Schriftgröße: + -
Home > Europa > Europa und die Globalisierung > Die Begegnung des Jahres

Europa und die Globalisierung: Neues aus der Berichteküche

Die eine ist Deutsche, die andere Französin. Die beiden Journalistinnen arbeiten gerne zusammen im Tandem.

Europa und die Globalisierung: Neues aus der Berichteküche

Interview - 25/01/10

Unsere deutsch-französische Begegnung des Jahres 2009-2010

Eva John und Romy Straßenburg sind sich 2006 im Pariser Quartier Latin begegnet, und zwar beim „Festival du Cinéma allemand“ unter der Schirmherrschaft des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW). Eva hatte gerade ihr Journalistikstudium abgeschlossen, Romy studierte noch. 2007 realisierten die beiden Frauen gemeinsam das Projekt „Génerations 80“, das mit dem Deutsch-Französischen Journalistenpreis ausgezeichnet wurde. Seitdem arbeiten Eva und Romy gern zusammen, auch wenn Eva seit kurzem in Südkorea lebt. Die deutsch-französische Begegnung des Jahres.

Previous imageNext image

Romy, Sie wurden in Ostberlin geboren und absolvierten zunächst ein Praktikum in Nancy, bevor Sie in Paris ihre Tätigkeit als Journalistin begannen. Welche Bedeutung hat für sie der Begriff „deutsch-französische Freundschaft“?
Freundschaft im weitesten Sinne bedeutet für mich, dass man die Qualitäten des anderen entdeckt, Unterschiede zu schätzen weiß und zugleich nach Gemeinsamkeiten sucht. Als ich mich in Frankreich niedergelassen habe, hatte ich eher den Eindruck, mich bei Freunden „einzuquartieren“, als im Ausland zu leben. Niemals wurden mir wegen meiner Herkunft Ressentiments entgegengebracht, ich bin lediglich mit einigen Klischees konfrontiert worden, über die ich lachen muss. Ich denke, dass man in jeder Zweierbeziehung miteinander reden und sich manchmal streiten muss; Konflikte sind unumgänglich, um weiterzukommen. Bei Eva und mir ist das genauso, denn im Grunde sind wir zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber ich versichere Ihnen, dass die Frage der Staatsangehörigkeit zwischen uns nie eine Rolle gespielt hat.

  • TIPP

"99 Ideen für die deutsch-französischen Beziehungen"

Eine Inititiative des Newsmagazins Parisberlin, mit dem ARTE assoziiert ist.

Nachzulesen auf dem Blog parisberlin2030

Eva, was verbirgt sich für Sie hinter dem Ausdruck „deutsch-französische Beziehungen“?
Manchmal fragen Romy und ich uns tatsächlich, was er eigentlich bedeutet. 47 Jahre nach dem Élysée-Vertrag mag dieser offizielle Begriff abstrakt und bürokratisch erscheinen. Aber man darf nicht vergessen, dass die deutsch-französische Freundschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Man braucht sich nur in der Welt umzuschauen, um sich bewusst zu machen, wie selten diese Art historischer Aussöhnung ist. Nur ein Beispiel, das ich gerade miterlebe: Zwischen Korea und Japan bestehen bis heute starke Spannungen, 65 Jahre nach dem Ende der japanischen Besatzung. In Korea ist dieser Groll sogar bei kleinen Kindern spürbar. Koreaner und Japaner sind weit davon entfernt, ein gemeinsames Geschichtsbuch schreiben zu können, wie es die Deutschen und die Franzosen getan haben – auch wenn ein solches Projekt bereits angeregt wurde.

