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Sergej Eisenstein: "Oktober"

Ein Film als Objekt der politischen Zensur.

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Sergej Eisenstein: "Oktober"

Ein Film als Objekt der politischen Zensur.

Sergej Eisenstein: "Oktober"

03/02/12

Oktober (Oktjabr)

Ein Initiativprojekt von ZDF/ARTE - in Koproduktion mit dem Filmmuseum München, Deutschlandradio Kultur und roc Berlin. Rekonstruierte Film- und Musikfassung

Der Film entstand im Auftrag der KPdSU zur Feier des 10. Jahrestags der Oktoberrevolution. Gedreht an Originalschauplätzen und mit Veteranen der historischen Ereignisse, zeichnet Oktober die Revolution als einen radikalen Epochenbruch nach. Eisenstein setzt der kämpfenden Bevölkerung Petrograds und ihrer politischen Organisation, damals unter der Führung von Leo Trotzki, ein Denkmal und bindet das Ereignis der Oktoberrevolution in die lange Geschichte der Klassenkämpfe ein.

Wirklichkeitstreue beansprucht der Film nicht durch die Bebilderung historischer Fakten, sondern in der Visualisierung des revolutionären Prozesses an sich; dafür waren Eisenstein die Mittel des Kinos und der ‚intellektuellen Montage’ gerade recht. Prompt fiel der Film nach seiner verspäteten Uraufführung im Bolschoi-Theater am 14.3.1928 unter das Formalismus-Verdikt und verschwand aus den Kinos.

Zensurgeschichte


Kaum ein anderer Film steht so sehr wie Oktober unter Ideologieverdacht und ist zugleich Opfer der Zensur des Politapparats, für den er angeblich Propaganda macht. Was genau den Widerspruch der Partei provoziert hat, lässt sich nicht belegen, weil keine Zensurprotokolle überliefert sind, und weil auch das Originalnegativ verschollen ist, nachdem es 1928 nach Deutschland zur Herstellung der Exportversion ausgeliefert wurde.

Rein historiographisch hatte Eisenstein das Problem zu lösen, dass bei einer halbwegs objektiven Darstellung der Oktoberrevolution Kampfgenossen von Lenin auftauchen mussten, die ab 1927 politisch in Ungnade gefallen waren. Trotzki, der während der Oktoberrevolution Präsident des Petrograder Rates war, organisierte und leitete den Umsturz an der Seite Lenins. 1927 wurde Trotzki als ‚Saboteur’ aus dem ZK und später aus der Partei ausgeschlossen. Die Geschichte wurde kurzerhand retuschiert, während Trotzki in Eisensteins Film noch auftaucht. So ist in der rekonstruierten Fassung nun Leo Trotzki in der entscheidenden Sitzung mit Lenin zu sehen, in der das ZK der Bolschewiken am 10. Oktober 1917 den Beschluss zum bewaffneten Aufstand fasst, aber nur kurz – was auch durch Materialverluste bedingt sein kann. Andererseits hat Eisenstein, wie die erhaltenen Filmpassagen zeigen, Trotzkis zentrale Rolle bei der Organisation der Revolution weitgehend marginalisiert. Seine historischen Worte ‚Den Worten müssen Taten folgen’ sind einem Weggefährten in den Mund gelegt, Jakow Swerdlow, einem der Pioniere der Bolschewiken-Bewegung und führender Aktivist im Petrograder Sowjet. Der Protagonist bei der Verhaftung der Übergangsregierung ist, wie auch historisch verbürgt, ein Politiker der 1938 Opfer des Stalin’schen Terrors wurde: Wladimir Antonow-Owsejenko.

Wie die Filmwissenschaftlerin Anna Bohn schreibt, war „Leo Trotzki einer der führenden Organisatoren des Oktoberumsturzes von 1917, der nach Ansicht vieler Historiker jedoch weniger eine Revolution, als vielmehr ein Staatsstreich war. Bis heute prägt der Spielfilm Oktober das Bild, das sich die Welt von den historischen Ereignissen macht. Der Film ist Medium der sowjetischen Geschichtsschreibung geworden. 1927, zum Zeitpunkt der Produktion des Films, hatte Trotzki bereits den Machtkampf mit Stalin verloren und wurde aus dem Zentralkomitee und Anfang 1928 aus der Partei ausgeschlossen. Im Februar 1929 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und im Jahr 1940 in Mexiko von einem Agenten Stalins ermordet. Die Figur Trotzkis wurde – wie zahlreiche andere in Ungnade gefallene Personen der Zeitgeschichte – auf Betreiben Stalins bereits Jahre vor der physischen Vernichtung systematisch aus Fotos und Filmen wegretuschiert.

