen umzugehen, obwohl die Leute sich dort noch heute mehr vor Bären als vor der Klimaerwärmung fürchten.

Für den Monolog von Victoria hatte ich mich von Ambrose Bierce inspirieren lassen, einem Großmeister des Grotesken. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb er Kolumnen für Zeitungen im Westen der USA. Einige wurden unter dem Titel Tall Tales zusammengetragen, „larger-than-life“ Erzählungen, die maßlos übertriebene Situationen zeigen.

Die Novelle Oil of dog erzählt die Geschichte eines Apothekers, der aus Hundekadavern Heilöl gewinnt (er nennt es Oil Can). Eines Tages fällt versehentlich eines seiner Kinder in den Kessel. Der Professor stellt fest, dass sich die Qualität des Öls verbessert hat, destilliert seine gesamte Nachkommenschaft und bald auch die von anderen Leuten. Dieses groteske Zufallsprodukt der Wissenschaft könnte heute nutzbringend wieder aufgelegt werden. Das Kinderöl (in Anlehnung an die Ballade der grotesken Guns’n’Roses sollte es Baby don’t cry tonight heißen) würde nicht mehr zu medizinischen Zwecken, sondern als Ersatzkraftstoff eingesetzt. Da der Treibhauseffekt bekanntlich zu einem großen Teil auf das Bevölkerungswachstum zurückgeht, würde man so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen (und wir könnten uns endlich dem Problem der Bären in den Pyrenäen zuwenden).

Das Groteske ist das überauthentische Unwahrscheinliche, wir nehmen es hin wie einen Zerrspiegel, akzeptieren unsere Karikatur. Ein Wasserspeier ist die übertriebene Darstellung einer Katze oder eines Pferds, ein groteskes Wesen jedoch die Übertreibung unseres Selbst. Erstaunlich: Gerade weil die Figur so wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat, können wir uns in sie hineinprojizieren - in dieser Maßlosigkeit finden wir uns am Besten wieder. Denn das Groteske ist lebendig und zugleich lustig, anziehend und bedrohlich. Das Groteske verweigert sich. Es ist unberechenbar und allgegenwärtig. Grotesk schreiben heißt für einen Schriftsteller, diese Grotten und Höhlen zu erforschen, den Abstieg ins Seltsame zu wagen.

Er muss in den Untergrund, das tiefste Innere und damit in den Teil seiner Seele vordringen, der sich instinktiv gegen das Prinzip der natürlichen Selektion wehrt. Die Bewohner der Grotten unter-leben in uns und anderen, sie nutzen diese Nischen, Orte eines extremen Lebens. Wir müssen sie wieder ans Licht bringen, zu neuem Leben erwecken, zum Sprechen ermutigen.


Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz


Mehr Informationen zum Festival finden Sie auf der Website der Akademie der Künste unter www.adk.de/rendez-vous
André Kubiczek: Wind, der Ohren entzündet

Ich gehe auf die Straße, weil ich keine Müllbeutel mehr im Haus habe. Vor der Drogerie parkt ein Kinderwagen, ein grauer Buggy, der trotz des Spätsommers mit einem Schaffell gepolstert ist. Durch die aufgeschlitzte Schaumstoffummantelung scheint das Aluminium des Schiebebügels durch. Im Korb liegen Süßigkeitenverpackungen, eine Plastikflasche, Buddelförmchen. Eigentlich ist es ganz normaler Kinderwagen, bloß in dieser Gegend hier, in der ich wohne, wirkt er schäbig.

Bist du’s, fragt eine Stimme, als ich mich der Drogerietür zuwende. Dort steht ein bulliger, kahlgeschorener Mann mit Kastenbrille. Er trägt ein Baby auf dem Arm, dessen Gesicht von Rotz und Schokolade verschmiert ist. Ja, sage ich, als ich Lars erkenne, mit dem ich vor 30 Jahren zur Schule gegangen bin. Wie geht’s? Naja, sagt Lars, setzt das Baby in den Wagen, und weil es sofort zu greinen anfängt, reißt er die Prinzenrolle auf, die er eben in der Drogerie gekauft hat, und steckt ihm einen Keks in den Mund. Wie heißt es denn? Mia, sagte Lars, zweieinhalb. Hattet ihr nicht? Ich zeige auf Mia. Ja, sagt Lars, Elli. Als ich Ellie das letzte Mal gesehen hab, war sie… Acht, sagt Lars, wir haben gegrillt. Stimmt, du hattest Geburtstag. Lars löst die Wagenbremse, während Mia sorgfältig den Keks einspeichelt.

Und wie geht’s deiner Frau, frage ich, Maria, oder? Wir sind getrennt. Geschieden? Noch nicht. Lars läuft, den Buggy schiebend, los, und ich folge ihm, weil ich nicht an meinen Schreibtisch zurück will. Warst du schon im Urlaub? Lars legt die angebrochene Keksrolle neben Mia ins Schaffell. Nein, kein Geld. Außerdem muss ich arbeiten. Komm doch einfach mit, sagt Lars. Wohin denn? An die Ostsee. Ich hab’ eine Wohnung gemietet. Wir war’n da früher schon immer, mit Maria. Ach nee, lass mal. Du brauchst nichts zu bezahlen. Darum geht’s nicht. Worum dann? Wir stehen vor einem Straßencafé, das den Müttern des Viertels gehört. Zwei von ihnen rühren im Kaffee und mustern die verschmierte Mia. Na gut, sage ich, um weiterzukommen. Bist du eigentlich noch an der Uni? Nächstes Jahr läuft die Stelle aus.

