„Was mich so herausgefordert hat an der Rolle, war dieses Erzchristliche, diese Strenge, diese Unfreiheit im Denken und Handeln. Das kenne ich gar nicht.“ Anna Fischer sucht nach Worten, um das zu beschreiben, was ihr so fremd ist. Ihr, der 21-Jährigen, die gerne ganz direkt sagt, singt oder schreit, was sie denkt, was ihr passt oder nicht. Am besten auf Berlinerisch – was sie aber gut verbergen kann und manchmal auch verbergen möchte. Genau wie die junge Hilla, die sie im Film „Der Teufelsbraten“ verkörpert. Die kämpft auch gegen ihr, wie Anna Fischer sagt, „hartes Kölsch“ an und schafft es, im Teenager-Alter feinst geschliffenes Hochdeutsch zu sprechen. Mühsam erlernt, wegtrainiert sozusagen, um den Sprung in eine andere Welt zu schaffen. Raus aus dem ärmlichen Arbeitermilieu des Elternhauses im Rheinland der 1950er Jahre, wo die schönen Worte keinen Platz haben, wo der Existenzkampf die Träume verschluckt. Hinein in eine neue Welt, die sich durch Sprache erschließt, in der die Gedanken frei machen und das Leben einem Mädchen mehr Möglichkeiten offenhält als Kinder, Küche, Kirche.
„Man muss einfach dranbleiben“ Auch Anna Fischer, die die älteste Rolle der Hildegard/Hilla in „Der Teufelsbraten“ spielt, hat es geschafft, ihr Ding zu machen. Seit sie zehn ist, macht sie Musik, mit elf singt sie in einer Girlgroup namens „Zungenkuss“. Die Schule bricht sie nach der 10. Klasse ab und wird kurze Zeit später von Regisseur Hans-Christian Schmid bei einem Auftritt in einem Club in Prenzlauer Berg entdeckt. Schmid lädt sie zum Casting ein und besetzt sie 2002 mit einer Nebenrolle im Film „Lichter“ – für Anna Fischer der Beginn ihrer Schauspielkarriere. Zuversichtlich und selbstbewusst glaubt sie an die Umsetzung der eigenen Fähigkeiten, mit dem nötigen Willen und mit Disziplin: „Man muss einfach dranbleiben. Ich bin da ein gutes Beispiel“, sagt sie, „meine Eltern hatten auch nie etwas mit Kunst oder Schauspielerei zu tun und am Anfang musste ich sie schon erst mal überzeugen, dass ich das wirklich will und dass das was Cooles ist.“ Nach zahlreichen Nebenrollen im Fernsehen glänzt sie 2004 in ihrer ersten Hauptrolle.
In dem Inzestdrama „liebeskind” spielt sie so beeindruckend, dass sie 2006 mit dem Max-Ophüls-Preis als beste deutsche Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wird. Der Höhepunkt ihrer bisherigen Karriere folgt 2007: Bei der Verleihung der Goldenen Kamera erhält sie den „Lilli Palmer & Curd Jürgens Gedächtnispreis“ als beste Nachwuchsschauspielerin, und sowohl ihre eher verdatterte, spontane Dankesrede als auch ihre originelle Frisur à la Mireille Mathieu finden großen Anklang bei Publikum und Presse.
Musik aus Leidenschaft Aber Anna Fischer ist auch Musikerin. Und das mit viel Herzblut. Die Band Panda, deren Frontfrau sie ist, tourte letzten Sommer als Vorgruppe von Rosenstolz durch Deutschland. Im September erschien das erste Album „Tretmine“: schnodderige Beats aus der Haupstadt, ohne großes Drumherum. Anna ist es wichtig, in keiner Schublade zu landen, doch sie genießt den Ruf als eine, die aufmischt: „Lieber Radauschachtel als langweiliger Pupser, oder?“ So einfach ist das: „Wir sind nicht in der Kommerzecke gelandet und machen auch nichts mit ,Bravo‘. Klar, wir verkaufen keine Million Platten, aber haben einen festen Fankreis“. Was denn an erster Stelle stehe, Musik oder Film? „Ich liebe beides“, betont sie: „Das ist was ganz anderes, in einer Rolle zu arbeiten, als auf der Bühne zu stehen oder Songtexte zu schreiben. Musikmachen kommt viel mehr aus mir selbst heraus. In den Drehpausen bringt mich das wieder runter.“
Der Film „Der Teufelsbraten“, in dem die Berliner Göre ihr feinfühliges Spiel in der Rolle der Hilla unter Beweis stellt, hat eine renommierte Crew versammelt: Hermine Huntgeburth (u.a. „Der Boxer und die Friseuse“, „Die weiße Massai“) führte Regie. Das Drehbuch von Volker Einrauch hielt sich sehr genau an den zugrunde liegenden Roman „Das verborgene Wort“ von Ulla Hahn. Der erfahrene Produzent Günter Rohrbach, Jahrgang 1928, wusste nach der Lektüre des Romans sofort, dass er diesen Film machen wollte. Die 1950er Jahre seien ihm noch sehr nahe gewesen: Ein „hochintelligentes, fantasiebegabtes Kind kämpft in einem geistfeindlichen, bigotten Milieu um seine Zukunft.“ Da sei ein Vogel ins falsche Nest gefallen, „der es niemandem leicht macht, am wenigsten sich selbst.“ Eine Traumrolle für Anna Fischer.
Das Interview führte Nina Vey für das ARTE Magazin. ARTE INTERVIEWFILMOGRAFIE (Auswahl)„Unter Strom“ (im Dreh); „Fleisch ist mein Gemüse“ (2007); „Der Teufelsbraten“ (TV, 2006); „Der letzte Zeuge“ (TV, 2006); „Zwei Engel für Amor“ (TV, 2006); „Allein unter Töchtern“ (TV, 2005); „Die Kommissarin – Mörderische Zwänge“ (TV, 2005); „Großstadtrevier – Kaltes Kind“ (2004); „liebeskind“ (TV, 2004); „SOKO Leipzig – Letzte Hoffnung“ (TV, 2003); „Berlin, Berlin“ (TV, 2002); „Lichter“ (2002)
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