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Kino auf ARTE - 08/06/12

Faustrecht der Freiheit

Spielfilm, Deutschland, 1974, ZDF, 118 Min.
Regie: Rainer Werner Fassbinder, Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder, Christian Hohoff, Kamera: Michael Ballhaus, Musik: Peer Raben, Schnitt: Thea Eymèsz, Produktion: Tango-Film, City Film, Produzent: Rainer Werner Fassbinder Foundation
Mit: Rainer Werner Fassbinder (Franz "Fox" Biberkopf), Karlheinz Böhm (Max), Peter Chatel (Eugen), Rudolf Lenz (Rechtsanwalt), Karl Scheydt (Klaus), Hans Zander (Springer, Barkeeper), Kurt Raab (Wodka-Peter), Adrian Hoven (Eugens Vater), Ulla Jacobsen (Eugens Mutter)

Franz, genannt Fox, ist ein arbeitsloser Schausteller, der sich durch einen Lottogewinn in die höheren Kreise einkauft. Er verliebt sich in den Unternehmerssohn Eugen, mit dem er prompt zusammenzieht. Doch Franz kann seine proletarische Herkunft weder verleugnen noch verbergen. Er wird von der besseren Gesellschaft nicht akzeptiert. Stattdessen nutzt man seine Naivität aus, bis die unausweichliche Katastrophe eintritt.



Franz Biberkopf, genannt Fox, steht plötzlich ohne Arbeit da, als sein Chef und Liebhaber Klaus von der Polizei festgenommen wird. Als er sich einen Lottoschein kaufen will, begegnet ihm der homosexuelle Antiquitätenhändler Max, der ihn, nach seinem plötzlichen Gewinn von 500.000 Mark, in die gehobenen Kreise einführt. Dabei lernt der eher einfache Franz den Unternehmerssohn Eugen kennen, in den er sich verliebt. Die beiden ziehen schnell zusammen, wobei Franz sich als überaus spendabel und großzügig erweist. Er beteiligt sich auch an der kriselnden Firma von Eugens Familie, um seinen Lebensgefährten zu unterstützen.
Im Gegenzug versucht Eugen ihm Manieren, sowie einen gehobenen Lebens- und Kleidungsstil nahezubringen. Zugleich mokiert er sich dabei ständig über Franz' fehlende Klasse, die er seiner proletarischen Herkunft zuschreibt.
Franz' Situation verschlimmert sich zusehends. Er verliert den Draht zu seiner ursprünglichen Umgebung und schafft es ebenso wenig, in der "besseren Gesellschaft" Fuß zu fassen. Als Franz klar wird, dass seine neuen "Freunde" ihn lediglich ausgenutzt haben, hat er bereits sein gesamtes Geld, seine Anteile am Unternehmen von Eugens Vater und die gemeinsame Wohnung mit Eugen verloren.

"Aber wir werden's schon schaffen, einen Menschen aus dir zu machen", sagt der Unternehmerssohn Eugen zu dem Arbeiterkind Franz. Dieser Satz fasst den Grundkonflikt von Fassbinders Film perfekt zusammen: die Rivalität und Unvereinbarkeit der sozialen Klassen. Franz' Eintrittskarte in die Welt der Kulturschickeria und der Adeligen gilt nur für einen begrenzten Zeitraum. Sein vorübergehender Wohlstand lässt eine Duldung, aber keine Akzeptanz zu. Nach und nach zerbricht Franz an der Arroganz der Bourgeoisie, die ihn, nachdem sie ihn ausgenutzt und betrogen hat, ganz schnell fallenlässt. Dieses Ausnutzen inszeniert Fassbinder mit analytischer Schärfe und einer Unbarmherzigkeit, die sogar über Franz' Tod hinaus spürbar ist. Als er tot im U-Bahnhof-Untergeschoss liegt, klauen ihm zwei Jugendliche noch sein restliches Geld. Auch die ehemaligen Freunde Klaus und Max lassen die Leiche ohne Umstände liegen: "Helfen kann man ihm sowieso nicht mehr."
Für "Faustrecht der Freiheit" arbeitete Fassbinder außer mit seinem gewohnten Schauspielerteam (Irm Hermann, Ingrid Caven, Kurt Raab, Peter Kern etc.) zudem mit einigen populäreren Darstellern der Zeit (Karlheinz Böhm, Adrian Hoven, Ulla Jacobsson, Walter Sedlmayr, Brigitte Mira etc.) zusammen. In gewisser Weise stehen sie sich wie die "Proletarier" und die "Bürgerlichen" des Films gegenüber. Denn im Kern ist der Film ein plakatives Melodram vor der Folie der Klassengesellschaft.
"Faustrecht der Freiheit" dürfte damit der am stärksten von seinem großen Vorbild Douglas Sirk geprägte Film Fassbinders sein - er erinnert beispielsweise an "Imitation of Life", einem Film, in dem die Liebe ebenfalls keine Brücke ist, um aus der eigenen Klasse auszubrechen. Dass Fassbinder das Melodram ins Schwulenmilieu verlegt und somit die zuckrige Fassade der Sirk-Melodramen aufbricht, ändert wenig an der grundsätzlichen Verwandtschaft der Herangehensweise. Der verschämte Umgang der bürgerlichen Gesellschaft mit der Homosexualität ist nur ein Element mehr im Tauschhandel: Liebe gegen Geld gegen soziale Anerkennung. Brillant ist hier die Szene mit Eugens bankrotten Eltern, die Franz gegen ein finanzielles Engagement in ihrer Firma eine quasi bürgerliche Fassade bieten.
Ulrich Behrens schreibt: "Fassbinder ist in ‚Faustrecht der Freiheit' gnadenlos, was die Ökonomie der Ökonomie angeht, und ebenso gnadenlos, was die Ökonomie der Liebe angeht." Der eine gibt, der andere nimmt. Von ebenjener Dynamik lebt der Film. Dabei spielt das homosexuelle Milieu der Protagonisten keine Rolle. Fassbinder dazu: "Aber hier wird die Homosexualität als etwas ganz Normales gezeigt, und das Problem ist etwas ganz anderes, nämlich eine Liebesgeschichte, wo einer die Liebe des anderen ausnutzt, und das ist eigentlich die Geschichte, die ich immer erzähle."
Behrens sieht den Film als eine "selten gesehene Kritik an den Mechanismen unserer Gesellschaft, tiefgreifend bis in die Einzelheiten der emotionalen und ökonomischen Ausbeutung, der Ausbeutung der Gefühle ebenso wie der Verfestigung der bestehenden Strukturen - und obwohl melodramatisch, dennoch nie rührselig".
"Faustrecht der Freiheit" ebnete Fassbinder endgültig die internationale Karriere und lief 1975 im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes.

Faustrecht der Freiheit
Dienstag 3. Juli 2012 um 01.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 1974, 118mn)
ZDF

Erstellt: 08-06-12
Letzte Änderung: 08-06-12