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05.02.05 A 20.45 :Der Meister vom Wudangshan - 08/02/05

FAQ : Tai Chi Chuan

Kleines ABC des Taiji quan


Was ist Taiji quan?

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Eine heftig umstrittene Frage, da verschiedene Schulen unterschiedliche Ansätze und Ziele verfolgen. Lassen wir einen Spezialisten zu Wort kommen:

Taiji quan kann als psychosomatisches Selbsttraining betrachtet werden. Es besteht aus dem langsamen Aneinanderreihen von Kampfbewegungen im Horizont des taoistischen Grundsatzes der Rückkehr zum Urzustand und der Logik des Yin und des Yang. Dadurch können der innere Energiefluss und die kybernetischen Kräfte des Hirns gelenkt werden.

Diese Definition ist natürlich unvollständig, da Taiji quan eine äußerst vielschichtige Kunst ist. Man könnte es auch als Wissenschaft definieren, die erforscht, wie eine Bewegung mit einem Minimum an physikalischer und Muskelkraft, das heißt so Energie sparend wie möglich durchgeführt werden kann. Oder als eine Bestätigung der von Laotse [Autor von „Tao Te King“ und einer der Gründer des Taoismus] gelehrten Regression. Diese Definition hat den Vorteil, dass sie verschiedene Merkmale wie Kampfkunst, Philosophie, Präventivmedizin (im chinesischen Sinne) und Harmonie miteinander verbindet.

Taiji quan ist das Wesen selbst der 5000 Jahre alten chinesischen Kultur und vereint alle Bereiche des menschlichen Lebens. Kampfkunst wird als das natürliche Anpassungs- und Reaktionsvermögen betrachtet, das sich aus der Koordination und somit der Stabilisierung der verschiedenen inneren Funktionssysteme des Menschen ergibt und diesem erlaubt, auf die verschiedensten äußeren Aggressionen zu reagieren.

Ziel des Taiji quan ist folglich, diese natürliche Fähigkeit zu nutzen, zu fördern und zu vervollkommnen. Das Wort Selbsttraining betont diese Disziplin, beinhaltet eine zeitliche Dimension und zeigt, dass das wirkliche Erlernen von Taiji quan, im Gegensatz zum bloßen Ausüben, mehr oder weniger viel Zeit in Anspruch nimmt.“ (Su Ying Shen, Auszug aus „Die Bedeutung des Tai Chi Chuan“; der vollständige französische Text ist zu finden unter www.onlinetribes.net/family/cigogne/index.php)

 

Woher kommt Taiji quan?     

sanfengmaster.imageDataTaiji quan kommt nicht, wie die Legende behauptet, aus den Wudang-Bergen und wurde auch nicht vor Jahrhunderten von einem taoistischen Mönch namens Zhang Sanfeng erfunden, der in der Dokumentation erwähnt ist.

Zhang San Feng

Wie José Carmona in seinem Buch „Von Shaolin nach Wudang“ schreibt, sind die Hauptquellen dieser Kunst wahrscheinlich die Selbstverteidigungspraktiken der Miliz des Dorfes Chenjiagou in der Provinz Henan. „Taiji quan hat seine Wurzeln in den alten Kampf- und Heilpraktiken der Gegend, wie aus einschlägigen Beiträgen zum Boxen von Qing-Gebildeten hervorgeht. Sie entwickelten auch die einzigartigen theoretischen Grundlagen Kunst (…). Die Theorie stützt sich auf das „Taiji quan pu“ des geheimnisvollen Wang Zongyue, eines Kampfkünstlers, der unter Kaiser Qianlong (1736-1796) gelebt haben soll, und wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiter entwickelt; sie unterscheidet sich wesentlich von den populären Kampfpraktiken (…). Verständlich also, dass die von ihm entwickelte Disziplin unter den Qing ein Privileg der höchsten Gesellschaftskreise Pekings, also der hohen Beamten und des Mandschu-Militäradels war. Es handelt sich hierbei um die älteste Form des Taiji quan, das „Laojia“. Die bekanntesten Meister in dieser Kunst waren Yang Luchan (1799-1872), Yang Banhou (1837-1892) und Quanyou (1834-1902). Die uns heute bekannten Stilrichtungen (…) sind während der chinesischen Republik (1912-1949) vereinfachte Varianten dieser „alten Schule“ und zeichnen sich durch eine Technik aus, die jedem Interessierten, egal welchen Alters oder Geschlechts, zugänglich ist, sowie durch die Beschränkung der Wirkung auf Wohlbefinden und Vorbeugung von Krankheiten. Dies sind die wesentlichen Aspekte, denen Taiji quan seinen heute überwältigenden Erfolg verdankt.“

Halten wir also fest, dass auf dem Gebiet der Geschichte des Taiji quan und der Kampfkünste viel geforscht wird und die Meinungen stark divergieren!

