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Berlinale 2006 - Wettbewerb - 16/09/08

Es ist Winter (Zemestan)

Ein Film von Rafi Pitts


Kritik an der perspektivlosen
iranischen Gegenwart

Iran, 2006, 85’
Darsteller: Mitra Hadjar, Ali Nicsolat, Saeed Orkani, Ashem Abdi u.a.

Synopsis: Ein Mann ohne Arbeit verlässt seine Familie. Monatelang bleibt er verschwunden. Zur gleichen Zeit taucht ein Fremder auf, auch er auf der Suche nach Arbeit. Als er hört, dass die schöne junge Frau Witwe ist, versucht er, sie zu erobern.

Biografie: Geboren 1967 in Mashad, Iran. Die Mutter ist Iranerin, der Vater Engländer. Als Kinderdarsteller tritt er in mehreren iranischen Filmen auf. 1978 verlässt die Familie den Iran, er setzt den Schulbesuch in England fort. In London studiert er am Harrow College of the Polytechnic Film und Kamera. 1991 übersiedelt er nach Frankreich, wo er im gleichen Jahr seinen ersten Kurzfilm realisiert. Sein Spielfilmdebüt LA CINQUIEME SAISON wird 1997 ein internationaler Festivalerfolg. ZEMESTAN ist sein dritter Spielfilm.


Im Gespräch mit Rafi Pitts


Kritik: So hoffnungslos hat noch kein iranischer Filmemacher seine Heimat gefilmt. Ein abgelegenes graues Betonhaus in der Steinwüste als familiäre Zuflucht vor der rauen Wirklichkeit, Autobahnen mit endlos lärmenden Verkehrsströmen, im Nichts verschwindende Bahngleise, Fabriken und Schrotthalden als trostlose Arbeitsplätze für die iranische Arbeiterklasse, deren Lohn kaum fürs Überleben reicht. Und es ist Winter und es schneit und schneit.

Der 1967 geborene Regisseur Rafi Pitts beschäftigt sich in seinem dritten Spielfilm mit der iranischen Arbeiterklasse, deren Situation sich trotz islamischer Revolution immer weiter verschlechtert hat. In nur 25 Jahren hat sich Irans Bevölkerung verdoppelt, mit der Folge, dass immer mehr Männer sich als Wanderarbeiter verdingen und ihre Familien im Stich lassen. Auch MOKHTAR (Ashem Abdi) verlässt ohne große Worte Frau und Tochter, um Arbeit zu finden, nachdem er zuvor seine ganzen Ersparnisse in ein tristes Wohnhaus gesteckt hat. Doch keiner klagt - Irans Unterschicht ist den täglichen Überlebenskampf gewöhnt.

Auch MARHAB (Ali Nicsolat) ist ein solcher Wanderarbeiter, wenn auch noch jung und nicht gewillt, die allgegenwärtige Schicksalsergebenheit seiner Landsleute zu teilen. Marhab ist ein unbeschwerter Glücksritter, den es immer dort hintreibt, wo das Leben ein kleines bisschen verheißungsvoller zu schein scheint. Doch auch er beißt sich an der rauen Wirklichkeit die Zähne aus – keine Arbeit, wenn, dann ein Job, indem sein Talent als Mechaniker ohne Bezahlung ausgebeutet wird. Dennoch fordert Marhab mit seinen kleine Provokationen das System heraus. Allein der Mut, den Befehlen seines Arbeitsgebers zu widersprechen, obwohl er damit seine Kündigung riskiert, scheint seinem Freund ALI (Saeed Orkani) ungeheuerlich. Dass Marhab daran denkt, sich amüsieren zu wollen und eine Frau zu finden, ist eine Sünde, zumal, wenn man gleichzeitig so unglaubliche Dinge ausspricht, wie, dass es besser sei, die eigenen Eltern zu verlassen, wenn sie alt würden.

„Zemestan“ erzählt auch von Irans ebenso starken wie unterdrückten Frauen. Khatoun (Mitra Hadjar), die allein gelassene schöne, junge Ehefrau, ist zugleich Überlebende und Gefangene eine Systems, in dem verwitwete Frauen allein zu bleiben haben. Ein Märtyrerin, die es verinnerlicht hat, männlichen Befehlen und Geboten widerspruchslos zu gehorchen. Und die dennoch ihren Stolz bewahrt. Seine vier Hauptrollen hat Rafi Pitts ausschließlich mit Laiendarstellern besetzt – sie alle stammen aus der iranischen Arbeiterklasse. Ihnen lässt er viel Raum zur Improvisation, so fließt in den Film auch ihr persönlicher Erfahrungsschatz mit ein.

Basierend auf einem Roman des iranischen Schriftstellers Mahmoud Dowlatabadi, der in der Zeit vor der Schah-Revolution von 1968 spielt, hat Pitts mit „Zemestan“ der sprachlosen iranischen Unterschicht ein Denkmal gesetzt. Seine Kritik an der perspektivlosen iranischen Gegenwart dürfte den gegenwärtigen Machthabern um Präsident Mahmud Ahmadinedschad missfallen haben.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 09-02-06
Letzte Änderung: 16-09-08