Auch Filmsequenzen von Oktober fielen der Zensur zum Opfer bzw. mussten vermutlich bereits vor dem öffentlichen Verleihstart auf Anweisung der Auftraggeber entfernt werden.“ Wie genau eine von Eisenstein autorisierte Fassung des Oktober ursprünglich ausgesehen haben mag, ist aufgrund der zahlreichen Zensureingriffe und Verluste filmischer Überlieferung heute nur noch bedingt zu rekonstruieren, jedenfalls gibt es Indizien, dass Eisensteins Premierenfassung 4.000 Meter lang war, was einer Spieldauer von ca 160 Minuten entspricht. Die jetzige russische Fassung hat eine Länge von 2.900 Meter, es fehlen also gut 40 Minuten Film (bei 22 Bildern/sec).

Mindestens so provokativ wie die Darstellung der alten Polit-Avantgarde war Eisensteins dialektischer Geschichtsbegriff und seine intellektuelle Montage, die dem Film den Vorwurf der ‚Unverständlichkeit für die Massen’ bei der Ersten Parteikonferenz für Kinofragen (15. – 21.03.1928) eingebracht hat. Eisenstein findet sinnfällige bildliche Umsetzungen für die Darstellung der revolutionären Energie der revoltierenden Soldaten und Arbeiter, die er stets in dynamisierenden Einstellungen aufnimmt: die Oktoberrevolution als Sprengung der in Herrschaftsbildern sedimentierten Geschichte, dargestellt in abstrakten Bildfolgen, die Eisenstein zwischen die Chronik der Ereignisse montiert.

Überlieferung und Restaurierung


Bis in die 1960er Jahre blieb der Film unter Verschluss, war aber wegen seiner authentisch anmutenden Revolutionsbilder ausschnittweise im Umlauf, quasi als Ersatz für fehlende Originalaufnahmen. 1967 erstellte Grigori Aleksandrow, langjähriger Mitarbeiter von Sergej Eisenstein, zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution eine Tonfassung mit Musik von Dmitri Schostakowitsch, wofür das Eisenstein-Material willkürlich bearbeitet wurde.
Zuvor hatte Naum Klejman zwischen 1963-65 im Staatlichen Filmarchiv Gosfilmofond an einer filmwissenschaftlich fundierten Rekonstruktion gearbeitet, nachdem eine Rolle zensierten Filmmaterials gefunden wurde. Diese enthielt Aufnahmen der von Eisenstein nachinszenierten Räte-Versammlungen mit Auftritten von Leo Trotzki und anderen Protagonisten des Revolutions-Komitees; damit wurde das im Archiv vorhandene Dup-Negativ ergänzt (das Originalnegativ ist verschollen) und soweit wie möglich in der Schnittfolge korrigiert.

Auf dieser Version basiert die neue digitale HD-Restaurierung aus dem Filmmuseum München, das in den 1970-er Jahren eine Kopie von Gosfilmofond erworben und um weitere eliminierte Szenen aus einer 16-mm-Kopie des BFI ergänzt hat. Die Kopie wurde für die Berlinale-Aufführung in 2K-Auflösung gescannt und fotografisch verbessert durch Material vom EYE Film Instituut (Amsterdam) und Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin.



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Oktober (Oktjabr)
(UdSSR 1927/28) – Länge: 116’
Regie und Buch: Sergej Eisenstein, Grigori Aleksandrow
Kamera: Eduard Tissé
Musik: Edmund Meisel
Musikbearbeitung: Bernd Thewes (i. A. von ZDF/ARTE)
Einspielung: Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Dirigent: Frank Strobel
Live Aufführung am 10.02.2012, 21:00 Uhr im Friedrichstadt-Palast Berlin
Fernsehausstrahlung am 15.02.2012, 23:00 Uhr auf ARTE

Erstellt: 25-01-12
Letzte Änderung: 03-02-12