Synopsis: Ungarn 1944: Der 14-jährige jüdische Junge Gyuri (Marcell Nagy) wird auf dem Weg zur Arbeit aus einem Bus entführt und in ein Konzentrationslager gebracht. Von Auschwitz-Birkenau kommt er über Buchenwald und Zeitz wieder nach Buchenwald. Nach der Befreiung kehrt er 1945 ins Nachkriegs-Budapest zurück – doch dort ist nichts mehr wie es war.
Kritik: Fateless ist der erste Spielfilm des Kameramannes Lajos Koltani als Regisseur. Seit über 23 Jahren arbeitet Koltani bereits mit dem weltweit bekanntesten ungarischen Regisseur Istvan Szabo zusammen. Ihr nächster gemeinsamer Film
Being Julia startet in Deutschland in wenigen Wochen. Koltai hat viel gelernt, von der sensiblen, aber sehr publikumswirksamen Herangehensweise Szabos an historisch relevante Themen. Der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Roman
Fateless des Autors Imre Kertész diente als Grundlage des Drehbuchs, das der Holocaustüberlebende Kertész selbst schrieb.
Koltani lässt Gyula Pados die Kamera führen, taucht seinen Film in Sepia und kreiert zur Musik von Ennio Morricone (!) bestechend schöne Bilder, die von geradezu lyrischer Natur sind. So schön waren Konzentrationslager noch nie doch: dürfen Konzentrationslager so schön sein? Da lässt Koltani Hunderte von Häftlingen sich im Quadrat aufstellen - von links ein Führungslicht, rechts versinken die Konturen im Schatten. Koltani zeigt, dass Zeit vergeht: das Tageslicht wird dunkler, dann wieder heller, frühmorgens. Er zeigt uns die Häftlinge in ihren gestreiften Anzügen aus der Vogelperspektive, fährt langsam die Reihen ab. Schließlich fällt einer ganz rechts aus der heraus. Er bricht zusammen und damit aus der Ordnung aus, so etwas sieht komisch aus, und einer im Publikum der Pressevorführung lacht. Nur ganz kurz selbstverständlich, wir sitzen in einem Film über den Holocaust, da lacht man nicht.
Um den Umgang der Nichtbetroffenen mit dem Holocaust geht es später auch noch im Film, nach der Befreiung der Konzentrationslager. Gerade diese Passagen des Films sind besonders gelungen, so etwas gab es bislang eher selten zu sehen. Eine normale Kommunikation zwischen Gyuri und den Menschen, die er früher kannte, ist nicht mehr möglich. Verwandte fragen ihn nach der „Hölle“ des Lagers. „Es war keine Hölle, antwortet er. Die Hölle existiert nicht, die Lager schon.“ Sie wollen ihm weismachen, er sei erst 15, und er habe seine ganze Zukunft noch vor sich. Doch Gyuri weiss, dass er vor allem „eine Vergangenheit hat.“ Er weiss auch nicht, ob er ein Jude ist, denn er „weiss nicht einmal, ob er überhaupt existiert.“
Koltani unterscheidet sich von vielen anderen Regisseuren, die die Greuel und Verbrechen der Nazis explizit zeigen, wie etwa
The Grey Zone oder stellenweise
Der Untergang. Seine Horrorszenen beschränken sich auf den Alltag des Jungen im Lager. Da stirbt etwa neben ihm im Bett ein gleichaltriger Junge. Gyuri merkt es, doch tagelang sagt er den Wärtern nichts davon – so kann er immerhin die dürftige Mahlzeit des Toten mitverspeisen.
Nana A.T. Rebhan