 

Was bedeutet „Taiji quan“?

Zunächst ein Blick auf die verschiedenen Transkriptionen aus dem Chinesischen, die erstaunlich unterschiedlich sind. So findet man beispielsweise „T’ai Chi Ch’uan“, „Taiji quan“ (besonders in Deutschland), „Taijiquan“ oder ganz einfach „Tai Chi Chuan“.  In jedem Fall wird es mehr Spaß machen, es zu tun als zu schreiben!

Was die Bedeutung dieser Begriffe angeht, so folgt hier die Erklärung des Spezialisten:

„Das chinesische Zeichen tai bedeutet „überlegen“, „zuviel“ oder „über“. Ji [oder chi] heißt „Ende“, „Schluß“, „Überlegenheit“ oder „Gipfel“. Jedoch würde man zu einer widersinnigen Bedeutung gelangen, teilte man die beiden Begriffe Taiji in zwei Worte auf und leitete daraus ab, dass Taiji eine „extreme Überlegenheit“ oder eine „oberste Grenze“ sei. Legt man Taiji so aus, was hieße dann Taiji quan [Tai Chi Chuan], da quan bzw. Chuan in diesem Fall „Boxen“ bedeutet?  Ist Taiji quan bzw. Demnach ist Tai Chi Chuan die beste Kampfkunst, weil sie auf der Höhe ist? (…) Wir sind überzeugt, dass man den Ursprung des Begriffs Taiji betrachten muss, um die wirkliche Bedeutung von Taiji quan zu verstehen. (…)

 

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Legende : Das Symbol des Taiji

 

Taiji ist demnach eine Einheit mit zwei antithetischen und voneinander abhängigen Bestandteilen, nämlich dem Yin [der schwarze Teil im Taiji-Symbol] und dem Yang [dem weißen Teil] und entspricht dem Grundzustand des Universums. Taiji ist die Erklärung und uralte chinesische philosophische Theorie der Schöpfungsgeschichte. (..)

Der Hauptgrundsatz des Taiji quan sind die Wandlungen zwischen Yin und Yang. Die Taiji quan-Theoretiker versuchen, Taiji mittels der Wandlungen zwischen Yin zu Yang nachzuahmen und zum ursprünglichen Zustand des Menschen zurückzugehen.

Dies steht im Einklang mit Laotses Lehre, die besagt, dass man zum Zustand eines Neugeborenen zurückkehren soll, da dies für die Reinheit des Geistes und die Geschmeidigkeit des Körpers wesentlich sei.

Dies deckt sich auch mit dem traditionellen chinesischen Denken, das lehrt, dass der Mensch kein einfaches menschliches Wesen, sondern eine fest im Universum verankerte Miniatur des Taiji (ein Mikrokosmos) sei“ (Su Ying Shen, Auszug aus „Die Bedeutung des Tai Chi Chuan“; der vollständige französische Text ist zu finden unter www.onlinetribes.net/family/cigogne/index.php).

 

Was sind die Grundprinzipien des Taiji quan?

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Traditionell lehrte der Meister dieser Kampfkunst seinen Schülern den von ihm entwickelten Bewegungsablauf durch Vorführen und Korrigieren. Es wurden nur sehr wenige Erklärungen gegeben, und die Meister gaben die unsichtbaren Details der Bewegungen nicht preis – einige trugen sogar lange Kleider, um die Bewegungen ihrer Taille und ihres Beckens zu verbergen. Und das aus gutem Grund: Meister der Kampfkunst zu sein, war eine sehr angesehene Position und brachte viele materielle Vorteile mit sich. Der Wettstreit zwischen den Meistern und Schulen war groß. Kenntnisse der Kampfkunst waren eine Art „Kapital“, das es zu schützen galt. Aus Angst, dass ihre Schüler eines Tages besser als sie selbst werden und eine eigene Schule gründen oder sie ausspionieren würden, verbargen viele Meister ihr kostbares Wissen. Der Meister vermittelte seine „Geheimnisse“ erst dann seinem Sohn oder seinem besten Schüler, wenn er sich selbst zu alt oder zu krank fühlte, um fortzufahren – oftmals sogar erst auf dem Sterbebett!

Mit der Entwicklung der Schusswaffen, den vermehrten Reisemöglichkeiten, der Verbreitung von Büchern und dem Export der chinesischen Kampfkünste in die westliche Welt wurde diese Art des Unterrichts überholt. 

