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Jahrhundertaufnahmen Jazz

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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Eric Dolphy : « Out to Lunch! »

Blue Note 1964


Die Freiheit in der Form
von Thomas Neuhauser

Jahrhundertaufnahmen des Jazz

Es sollte ein Durchbruch und ein Aufbruch werden für den noch jungen Eric Dolphy, der schon mit den ganz großen Jazz-Innovatoren seiner Zeit wichtige Aufnahmen eingespielt hatte. Mit einer damals noch ungewöhnlichen Besetzung und Instrumentierung veröffentlichte er 1964 mit „Out to Lunch!“ sein erstes Blue Note-Album, auf dem er die für ihn ausgereizten Hard-Bop-Spielformen hinter sich ließ, ohne jedoch die Bindung an seine afro-amerikanischen musikalischen Wurzeln zu verlieren.

Der als innovativer Multi-Instrumentalist an der Seite von Mingus, Coleman oder Coltrane bereits hoch geschätzte, aber als Komponist oft noch unterschätzte Dolphy, zeigt hier  eine erstaunlich reife Meisterschaft auf beiden Gebieten. Nicht nur wegen der von ihm zum markanten Solo-Instrument im Jazz erhobenen Bass-Klarinette ist die Ballade „Something sweet, something tender“ dafür ein schönes Beispiel. Seine Mitmusiker, die keineswegs nur begleiten, setzen hier - wie auch bei seinen anderen Kompositionen - genau die richtigen Akzente: Freddy Hubbard mit einer kontrolliert energiegeladenen Trompete, Bobby Hutcherson mit einem kontrastreich pulsierenden Vibrafon, Richard Davis mit einem variablen Kontrabass, und am finessenreichen Schlagzeug der gerade 18-jährige Tony Williams am Start einer großen Laufbahn.

Wenn Arrigo Polillo in seinem Standardwerk „Jazz“ (Schott Verlag 2007) schreibt, Dolphy vereine die Stile von Charlie Parker und Ornette Coleman, so ist sein eigenwilliges, natürlich auch von Thelonious Monk beeinflusstes Spiel, damit zwar richtig, aber eben nur unvollständig umschrieben. Dolphy hatte schon 1961 an Colemans epochaler „Free Jazz“-Aufnahme mitgewirkt, seine folgenden klassischen Hard-Bop-Platten lassen erahnen, dass er die stilistischen und tonalen Grenzen dieser vorherrschenden Spielform bald überschreiten würde.

Aber Dolphy war kein eigentlicher Free-Spieler, weder am Saxofon, noch an der Querflöte oder an der Bassklarinette – er suchte die Freiheit in der Form, bewahrte dramatische Strukturen und hat selbst sein Spiel immer als tonal bezeichnet. Es ist auch gerade eine der Stärken des ganzen Albums „Out to Lunch“, dass Dolphy hier zwar die Grenzen der Tonalität auslotet, die musikalischen Strukturen seiner Kompositionen intelligent dekonstruiert und rekonstruiert, dabei aber den Bezug zur Tonalität und zu seinen afro-amerikanischen Wurzeln nie ganz verliert. Er vollzieht das schrittweise Heraustreten ins Freie nicht als radikalen Bruch, sondern als einen folgerichtigen, wenn nicht sogar notwendigen und beim Hören immer nachvollziehbaren Prozess.

 

Auf „Out to Lunch!“ konnte Dolphy erstmals seine komplexen Kompositionen, seine Vorliebe für ungerade Metren und seine besondere Klangästhetik konsequent umsetzen - kongenial unterstützt von hervorragenden Musikern, jeder einzelne selbst ein großer Solist. Man muss nur das dynamische, unter permanenter Hochspannung stehende Titelstück hören, auf dem Dolphy zeigt, dass er mit dem Alt-Saxophon ebenso virtuos umgeht, wie mit Querflöte und Bass-Klarinette. Musikalische Intellektualität und Komplexität sind hier keine unterkühlte Angelegenheit sondern, bei entsprechender Aufmerksamkeit, aufregend, lebendig und spannend. Die inzwischen digital remasterte und als CD erschienene Platte wurde denn auch 1984 vom einflussreichen englischen Musikmagazin „The Wire“ zum besten Jazz-Album aller Zeiten gewählt, noch vor Miles Davis „Kind of Blue“ und Coltranes „A love supreme“, die sonst immer die ersten Plätze belegen.

Ein Durchbruch ist diese Jahrhundertaufnahme für Eric Dolphy denn auch geworden, für einen Aufbruch blieb ihm tragischerweise nicht mehr genügend Zeit. Wie viele andere Jazzmusiker seiner Zeit sah er seine Zukunft mit dieser abstrakten, intellektuell herausfordernden Musik schon nicht mehr im US-amerikanischen Markt. Nach den Aufnahmen von „Out to Lunch!“ im Februar 1964 in Rudy van Gelders legendärem Tonstudio ging er nach Europa, wo der neue Jazz in den Metropolen begierig aufgenommen wurde. Nach einigen Engagements in Frankreich und Holland konnte er nur noch eine Platte mit Misha Mengelberg und Han Benninck aufnehmen, die unter dem Titel „Last Date“ posthum erschien, er starb, gerade 36-jährig, vor einem Auftritt im Juni 1964 in Berlin an den Folgen einer Diabetes-Komplikation. So wurde „Out to Lunch“ auch das Vermächtnis eines großen Erneuerers, der das Jazz-Idiom maßgeblich erweiterte, aber an der völligen Auflösung der musikalischen Struktur (noch) kein Interesse hatte.

 

Text: Thomas Neuhauser


Eric Dolphy: „Out to Lunch!
Blue Note 1964


Erstellt: 19-07-07
Letzte Änderung: 28-11-08