Schriftgröße: + -
Home > Film > Cannes 2006 > Die Filme > Flandres

Cannes 2006 - Offizieller Wettbewerb - 17/09/08

Flandres

Ein Film von Bruno Dumont


Ein Film über einen fernen Krieg und seine Folgen in der Nähe

Ein Film von außergewöhnlicher Suggestionskraft, die das Werk zweifellos zu einem der grundlegenden Beiträge der Kinolandschaft machen.
Blicken Sie jetzt in die ARTE-Sterne!

Frankreich 2005, 91 Min.
Mit Adelaïde Leroux, Samuel Boidin, Henri Cretel, Jean-Marie Bruveart

Im Gespräch mit Bruno Dumont, Adelaïde Leroux und Samuel Boidin
Der Trailer zum Film


Synopsis: Flandern. Demester verbringt seine Zeit auf der Farm seiner Eltern, oder mit Barbe, die er schon seit seiner Kindheit kennt. Mit anderen jungen Männern zieht er in den Krieg, in ein fernes Land. Was er dort erlebt, ist zutiefst grausam. Demester überlebt als Einziger seiner kleinen Einheit und kehrt nach Flandern zurück. Der Krieg hat ihn für immer verändert.

Kritik: Gern wird Bruno Dumont mit Robert Bresson verglichen. Das liegt auch an der Sensibilität, der Ungeschwätzigkeit und der Direktheit, mit der er seine Personen in Szene setzt. Sie reden kein Wort zuviel, nur das Nötigste. Dumont beobachtet sie mit einer großen Neugierde. Am liebsten arbeitet er mit Laien, denn diese spielen nicht, sie denken nicht, sie sind einfach. In ihren Gesichtern spiegelt sich das Geschehen, es ist der Blick nach innen. Bruno Dumont: „Wenn ich eine Einstellung zeige, in der Demester auf das Land vor seiner Farm blickt, sind wir in Demester.“

Nicht zufällig hat Bruno Dumont Philosophie studiert. Wenn er ein Drehbuch schreibt, beschäftigt sich der Filmemacher mit existentiellen Fragen. Wie verändert der Krieg einen Menschen? Wie kann ein Leben danach weitergehen? Wie stark ist Liebe?

Dumont will nicht eine Geschichte mit viel Action erzählen, in der in aufwendigen, gestellten Szenen mit großem Aufwand und zahlreichen Statisten Krieg gespielt wird. Er reduziert. Reduziert so weit, bis nur noch sechs Soldaten in einem fernen Land übrig bleiben. Geschickt ist es außerdem, das Land nicht namentlich zu nennen. Es ist fern, das sehen wir, das reicht. Dort gibt es vor allem Wüste. Grosse Felsformationen, ab und an Palmen, verschleierte Menschen. Dadurch, dass Dumont abstrahiert, bekommt sein Film etwas allgemein Gültiges. Ereignisse geschehen, die in jedem Krieg geschehen: Eine einheimische Frau wird von den Soldaten vergewaltigt, ein Zivilist mit einem Esel erschossen. Die Rache der Einheimischen folgt sofort: der Zivilistenmörder wird mit einem Kopfschuss hingerichtet. Die Frau identifiziert den Soldaten, der sie vergewaltigt hat. Ihm werden die Hoden abgeschnitten, bevor er verblutet, wird er erschossen.

Bruno Dumont zeigt dies in ungeschönter Brutalität, aber nie ergötzt er sich an den Gewaltszenen. Sie sind notwendig für ihn, deshalb zeigt er sie. Genauso verhält es sich mit den recht zahlreichen Sexszenen. Nie war Sex so unerotisch wie in diesem Film. Der Akt wird auf seine bloße Funktion reduziert, er wirkt dadurch völlig mechanisch.

Durch die Reduktion auf die ihm wesentlichen Aussagen erhält der Film eine starke Dichte, die sich dem Zuschauer unmittelbar offenbart. Bruno Dumont dekonstruiert Wirklichkeit, bis sie beispielhaft wird. Aus seinem Film lässt sich viel über das Leben, insbesondere die Liebe und den Krieg lernen.

Nana A.T. Rebhan


Synopsis: Der flämische Landwirt Demester liebt Barbe, seine Freundin aus Kindertagen. Regelmäßig schlafen sie miteinander, doch Barbe möchte sich nicht binden. Widerwillig muss Demester dies akzeptieren. Als Soldat zieht er in ein fremdes Land in den Krieg. Zusammen mit zwei Freunden erlebt er dort entfesselte, schreckliche Gewalt. Unterdessen beginnt Barbe in der Heimat unter beunruhigenden Wahnanfällen zu leiden.

Kritik: Mit Flandres legt Bruno Dumont nach La Vie de Jésus, L’Humanité und Twentynine Palms einen meisterlich komponierten und tiefgründigen neuen Film vor. Der in jeder Hinsicht außergewöhnliche Regisseur arbeitet in dem stetigen Bedürfnis, mit jedem Film einen neuen Ansatz zu finden. In „Flandres“ stellt er mit der ruhigen, nordisch geprägten Landschaft Flanderns (übrigens seine Heimat), wo Barbe und Demester in beinahe lethargischer Gleichförmigkeit leben, und einem fernen exotischen, niemals genannten Land (gedreht wurde in Tunesien), das von Krieg und unerträglicher Gewalt verwüstet ist, zwei gegensätzliche Welten gegenüber. Mit den Bildern dieser so unterschiedlichen Gegenden gelingt es dem Regisseur, das Innenleben der Protagonisten auf besondere Weise darzustellen: Im kalten, von einer Palette aus Grautönen geprägten Flandern lebt Demester (Samuel Boidin, der bereits in La Vie de Jésus zu sehen war) ein farbloses, von seinen inneren Dämonen bestimmtes Leben. Er bringt es nicht fertig, Barbe seine Liebe zu gestehen, die mit allen Männern des Dorfes ins Bett geht und nach und nach merkwürdige Symptome von Wahnsinn zeigt. Dumont bewegt sich immer in unmittelbarer Nähe zu seinen beiden Laiendarstellern, um die größtmögliche Wahrhaftigkeit aus ihrem Spiel zu filtern.

In einem harmonischen Gefüge aus Stille und Worten, das von allem Überflüssigen bereinigt und wie in den Werken Bressons vor allem auf Bilder und Gefühle ausgerichtet ist, wird das Porträt dieser beiden Figuren gezeichnet. Demesters Entscheidung, in den Krieg zu ziehen, wirkt wie ein krasser Schnitt in sein bisheriges Dasein und die gesamte Atmosphäre: die Sonne, die Hitze, die Bombenexplosionen, die Folter, die Vergewaltigungen und das Blut stehen symbolhaft einerseits für die innere Tragödie der Figur und andererseits für die kollektive Katastrophe des Endes der Menschlichkeit. So spielt „Flandres“ permanent mit dem Zusammenprallen von Gegensätzen im Bewusstsein bzw. letztlich in der Erkenntnis, dass doch alles miteinander verbunden ist. Der französische Regisseur hat damit einen Film von außergewöhnlicher Suggestionskraft geschaffen, die das Werk zweifellos zu einem der grundlegenden Beiträge der Kinolandschaft machen.

Olivier Bombarda

Erstellt: 23-05-06
Letzte Änderung: 17-09-08