Die Geheimnisse wurden zu „Schätzen“ und schließlich zu allen Interessierten zugänglichen „Grundsätzen“.

Jedoch gilt zu beachten, dass diese Grundsätze von Schule zu Schule, von Stilrichtung zu Stilrichtung variieren, je nach Auslegung und Ziel der Lehrer (Gesundheit, Meditation, Kampf…) Allerdings haben alle eine gemeinsame Grundlage, eine mit dem Taiji quan untrennbar verbundene Logik, die Logik des Körpers. Wenn die Bewegungen des modernen Taiji quan korrekt ausgeführt werden, tragen sie immer dazu bei, das körperliche (ganz zu schweigen vom geistigen) Wohlbefinden zu steigern. Heute würde man sagen, dass die Bewegungen des Taiji quan „osteopathisch richtig“ oder einfach dem Körper angemessen sind.

Als ein Beispiel hier eine freie Übersetzung der 10 Prinzipien von Yang Chen Fu (1883-1936), Gründer des Yang-Stils.

  

Diese Grundsätze sind in der ganzen Welt verbreitet.

-          Den Kopf gerade halten

-          Das Brustbein leicht einsinken lassen und den Rücken ausdehnen

-          In der Hüfte loslassen

-          Yin und Yang unterscheiden

-          Schultern und Ellbogen sinken lassen

-          Anstelle von Muskelkraft den Geist (Yi) einsetzen

-          Oben und Unten verbinden

-          Innen und Außen vereinen

-          Die Bewegungen ohne Unterbrechung verbinden

-          Stille in der Bewegung suchen

 

Dauert es lange, Taiji quan zu lernen?

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Dem Erlernen sind keine Grenzen gesetzt. Hier „ist der Weg das Ziel“ und daher gibt es keinen Grund, je mit dem Taiji quan aufzuhören!

Diejenigen, die Taiji quan aus gesundheitlichen Gründen betreiben, verfolgen das höchste Ziel, die Grundprinzipien dieser Kunst auf das tägliche Leben anzuwenden.

So könne man Taiji quan betreiben und ständig dessen wohltuende Wirkungen genießen, ohne dafür die Bewegungsabläufe ausführen zu müssen. Meister Tian Liyang äußert sich i, Dokumentarfilm wie folgt zu diesem Thema:

„In einem alten Sprichwort heißt es: Ein Lied kommt spontan aus dem Mund eines Sängers, und ein Boxer ist immer ein Boxer. Für  mich bedeutet das, dass ich mich ständig mit der Kampfkunst beschäftige und mich stets auf sie konzentriere. Egal wo – beim Essen, im Schlaf oder bei irgendwelchen alltäglichen Handlungen – ständig übe und forsche ich”.

Realistisch betrachtet kann man aber sagen, dass man allgemein bereits nach ein bis drei Jahren regelmäßigen Trainings die wohltuenden Wirkungen des Taiji quan auf physische und psychische Gesundheit verspürt, Freude am Ausführen der Bewegungsabläufe hat und beginnt, seinen Körper besser zu kennen und zu verstehen.

 

Wie kann man Taiji quan lernen?

Glauben Sie nicht, man könnte Taiji quan nur aus dem Buch lernen! Wenn Sie niemanden kennen, der es ihnen beibringen kann, sollten Sie sich einen Lehrer, einen Verein oder Verband suchen, der Kurse anbietet. Rechnen Sie mit ein bis zwei Kursstunden pro Woche und im Idealfall einer Viertelstunde täglichen Übens.

Wie soll man einen Verein auswählen? Schauen Sie sich um: im Telefonbuch, Vereinslisten von Kultur- und Sportvereinen in Ihrer Region, im Internet…

 Einige dieser Vereine sind nationalen Verbänden, die u. U. vom Sportministerium anerkannt werden, angegliedert. Siehe Linkliste.

Schauen Sie sich einen Kurs vor Ort an; machen Sie sich eine Vorstellung vom Unterrichtsangebot; was ist das Ziel des Kurses (Gesundheit, Wettkampf, Kampfsport…)? Was ist ihr Ziel? Überlegen Sie sich, ob Sie sich bei diesem Lehrer wohl fühlen würden…

Sie können auch in den Parks Ihrer Stadt spazieren gehen und den Taiji quan-Anhängern beim Training zuschauen (in Paris z.B. wird Taiji quan samstags und sonntags vormittags in den Jardins du Luxembourg praktiziert) oder mit einem Wochenend-Workshop beginnen.

 

Was für eine Ausrüstung braucht man für Taiji quan?    