Romy, welche großen Ereignisse haben aus Pariser Sicht im Jahr 2009 die deutsch-französischen Beziehungen geprägt?
2009 war auf dem Gebiet der deutsch-französischen Beziehungen ein sehr ertragreiches Jahr. Ein Glücksfall für Auslandskorrespondenten! Die Finanzkrise hat uns daran erinnert, dass unsere Regierungen große Verantwortung für das reibungslose Funktionieren der gesamten EU haben. Anfangs hatte ich ehrlich gesagt nicht den Eindruck, dass sie sich dessen bewusst waren. Doch im Lauf des Jahres hat sich die Zusammenarbeit verbessert. Frankreich und Deutschland haben in Straßburg und Kopenhagen recht eng zusammengewirkt. Auch wenn die Versuche einer gemeinsamen Vorgehensweise nicht immer erfolgreich waren, sind wichtige Handlungen vollzogen worden. Mich persönlich hat es sehr berührt, am 11. November ein deutsches Staatsoberhaupt unter dem Triumphbogen zu sehen. Die Tatsache, dass Frankreich den Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg feiert, hat in mir immer den Eindruck erweckt, die wahre Versöhnung liege noch in weiter Ferne. Dass Nicolas Sarkozy Angela Merkel eingeladen hat, war eine bedeutsame Geste, und ich glaube, die Menschen, die an diesem Tag anwesend waren, haben gespürt, dass die deutsch-französische Freundschaft wirklich existiert. Auch die französischen Riesenmarionetten, die am 9. November 2009, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, durch Berlin zogen, waren eine solche Geste, diesmal auf kulturellem Gebiet. Ich war an jenem Abend auf der Place de la Concorde und habe mich gefreut, dass so viele Franzosen das Ereignis feierten.

Eva, Sie leben seit September 2009 in Seoul. Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands und Frankreichs in Europa?
Es wird oft gesagt, Deutschland und Frankreich seien der Motor Europas. Das ist eine historische Tatsache, und ich denke, sowohl Frankreich als auch Deutschland können anderen Ländern als Beispiel dienen. So ist Deutschland auf dem Gebiet des Umweltschutzes den meisten anderen Mitgliedsstaaten weit voraus. Der Kopenhagener Gipfel hat zwar gezeigt, dass es im Bereich der internationalen Kooperation sehr schwierig ist, den Worten Taten folgen zu lassen. Doch innerhalb Europas könnte die deutsch-französische Partnerschaft bereits der erste Schritt zu einem fruchtbaren Austausch von Ideen und Know-how sein. Ich denke beispielsweise an die Deutsch-Französische Koordinierungsstelle Windenergie, von der mir eine Freundin, die dort tätig war, erzählt hat.

Romy und Eva, was sind von Ihrem jeweiligen Standpunkt aus Ihre Erwartungen an die Europäische Union für das kommende Jahrzehnt, in dem sich der wachsende Einfluss der Schwellenländer, insbesondere Chinas und Indiens, stark bemerkbar machen wird?
Eva: Korea erlebt, wie ich entdecke, einen ähnlichen Wirtschaftsboom wie China. Vor rund 40 Jahren gehörte das Land zu den ärmsten der Welt. Heute baut eine koreanische Firma die drei höchsten Wolkenkratzer der Welt. Anfang 2010 ist der Freihandelsvertrag zwischen Korea und der EU in Kraft getreten. Der Aufstieg der neuen Wirtschaftssupermächte in Asien führt zu einer allmählichen Verschiebung des Gleichgewichts in der Welt. Und meiner Meinung nach hängt der Einfluss der EU stark davon ab, wie geschlossen die Mitgliedsstaaten auftreten.
Romy: Meiner Meinung nach darf nicht allein das Streben nach wirtschaftlicher Leistung im Vordergrund stehen. Das Wachstum in Indien und China könnte durch Mangel an Demokratie, soziale Ungleichheit und Umweltprobleme gefährdet werden, und wenn die Mitgliedsstaaten der EU nicht an einem Strang ziehen und gemeinsam ihre Trümpfe ausspielen, wird es schwierig sein, die bestehenden Werte der EU zu bewahren.

Das Gespräch führte Claire A. Poinsignon



WEITERE INFORMATIONEN zum Tandem Eva und Romy



Erstellt: 19-01-09
Letzte Änderung: 25-01-10


+ aus Europa