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Junge Literaturkritik - 07/11/13

Erich Kästner: Fabian

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Einmal im Monat erwarten Sie hier Literaturtipps aus der Feder von Studenten der Literaturwissenschaft an der Universität Marburg und Lüttich. Michèle Pommé, Doktorandin und Stipendiatin am FNRS (= Fonds National de la Recherche Scientifique) in Lüttich, stellt Ihnen Kästners brillante Großstadtsatire vor:

Erich Kästner
Fabian - Die Geschichte eines Moralisten

„Ein gebildeter Mensch“, meinte Fräulein Battenberg.
„Ja, er fragte nach der Zeit, ehe er uns anbettelte.“

Die meisten Leser kennen Erich Kästner (1899-1974) als Kinderbuch-Autor. Dabei hat er auch Bücher für Erwachsene geschrieben. Sein Roman Fabian (1931) ist eine schonungslose Gesellschaftssatire auf das Berlin der späten 1920er Jahre und als witzig-böse Analyse des Sittenverfalls vor dem Hintergrund der großen Arbeitslosigkeit heute wieder aktuell.
Jakob Fabian, ein gerade als Reklamefachmann tätiger Germanist, studiert gern Leute und Leben. Beruflicher Aufstieg und finanzielle Absicherung interessieren ihn nicht; sein Ziel sieht er darin, „die Menschen anständig und vernünftig zu machen“. Seine humanistischen Ideale setzt er jedoch nicht in die Tat um. Er engagiert sich weder politisch noch gesellschaftlich und verwirft alle Ideologien. Das Moralistendasein hindert Fabian nicht an einem freizügigen Lebensstil: Beim Besuch eines Etablissements „zur Anbahnung von Beziehungen“ nach seinen Wünschen gefragt, antwortet er, unentschlossen wie immer: „Mein Geschmack neigt zu Blond, meine Erfahrung spricht dagegen. Meine Vorliebe gehört großen Frauen. Aber das Bedürfnis ist nicht gegenseitig. Lassen Sie die Rubrik frei.“ Schließlich verlässt er das so genannte „Institut für geistige Annäherung“ mit der blonden Irene Moll. Als die beiden sich in ihrem Wohnzimmer näher kommen, taucht unverhofft ihr Ehemann auf und unterrichtet Fabian über den ehelichen Kontrakt, der Seitensprünge der Gattin nur sanktioniert, wenn der Liebhaber vom Gatten gutgeheißen wurde.
Kaum hat Fabian bei einem nächtlichen Streifzug durch Bars und Bordelle die Referendarin Cornelia kennen gelernt, verliert er seine Arbeit. Erst jetzt wird ihm die Bedeutung finanzieller Sicherheit bewusst, doch erwacht er zu spät aus seiner Passivität: Cornelia verlässt den Lebensuntüchtigen schweren Herzens, um selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen wird Fabian abermals klar, dass er – statt nur nachzudenken – handeln muss. Der theoretischen Einsicht entsprechen keine praktischen Fähigkeiten und so wird sie ihm zum Verhängnis.
Kästner, Moralist und Gesellschaftskritiker, schreibt gegen die „Trägheit der Herzen“ an und schildert mit beißender Ironie Verlogenheit und Unvernunft: Zeitungsredakteure erfinden Katastrophen, um die Spalten zu füllen, während Kommunisten und Nazis sich gegenseitig Löcher in den Leib schießen. Diverse, teils auch komische Episoden schildern die Folgen der großen Arbeitslosigkeit. So lässt sich eine mittellose Zeichnerin gegen Bezahlung von einem sadistischen Kriegsinvaliden verprügeln.
In seiner Hinwendung zur Alltagswirklichkeit und deren satirischer Überspitzung ist Fabian ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit. Kästner öffnet dem Leser durch seine scharfsichtige Gesellschaftsanalyse die Augen für die sozialen und politischen Missstände. Mit zynischem Ton und aus ironisch distanzierter Perspektive zeichnet er Malaise und Zerfall der späten Weimarer Republik.
Der Roman wurde seinerzeit für unmoralisch befunden und Kästner während der Nazizeit Publikationsverbot erteilt. Der scharfe Sarkasmus verfehlt seine Wirkung auch heute nicht, zumal der Leser unschwer in den angeprangerten Übelständen heutige wiedererkennt: emotionale Beziehungslosigkeit, Manipulation durch mediale Berichterstattung, ‚Lösung’ politischer Differenzen durch Gewaltanwendung und Warencharakter zwischenmenschlicher Beziehungen. Fabian ist ein Roman, der auf unterhaltsame Weise ernst und auf ernste Weise unterhaltsam ist, auch weil er nicht an Aktualität eingebüßt hat.

Erich Kästner: Fabian - Die Geschichte eines Moralisten
München: dtv, 10. Auflage April 1996
ISBN 3-423-11006-6

Hören Sie hier 2 Auszüge aus Fabian, gelesen von Peter Wien

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Die Reihe „Junge Literaturkritik“ ist ein gemeinsames Projekt von ARTE und dem Rezensionsforum literaturkritik.de.

Erstellt: 27-05-04
Letzte Änderung: 07-11-13