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OPER - 19/05/09

FREISCHÜTZ EN VOGUE

Opulente Kostüme zum abstrakten Bühnenbild: Das Stardesigner-Duo Viktor und Rolf legt den „Freischütz“ gemeinsam mit Regisseur Robert Wilson neu auf. ARTE überträgt das Event live aus dem Festspielhaus Baden-Baden.

Erste Kostümprobe für den „Freischütz“: Seit über einer Stunde steht Juliane Banse auf zehn Zentimeter hohen roten Plateau-Sandaletten und bekommt eine Stoffblüte nach der anderen an ihr Kostüm für die Rolle der Agathe geheftet – Blumen in pink, orange, lila, blau, gold … es wird immer bunter, aber auch immer anstrengender. Doch die zarte Sopranistin ist ein Profi, sie lächelt auch noch nach fast zwei Stunden, als endlich die letzte der 60 Blüten angeheftet ist. Jetzt sind auch Viktor und Rolf mit ihren beiden Hunden zur Stelle, das renommierte Amsterdamer Designerduo, das alle Kostüme dieser Produktion entworfen hat. Kritisch wandert ihr Blick über die fantastische Blütenpracht, Rolf zupft noch schnell an der Schärpe mit dem „Agathe“-Schriftzug und endlich ist das Bouquet fertig. „Spektakulär, aber grenzwertig und bestimmt zehn Kilo schwer“, stöhnt Juliane Banse jetzt über ihr Kostüm und zweifelt, ob sie sich darin als Förstertochter und Maxens Braut Agathe noch wird bewegen können.

ARTE OPER
PFINGSTFESTSPIELE LIVE AUS BADEN-BADEN
Carl Maria von Weber: Der Freischütz
MO • 1.6. • 19.00

Ronald Spiess alias der schwarze Jäger Samiel findet sein Kostüm „ziemlich klasse“ und ist begeistert über die „Dynamik“, die der große, vierfarbige Blitz ausstrahlt. An seinem linken Mittelfinger glitzert ein überdimensionaler Ring aus Spiegelfolie, und das ist nicht das Einzige, was hier funkelt. Denn alle Kostüme wurden mit kleinen Swarovski-Kristallen veredelt. „Insgesamt 1.350.000 Stück haben wir verwendet“, erzählt Gewandmeisterin Angelika Sproll lachend. Hunderte wurden allein auf jedes Blütenblatt appliziert, jeder Kristall einzeln. Eine unendlich mühselige Arbeit, „15 Stunden Herstellungszeit pro Blume“, schätzt Sproll, „900 bis 1.000 Stunden Arbeit für die ganze Blütenpracht“.
„Unsere Assoziationen sind ziemlich klischeehaft”, räumt einer der beiden Designer ein, „unsere Kostüme sind in Comic-Manier angelegt, sind abstrakt und wenig historisch“. Sie glauben, dies passe besonders gut zu Robert Wilsons Ästhetik. Und da „Bob“ viel mit Lichtdesign arbeite, sei die Idee mit den Swarovski-
Kristallen einfach kongenial. Und überhaupt: „Mit ihm zu arbeiten, war ein Traum, er hat uns absolute Freiheit gelassen und dennoch bekommen, was er wollte. Wir bewundern ihn sehr.“

