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ARTE Journal - 07/11/13

Episode 2: Die Türkin Zeynep

Zweite Episode: Die Türkin Zeynep über Einwanderungspolitik, den Islam und das französische Gesetz gegen die Leugnung des Genozids an den Armeniern

Die Themen Immigration, Islam werden immer wieder diskutiert, ebenso das Völkermord-Gesetz, das der französische Verfassungsrat gerade wieder kassiert hat. Aus diesem Anlass porträtiert ARTE Journal eine Türkin in Frankreich. Immigration, dass ist schon seit langem wie überall in Europa das Lieblingsthema der Rechten beim Stimmenfang im Präsidentschaftswahlkampf. Ob nun der rechtsextreme Front National oder die konservative UMP, beide Parteien überschlagen sich geradezu mit Vorschlägen, wie die Immigration eingedämmt werden könnte. Der französische Innenminister Claude Guéant hatte 2011 versprochen, die Zahl der Einwanderer zu senken.
Der Wahlkampfslogan der FN-Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen lautet: Je weniger Immigranten, umso besser geht es den Franzosen.
Im Visier haben beide vor allem die muslimischen Einwanderer. Zuletzt behauptete Marine Le Pen sogar, in der ganzen Groß-Region Paris gäbe es nur noch Halal-Fleisch zu kaufen.

Als das französische Parlament im Dezember beschloss, die Leugnung des Völkermords an Armeniern unter Strafe zu stellen, hatte das eine heftige diplomatische Krise zwischen der Türkei und Frankreich zur Folge. Jetzt hat der Verfassungsrat das Gesetz als verfassungswidrig erklärt. Es verstoße gegen die Meinungsfreiheit.

Unser Porträt: Zeynep Sayge
Aus Liebe ist Zeynep Sayge vor 11 Jahren nach Paris gekommen. In ihrer Heimatstadt Istanbul hatte sie sich in einen französischen Fotografen verliebt und geheiratet. Für ihn hat sie alles aufgegeben und ist nach Frankreich umgezogen. Vor anderthalb Jahren hat sie sich scheiden lassen, in Frankreich geblieben ist sie trotzdem, trotz der Anfeindungen gegenüber Migranten. Obwohl der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen bei der Präsidentschaftswahl 2002 bis in den zweiten Wahlgang geschafft hat.

Zeynep wollte nicht nochmal ganze von vorne anfangen. In Paris arbeitet sie bei einem Kulturverein vor allem für und von türkischen Migranten. Die sind in Frankreich eigentlich sehr gut integriert, kaum im Fokus der Auseinandersetzungen, vielleicht auch, sagt Zeynep, weil sie „nur“ eine kleine Minderheit stellen.

Sie glaubt an Allah, geht aber nie in die Moschee. Erst im Ausland wird sie mit ihrer Religion identifiziert, muss sie sich erklären. Sie fordert mehr Respekt für die religiöse Minderheit, so wie sie das gleiche auch in der Türkei für die christlichen Minderheiten einfordert.

Und das Völkermordgesetz? Sie kann verstehen, dass die armenische Minderheit in Frankreich es begrüßt, ist doch der türkische Staat bis heute nicht bereit, es anzuerkennen. Bis vor einigen Jahren wurden bekanntermaßen Schriftsteller wie Orhan Pamuk noch wegen Beleidigung des Türkentums angeklagt, weil sie den Mord an den Armeniern Genozid nannten. In den vergangenen Jahren aber hat auch in der Türkei eine öffentliche Diskussion darüber begonnen.

Für Zeynep Sayge zielt dieses Gesetz vor allem auf die Türken, die in Frankreich leben, denn wer, wenn nicht sie, wird den Völkermord in Frage stellen. Anstatt sie also noch mehr zu stigmatisieren und auszuschließen, hätte Frankreich doch viel mehr den Dialog zwischen den französischen Armeniern und den französischen Türken organisieren sollen, so Zeynep. Dann wäre vielleicht eine wirkliche Aufarbeitung und Versöhnung möglich.

Nathalie Daiber, ARTE Journal

Erstellt: 29-02-12
Letzte Änderung: 07-11-13