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ARTE Journal - 30/06/12

Europas Staatsschulden im Vergleich

Gerade konnten Europas Spitzenpolitiker einen Wachstumspakt auf den Weg bringen und sich im Prinizip auf eine europäische Bankenaufsicht einigen. Zugleich beschlossen sie, dass der Rettungsfonds ESM ab 2013 Banken direkt und ohne Umweg über den Staatshaushalt rekapitalisieren darf - ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Wirtschaftsregierung.

Der Brüsseler EU-Gipfel war deshalb so bedeutend, weil die Eurozone seit zwei Jahren unter der galoppierenden Verschuldung mancher Mitgliedsstaaten leidet. Diesen fällt es immer schwerer, auf den Finanzmärkten zu einigermaßen erträglichen Bedingungen Staatsanleihen aufzunehmen. Eine verworrene Situation, der das Internet-Team von ARTE Journal begegnen will. Die Staatsverschuldung der verschiedenen Staaten der Eurozone liegt im Durchschnitt bei 87,2% des BIP. Hinter dieser Zahl verbergen sich jedoch sehr unterschiedliche Realitäten.



Quelle der Statistiken: Eurostat


Länder, die auf eine EU-Finanzhilfe angewiesen sind


  • Fünf EU-Staaten brauchen im Moment die finanzielle Solidarität Europas: Griechenland, Irland und Portugal, und neuerdings auch Spanien und Zypern.

  • Griechenlands Staatsverschuldung stieg in den letzten fünf Jahren von 107% auf 165% seines Bruttoinlandsprodukts (BIP) - trotz finanzieller Hilfe durch die EU, den Weltwährungsfonds sowie zweier Rettungspläne in Höhe von mehr als 250 Milliarden Euro. Eine unhaltbare Situation, in der die Bevölkerung nicht mehr weiß, wem sie glauben soll. Ein Zeichen für diese Orientierungslosigkeit ist der Einzug der Neonazi-Partei "Goldenes Morgengrauen" ins griechische Parlament.

  • Auch Irlands Wirtschaftsdaten sehen weiter nicht gut aus. In den letzten fünf Jahren verfünffachte sich die Staatsverschuldung, die jetzt 108,2% des irischen BIP ausmacht. Und Irlands Staatsdefizit hat nach jüngsten Statistiken (Quelle: Eurostat) trotz eines europäischen Rettungspakets in Höhe von 80 bis 90 Milliarden Euro die 30%-Marke überschritten.

  • Schlecht geht es auch Portugal. Ende 2011 betrug die Staatsverschuldung des Landes 107,8% des BIP und das Haushatsdefizit lag bei 10%, obwohl Europa dem portugiesischen Staat mit 78 Milliarden Euro unter die Arme greift.

  • Ein neuer "Wackelkandidat" ist Zypern. Zu Beginn der Woche hatte es Brüssel um eine Finanzhilfe in noch unbekannter Höhe gebeten, "um die Risiken für die zyprische Wirtschaft einzudämmen". Hauptursache für das rasante Ansteigen der Staatsverschuldung (derzeit 71,6% des BIP) ist Zyperns wirtschaftliche Verzahnung mit Griechenland.

  • Der schwierigste Fall in diesem "Fünferclub" ist jedoch Spanien. Denn im Gegensatz zu den vier anderen Krisenstaaten fällt seine Wirtschaft in der Euro-Zone deutlich ins Gewicht (11,5% ihres BIP). Jahrelang hatte der Bausektor den Aufschwung getragen. Nach dem Platzen der Immobilien-Blase fiel er wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Spaniens Staatsverschuldung hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Sie liegt jetzt bei 68,5% des BIP.


Länder, die beunruhigen


  • Wegen seiner sehr hohen Staatsverschuldung (120,1% des BIP im Jahr 2011) ist auch Italien im Visier der Finanzmärkte, obwohl die Italiener seit mehr als 15 Jahren an eine solche Schuldenhöhe gewöhnt sind. Allerdings halten sich Kreditgeber wegen der allgemeinen Schuldenkrise zurück. Sie haben Zweifel, dass die Staaten auf Dauer wirklich zahlungsfähig bleiben. Das ist deshalb beunruhigend, weil Italien die drittgrösste Volkswirtschaft in der Euro-Zone ist und 17% ihres BIP erwirtschaftet. Dazu kommt die politische Instabilität nach der Ära Berlusconi.

  • Frankreich dagegen scheint auf dem Weg zur Besserung. Pessimisten hatten eine Attacke der Finanzmärkte nach der Wahl von Staatspräsident Hollande vorhergesagt. Sie ist bislang ausgeblieben. Zwar ist die Verschuldung der zweitgrössten Volkswirtschaft der Eurozone mit 85,8% des BIP sehr hoch. Die Regierung Ayrault hat aber das Ziel, das bereits tendenziell sinkende Haushaltsdefizit 2013 auf drei Prozent herunterzudrücken. Damit würde Frankreich eines der Maastricht-Kriterien erfüllen. Die EU-Kommission geht aber von einem voraussichtlichen Haushaltsdefizit von 4,2 Prozent aus.


Länder, die besser wirtschaften


  • Die Staaten dieser Gruppe haben es mehr oder weniger geschafft, ihre Finanzen in Ordnung zu halten. Allen voran das wirtschaftsstarke Deutschland. Dessen Verschuldung liegt zwar bei 81,2% des BIP, sie ist jedoch 2010 und 2011 um 2 Punkte gesunken. Beruhigend erscheint, dass die anderen Wirtschaftsdaten deutlich im grünen Bereich liegen, etwa das Haushaltsdefizit von nur einem Prozentpunkt oder die weiterhin sinkende Arbeitslosenrate. Ein Vorbild für andere EU-Partner?

  • Manche in der Eurozone sind aber noch besser als Deutschland.

  • Luxemburg zum Beispiel, dessen Staatsverschuldung sich zwar in den letzten fünf Jahren verdreifacht hat. Aber 18,2% des BIP sind immer noch sehr wenig.

  • Spitzenreiter ist jedoch Estland, das 2011 als bisher letztes Land der Eurozone beigetreten war. Seine Verschuldung ist mit nur sechs Prozent des BIP die niedrigste der 17 Staaten dieser Zone. 2010 und 2011 leisteten sich die Esten sogar den Luxus einen Haushaltsüberschuss. Von solch idyllischen Zuständen können viele europäische Staatslenker nur träumen.

ARTE Journal, Fred Méon



Erstellt: 29-06-12
Letzte Änderung: 30-06-12