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Biographie und Bibliographie
Durch die heruntergeklappten Fenster des polnischen D-Zugs strömt Fahrtwind in den Gang. Die Leute trinken Bier, rauchen, blinzeln in die Sonne. Wir haben ein leeres Abteil gefunden, Mia schläft und Elli drückt die Tasten ihres Gameboys. Später als wir am Misdroyer Bahnhof auf ein Taxi warten, erzählt Lars, dass das Berliner Bürgertum hier früher die Ferien verbracht habe. Ich war noch nie hier und kenne den Ort dennoch. Das Taxi setzt uns vor einem Punkthochhaus ab, in dem die Ferienwohnung liegt. Elli hebt Mia in den Buggy und schiebt dann den Wagen in Richtung Dünen, die hinter der Straße beginnen. Sie ist aufgeregt.

Das Meer rauscht, den Geruch der Ostsee ist ein Geruch aus der Kindheit. Siehst du das Haus neben unsrem, frage ich Lars und halte ihm meine Zigarettenschachtel hin. Er wendet den Blick von den Kindern ab und folgt mit den Augen meinem Zeigefinger. Das Hotel? Ich hab letztens einen Film gesehen, der genau da gespielt hat. Im Hotel? Im Hotel, am Strand, im Ort. Er hieß Die Klassenfahrt oder so ähnlich. Im Kino? Auf Arte.

Wir stehen auf der Straße, das Gepäck zu unseren Füßen, und rauchen. Der Film handelt von der Abschlussfahrt einer Berliner Schulklasse. Der Protagonist ist einer dieser jungen Männer, wie sie oft auftauchen in den Arbeiten der sogenannten Berliner Schule: einzelgängerisch, nicht besonders hell, im Grunde asozial. Er verguckt sich in eine Klassenkameradin, die einen Flirt mit dem polnischen Bademeister begonnen hat. Aber das erzähle ich Lars nicht.

Die Saison ist vorbei, die Stadt bereitet sich auf die Winterruhe vor. Die Attraktionen gibt es nur noch auf Plakaten: Riesentrampolin, Schaumrutsche, den hydraulischen Spaceshuttle-Simulator. Entlang der Promenade reihen sich die Trucks aneinander und warten darauf, mit dem demontierten Kirmesplunder beladen zu werden. Elli ist enttäuscht. Zum Baden ist es zu kalt, was vor allem am Wind liegt, das Wachsfigurenkabinett ist öde, und ins Aquarium will sie nicht. Lars kauft ihr eine Bernsteinkette, Eis, Schaschlik.

Den Abend verbringen wir in der Fischräucherei gegenüber unserem Haus. Wir sitzen unterm knatternden Sonnenschirm, die Kragen hochgeschlagen und frieren. Die Servietten beschweren wir mit Aschenbechern, damit sie nicht wegfliegen. Du solltest ihr eine Mütze aufsetzen, rufe ich. Lars betrachtet Mia, die im Schaffell schläft. Stimmt, sagt er, sie neigt zu Mittelohrentzündung. Er holt eine rote Mütze hervor. Über die Ohren! Was? Zieh ihr die Mütze über die Ohren, schreie ich. Er tut es, und wir wenden uns wieder der Fischplatte zu.

Um neun sind wir in der Ferienwohnung zurück. Elli setzt sich vor den Fernseher, nachdem sie Mia ins Bett gebracht hat. Um zehn legen auch sie und Lars sich schlafen, ohne dass wir Pläne gemacht hätten. Ich schalte den Fernseher aus, räume die leeren Bierdosen weg, lösche das Licht und gehe auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Aber ich kann sie nicht anzünden, immer wieder bläst der Sturm das Feuerzeug aus. Die Balkonverkleidung rattert, Laub zischt durch die Luft, Äste brechen, und meine Ohren beginnen zu schmerzen.

Der Wind weht mir jetzt direkt in den Kopf. Er wird dort etwas anrichten, mich krank machen, doch ich kann nicht zum Arzt in Berlin, weil ich arbeiten muss. Ich trete ins Zimmer. Im Schein des Flämmchens sehe ich Mias rote Mütze auf der Sofalehne liegen. Ihr Stoff ist elastisch, ich brauche kaum Kraft, um sie über die Ohren zu bekommen. Zurück auf dem Balkon sind die Geräusche des Windes gedämpft, ist mein Kopf geborgen.

Am Horizont sehe ich die Seebrücke, von der sich der betrunkene Bademeister stürzt, weil ihn der Schüler zum Wettschwimmen überredet hat. Der Schüler aber springt nicht. Nachdem der Pole untergegangen ist, zieht er sich wieder an und geht. Eines weiß ich: Mias Mütze wird ausgeleiert sein morgen früh.

Erstellt: 15-04-10
Letzte Änderung: 27-04-10