Keine. Bequeme Schuhe ohne Absätze und Kleidung, die die Bewegungsfreiheit des Körpers nicht einschränkt, reichen aus. Wenn man die VHS (s.u.) eines amerikanischen Lehrers anschaut, könnte man meinen, dass nicht einmal dies notwendig ist.

 

 

 

Kann man mit Taiji quan kämpfen?

Ja, allerdings erst nach langen Jahren des regelmäßigen engagierten Trainings und wenn man sich dabei auf die Kampfaspekte konzentriert! In diesem Sinne folgender Witz:

-          Ein breitschultriger Kerl geht auf einen Schlaukopf zu: „Lass uns rausgehen und es wie Männer regeln: mit den Fäusten!!“

Der andere führt einige ruhige Taiji quan-Bewegungen aus und antwortet: „Bitte. Aber ich warne Sie: ich beherrsche Taiji quan!“

Der Muskelprotz seufzt und meint:

„Taiji quan?! Oh… Nee, dann lassen wir das lieber… Das dauert mir dann doch zu lange…“

 

 

Arbeiten mit Tian Liyang, dem „Meister aus Wudangshan“

Tian Liyang kommt jedes Jahr nach Europa, um Taiji quan-Workshops der Stilrichtung Wudang anzubieten. Unter www.wudang.info sind seine Workshops zu finden, ebenso Reisen in die Wudangberge, die das Entdecken des Landes mit dem Lernen von Qi gong oder Taiji quan verbinden.

Anmerkung: Leider erhält diese Homepage die Legende aufrecht, derzufolge Taiji quan von Zhang Sanfeng in den Wudangbergen erfunden worden sein soll.  Diese Legende wird auch in Wudangshan und in den Wudangbergen selbst verbreitet, wo die inneren Kampfkünste ebenso zu einem Geschäft geworden sind, wie die äußeren Kampfkünste in Shaolin.

Vgl. in diesem Zusammenhang José Carmonas bereits an früherer Stelle zitiertes Werk und folgenden Artikel der Zeitschrift „Taiji quan & Qigong Journal“ unter:

http://www.tqj.de/Archiv/04-3/schwerdt.html 

 

Die inneren Kampfkünste in Bildern

Es gibt zahlreiche VHS und DVD von Taiji quan-Lehrern, die als Ergänzung zu Kursen sehr sinnvoll sein können (siehe z.B. Katalog des amerikanischen Verlags Wayfarer, unter Links).

Spielfilme jedoch gibt es weitaus weniger zum Thema, von der enormen Produktion aus Hongkong einmal abgesehen: „Die Rache des Tai Chi Meisters“, „Das Tai Chi des Betrunkenen“ oder „Die unheilvollen Drachen des Tai Chi“, alles Titel, die wir nicht gesehen haben.

Unter den neueren Produktionen sei v. a. „Tai Chi“ von Yuen Woo-ping und mit Jet Li (Hong Kong 1993) erwähnt, der die Legende um Zhang Sanfeng wieder aufgreift.

 Die Einleitung zeigt zwar einige Hundert Personen beim Training von Taiji quan, Yang-Stil, mit einer Nahaufnahme von Jet Li, der vielleicht zu sehr von außen kommt, um völlig glaubwürdig zu wirken), der Rest des Films zeigt jedoch sehr wenig von dieser inneren Kampfkunst.

 Ein anderer Film mit Jet Li ist hier aussagekräftiger. „Theo ne“ von James Wong (Hong Kong 2001), wo die Hauptperson zwei Gesichter hat. Man sieht einen hinterhältigen Jet Li die schnurgeraden Bewegungen des Ying I ausführen, während der sympathische Jet Li sich an den runden Bewegungen des Bagua Zhan übt.

 Der aktuelle Film, der einige Fragen zum Taiji quan vielleicht am besten erläutert, ist die Komödie „Shaolin Soccer“ von Stephen Chow (Hong Kong 2001).

 Man sieht ein junges Mädchen, das nach den Grundsätzen des Taiji quan Mantou, eine Art Dampfbrötchen, zubereitet. Später verhindert sie in einem bedeutenden Fußballspiel ein Tor, indem sie den wie eine Kanonenkugel auf das Tor zu fliegenden Ball mit seiner eigenen Energie ablenkt – ein Grundprinzip der Partnerarbeit des Taiji quan. Wobei wir uns hier natürlich in der Symbolwelt und nicht in der Wirklichkeit befinden.

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Der Meister vom Wudangshan
Regie: Ulla Fels
Dokumentation,
Deutschland 2004,16:9 52 Min.
SWR   
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Erstellt: 03-02-05
Letzte Änderung: 08-02-05