„Das große Fressen“ von Marco Ferreri (1973)
„Das große Fressen“ ist eine fantastische Allegorie im militanten Geist der 70-er Jahre. Vier Freunde treffen sich an einem Wochenende, um sich gemeinsam zu Tode zu fressen: der Linienpilot Marcello (Mastroianni), der Restaurantbesitzer Ugo (Tognazzi), der Fernsehproduzent Michel (Piccoli) und der Richter Philippe (Noiret). Der Film zeigt ihre Fress- und Sexorgie bis ins Detail. Der schwarze Humor der Dialoge von Francis Blanche verstärkt noch das Gefühl der metaphysischen Verzweiflung, das der Film weckt. Mit schockierenden Szenen attackiert Ferreri die Konsumgesellschaft (die sich seither nicht gebessert hat) und macht dem Zuschauer die traurig-prosaische Dimension des menschlichen Körpers voll bewusst. Er zeigt die Funktionsweise der „Maschine Mensch“ - Essen, Bumsen, Schlafen, Scheißen - mit einer typisch italienischen Hemmungslosigkeit, die an den großen Fellini erinnert, ihn an Respektlosigkeit und Provokation aber wohl noch übertrifft.
Der gewünschte Knalleffekt blieb übrigens nicht aus: Bei den Filmfestspielen in Cannes pfiff das Publikum den Film aus, und man kann sich mit einem gewissen Vergnügen ausmalen, was für ein Gesicht wohl die damalige Juryvorsitzende, Ingrid Bergman, bei der Vorführung machte! Als Leckerbissen zum Abschluss der herrliche Kommentar von Philippe Noiret an die Kritiker bei der Pressekonferenz in Cannes: „Wir haben den Menschen einen Spiegel vorgehalten, und es hat ihnen nicht gefallen, sich darin zu sehen. Das zeugt von großer Dummheit.“
Der Uhrmacher von Saint-Paul von Bertrand Tavernier (1974)
Philippe Noiret in einer seiner schönsten Rollen: Er spielt sehr subtil den verwitweten Uhrmacher Michel Descombes, der eines schönen Morgens von der Polizei erfahren muss, dass sein Sohn einen Mann getötet hat. Bestürzt stellt der Vater fest, dass er seinen Sohn im Grunde nicht kennt. Sein Gegenpart Jean Rochefort ist ein Ausbund an Kälte und Heuchelei als bornierter, zynischer Inspektor. Der Film nach einem Roman von Simenon handelt von einem Mann, einer Stadt (Lyon) und einem bewegten politischen Kontext (1973 war in Frankreich der Streik in der Uhrenfabrik Lip in vollem Gange). Hat Descombes’ Sohn ein politisches Verbrechen oder einen persönlichen Racheakt begangen? Diese Frage steht nicht im Mittelpunkt des Films, der weder Krimi, noch politische Satire, noch Detektivgeschichte ist. „Der Uhrmacher von Saint-Paul“ erkundet vielmehr eine Vater-Sohn-Beziehung: Der Vater reagiert auf die Tat seines Sohnes zunächst mit Niedergeschlagenheit und Unverständnis, dann mit Wut, und schließlich fühlt er sich so sehr in seinen Sohn ein, dass er ein echtes soziales Bewusstsein entwickelt. Im Übrigen ist der Film einem Dichter gewidmet, der stets bemüht war, Unrecht durch Menschlichkeit zu bekämpfen: Jacques Prévert.
Wenn das Fest beginnt von Bertrand Tavernier (1975) 
Bertrand Tavernier schreckt vor nichts zurück, noch nicht einmal vor einem Historienfilm mit Originalkostümen, in dem es um die Verschwörung des Marquis de Pontcallec am Hof von Versailles während der Regentschaft Philippes von Orléans im 18. Jahrhundert geht. Der Film hat nicht den Glanz einer Großproduktion wie „Marie Antoinette“, aber er ist niemals lächerlich. Warum? Zunächst einmal wegen der Schauspieler Philippe Noiret, Jean Rochefort und Jean-Pierre Marielle, die mit viel Sarkasmus den Regenten, dessen Berater Abbé Dubois und den Marquis de Pontcallec verkörpern. Die zynischen, humorvollen Dialoge geben dem Film seinen Biss. „Wenn das Fest beginnt“ ist keine Chronik, sondern eine gallige Komödie über Ehrgeiz, Macht, Reichtum und Zügellosigkeit – kurz, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins der französischen Aristokratie. Die etwas naive Verschwörung ist wie ein Hinweis auf die kommenden Wirren der Französischen Revolution. Die politisch inkorrekte Moral dieser Fabel: Eine Orgie tut der Ehre keinen Abbruch – zu großer Ehrgeiz aber schon.
Der Saustall (Coup de torchon) von Bertrand Tavernier (1981)
„Der Saustall“ ist das filmische Porträt eines etwas ungewöhnlichen Dreckskerls: Lucien Cordier, einziger Polizeibeamter und „Vertreter des französischen Staates“ in einer kleinen Stadt im Senegal im Jahr 1938. Dieser Antiheld vollbringt seine Taten mit perfektem Sendungsbewusstsein: Er ist der Arm der Göttlichen Gerechtigkeit, ebenso wie Travis Bickle in Martin Scorseses „Taxi Driver“. Seine Opfer büßen für ihre Untaten. Dennoch ist er eine abstoßende Figur in einer noch abstoßenderen Welt. Der Film badet im warmen, magischen Licht der afrikanischen Dämmerung – ein ästhetischer Kontrast voll tiefer Ironie. Lucien Cordier ist umgeben von einer ganzen Galerie schräger Gestalten, die fluchen wie die Bierkutscher und in deren egoistischem Denken für Moral kein Platz ist. Tavernier beweist, dass Gewalt und Humor auf der Leinwand eine einzigartige Verbindung eingehen können. Er zeigt die Menschheit in einem finsteren Licht, denn seine Figuren vereinen ordinären Rassismus mit akuter Menschenverachtung. Ein eiskalter Filmgenuss!
Delphine Valloire------------------------------Hommage an Philippe Noiret:Das große Fressen Donnerstag, 12/07/2007 à 20:45Montag, 23/07/2007 00:30:18 Der Uhrmacher von St. PaulDonnerstag, 19/07/2007 à 20:45Freitag, 20/07/2007 à 03:00Montag, 30/07/2007 à 00:30Wenn das Fest beginnt... Donnerstag, 26/07/2007 à 20:45:00 Freitag, 27/07/2007 à 03:00:00 Montag, 30/07/2007 à 14:56:00 Montag, 06/08/2007 à 00:19Der SaustallDonnerstag, 02/08/2007 à 20:45Montag, 13/08/2007 à 23:55Mardi 21/08/2007 à 14:45------------------------------