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24/01/05

Erinnern in Israel

60 Jahre nach dem Holocaust gibt es in Deutschland eine lebhafte Debatte über den Umgang der Deutschen mit diesem Teil ihrer Geschichte: Davon zeugen das fast fertiggestelle Holocaust-Mahnmal in Berlin, der 2001 fertiggestellte Bau des Jüdischen Museums in Berlin, die Walser-Bubis-Diskussion vor 7 Jahren, die aufzeigte, wie brüchig der vermeintliche Konsens in der Gedächtniskultur ist. Mit dem zeitlichen Abstand zum Holocaust und einer neuen heranwachsenden Generation entsteht eine größere Unbefangenheit im Umgang miteinander, selbst wenn es nach wie vor Berührungsängste gibt und der Rechtsradikalismus bedrohlich zugenommen hat. Jüngster Vorfall: am 21.1.2004 nutzten die NPD-Abgeordneten im Sächsischen Landtag eine Gedenkveranstaltung dazu, den Alliierten "Bombenholocaust" vorzuwerfen und eine Schweigeminute für die Holocaust-Opfer zu boykottieren. Soziologen schätzen das rechtsextreme Wählerpotential in Deutschland auf 15 Prozent.

Auch in Israel wird inzwischen über dieses kollektive Trauma, das die Gesellschaft bisher einte, ganz neu und kontrovers diskutiert. Dies ist umso bemerkenswerter, als - so Moshe Zuckermann, Historiker in Tel Aviv - "Israel sich von Anfang an als eine nach dem Holocaust notwendig gewordene "Versicherungspolice" des jüdischen Volks verstand" und "seine gesamte politische Kultur von Anbeginn weitgehend auf dem Andenken des Holocaust basierte". Bis vor wenigen Jahren wurde das auch staatlich organisierte Erinnern nicht in Frage gestellt, sondern "gleichsam als allgemeines zionistisch-nationales Heiligtum gehütet". Seit ein paar Jahren aber wagen sich beispielsweise orthodoxe bzw. ultraorthodoxe Gruppen mit ihrer Interpretation, der Holocaust sei die göttliche Strafe für die jüdische Aufklärung und den politischen Zionismus, an die Öffentlichkeit. Die Gründung des Staates Israel wird von ihnen als eigenmächtiger Vorgriff in die gottgewollte Erlösung des jüdischen Volkes gedeutet, die aber erst mit der Ankunft des Messias erfolgen könne.

Auch andere gesellschaftliche Gruppen im heutigen Israel äußern offen ihre Sicht des Holocaust und instrumentalisieren ihn für politische Zwecke. Von israelischen Juden orientalischer Herkunft kommen nachdenklich stimmende Vorwürfe, wie die Behauptung, die ethnische Diskriminierung in Israel sei "eine Art" kultureller Shoa oder wie z.B. das Graffiti "Aschkenazim" an Tel Aviver Hauswänden, bei dem die hebräischen Bezeichnungen "ashkenasim" für aschkenasische Juden (d.h. die aus Europa stammenden Juden im Gegensatz zu den 1492 von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden) und "nazi" zu einem Wort zusammengezogen wurden. Seitens der jüdisch-orientalischen Intelligenz kommen hier Ressentiments gegen den israelischen Staat zum Ausdruck, der als ein westliches, von aschkenasischen Juden dominiertes Projekt empfunden wird und dem ein kultureller Vernichtungszug gegen die orientalischen Juden zum Vorwurf gemacht wird. Auf arabischer Seite wird unter anderem argumentiert, der Holocaust werde von den Israelis dazu benutzt, die in den besetzten Gebieten praktizierte Unterdrückung damit relativieren zu können.

Hier sind nur einige der in Israel zu hörenden Positionen grob angerissen, ausführlicher und differenzierter präsentiert werden sie in Moshe Zuckermanns Artikel "Die Parzellierung der Shoah-Erinnerung im heutigen Israel. Vom historischen Ereignis zum Gegenstand ideologischer Projektion". Diese Zersplitterung des Holocaust-Gedenkens spiegelt die zunehmende und tiefgreifende Spaltung der israelischen Gesellschaft wider, die scheinbar nur noch durch die äußere Bedrohung zusammengehalten wird. Es wird auch immer klarer, wie weitgehend anders die russische Einwanderung in Israel (immerhin eine Million Menschen) mit der Shoa umgeht, als etwa die aschkenasischen Alteingesessenen. Auch die Instrumentalisierung hat seit kurzem neue Dimensionen erreicht: zuletzt besonders eklatant sichtbar, als die Gaza-Siedler sich einen orangenen Judenstern zur Kennzeichnung ihres "Opfer"-Status angesichts des angepeilten Rückzugs aus dem Gazastreifen anhefteten.

Moshe Zuckermann sieht als Ursache dafür den zu Beginn der 90er Jahre einsetzenden Friedensprozess, der eine "Lockerung der kittenden Funktion des langjährig ideologisierten Sicherheitsproblems bewirkte". Zum ersten Mal konnten nun die strukturell angelegten, gleichwohl über Jahrzehnte verdeckten Widersprüche und Konfliktpotenziale der israelischen Gesellschaft an die Oberfläche geschwemmt werden: die ethnischen Diskrepanzen, die im Laufe der Jahre größer gewordene Klassenkluft, der nicht mehr nur theoretisch ausgetragene Kulturkampf zwischen religiösen und säkularen Juden, sowie die (vor allem für die Araber Israels, aber eben nicht nur für sie) höchst bedeutsame Frage, ob Israel sich künftig als Staat der Juden oder als Staat all seiner Bürger begreifen will".

Zwar sind "die Israelis" seit Ausbruch der zweiten Intifada wieder näher zusammengerückt. Aber das hat nur zeitweilig angehalten, früher oder später dürfte die Zerrissenheit wieder an die Oberfläche gelangen. Und dieses vermeintliche Zusammenrücken hat grundsätzlich nichts an der Parzellierung der Diskurse, schon gar nicht an der der Shoah-Diskurse geändert.

Lesen Sie hierzu:
"Die Parzellierung der Shoa-Erinnerung im heutigen Israel. Vom historischen Ereignis zum Gegenstand ideologischer Projektion" von Moshe Zuckermann (Prof. für Soziologie, Geschichte und Politologie an der Universität Tel Aviv und Leiter des dortigen Historischen Instituts für Deutsche Geschichte), September 2001

Erstellt: 19-01-05
Letzte Änderung: 24-01-05