Die Frage bleibt dennoch: Wie wird sich ein amerikanischer Regisseur, der obendrein aus Texas stammt, den deutschen Wald vorstellen? Jenen unheimlichen, mystischen Ort, der für das Unterbewusste und die Tiefe der deutschen Seele steht, und der sowohl atmosphärisch als auch symbolisch die Hauptrolle in Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ spielt? Schließlich ist dies der Ort, wo sich der Jäger Max bewähren muss, um Agathe als Frau zu gewinnen und mit ihr das Amt des Erbförsters. Hier wird er den Probeschuss ablegen müssen, so wie es das Jäger-Gesetz will. Und hier muss er mit Samiel, dem Teufel, paktieren, um die Geliebte nicht zu verlieren. „Wilson ist ein formaler Regisseur. Naturalismus hat für ihn auf der Bühne nichts zu suchen“, sagt Dramaturg Wolfgang Wiens. Das hatte Wilson schon 1990 mit der Rock-Oper „The Black Rider“ bewiesen, in der er den Freischütz zum Junkie machte – zur Musik von Tom Waits. Obwohl Wilson damit seinen Wunsch nach einer zeitgenössischen Inszenierung abgearbeitet hat, wird es auch diesmal keine rauschenden Bäume geben, kein gemütliches Försterhaus mitsamt fröhlichem Volkstreiben und keine typische Wolfsschluchtszene mit unheimlichen Felswänden und wolkenverhangenem Horizont. „Der Wald wird womöglich nur aus ein paar Brettern bestehen, die mit Holzprintstoff beklebt sind“, verrät Angelika Sproll. Ganz genau weiß sie es allerdings auch nicht, denn Robert Wilson ist immer für Überraschungen gut.

Um Wilsons Sicht der Welt zu verstehen, muss man in seine Heimat, das texanische Waco, reisen. Kein Wald weit und breit, dafür ein See und eine reformatorisch geprägte Gläubigkeit, die durch die zahlreichen baptistischen Kirchen allgegenwärtig ist. Wilson, der hier 1941 geboren wurde, litt als Kind sehr unter dem rigiden Puritanismus seiner Umgebung, wo selbst die Ermordung Abraham Lincolns im Theater als Fingerzeig Gottes dargestellt wurde. Ein introvertiertes Kind sei er gewesen, das sich oft stundenlang in seinem Zimmer einschloss, kaum sprechen konnte und in eigenen Welten lebte. Die Bilder, die er heute für jede seiner zahlreichen Inszenierungen entwickelt, nennt er „Visual books“. Dabei geht er wie ein Choreograf vor: Präzise werden die Positionen und Bewegungen der Schauspieler aufgezeichnet und nummeriert. Ein streng stilisiertes und ritualisiertes Gesten-Zeichen-System dient der Kommunikation der Figuren untereinander, oft in Zeitlupe ausgeführt und mitunter monoton wiederholt. Wilson liebt den Menschen als Marionette. Mit Illusionstheater oder Pappmaschee-Kulissen hat er nicht viel am Hut.

Was auch immer auf der Bühne des Baden-Badener Festspielhauses (nicht) geschehen wird – das Ohr bleibt frei für das Wesentliche, für die Musik: für die suggestiven Klangfarben, mit denen Carl Maria von Weber 1821 die Grundstimmung seiner Oper in Szene setzte; für die unvergänglichen Melodien, die ihm einfielen, um das idyllische Jägerleben zu charakterisieren, alle gespeist aus volkstümlichen Quellen; für die fantastischen, düsteren instrumentalen Effekte, die er als Komponist einsetzte, um die seelischen Konflikte, das Abgründige seiner Protagonisten zu schildern, wie etwa in der Wolfsschluchtszene, die von besonderer dramatischer Wucht ist. Ein musikalischer Leckerbissen also für den Dirigenten Thomas Hengelbrock, der ein Meister des differenzierten Ausdrucks und der Instrumentalkunst ist. Bringen Viktor und Rolf den Wald Robert Wilsons zum Leuchten, so wird Hengelbrock ihn zum Klingen bringen.



TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL


ARTE PLUS


Der Freischütz:
Mit dem traditionellen Probeschuss will Jäger Max die Tochter des Försters Kuno, Agathe, gewinnen und damit das Erbförsteramt. Doch am Vortag des Probeschießens trifft er nicht wie gewohnt. Besorgt wendet er sich an Kaspar, der ihm Freikugeln verspricht, die immer treffen. Um diese zu gießen, verabreden sie sich für Mitternacht in der Wolfsschlucht. Max weiß nicht, dass Kaspar einen Pakt mit dem Teufel Samiel geschlossen hat: Am Tag des Probeschusses lenkt Samiel die Kugel auf Agathe! Diese hat sich jedoch – von bösen Vorahnungen geplagt – mit geweihten Rosen geschützt.

Erstellt: 09-12-08
Letzte Änderung: 19-05-09